Unterkünfte in Neumünster und Boostedt : „Zur Unselbstständigkeit verdammt“: Flüchtlingsbeauftragter gegen Ankerzentren

Stefan Schmidt ist Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein. Er sieht vor allem Nachteile der Ankerzentren.
Stefan Schmidt ist Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein. Er sieht vor allem Nachteile der Ankerzentren.

Stefan Schmidt warnt, dass sich die Probleme der Menschen dadurch verfestigen können.

shz.de von
23. September 2018, 09:10 Uhr

Kiel | Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt hat vor dem Ausbau der Landesunterkunft in Neumünster zu einem sogenannten Ankerzentrum mit bis zu 1500 Plätzen gewarnt. „In Ankerzentren werden Probleme für Schutzsuchende entstehen und sich verfestigen, die es bei einer dezentralen Unterbringung von Asylsuchenden aber auch abgelehnten Asylbewerbern nicht gibt“, sagte Schmidt der Deutschen Presse-Agentur. „Alle Flüchtlinge, auch solche ohne Bleibeperspektive, sollten spätestens nach drei Monaten auf die Kommunen verteilt werden.“ Außerdem sprach sich Schmidt für kleinere Zentren aus.

Bei einer Bürgerversammlung am Montag (24. September) in Neumünster will Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) über die Pläne informieren, die bisherige Landesunterkunft für Flüchtlinge in Neumünster auszubauen. Grote betonte kürzlich, die Landesunterkunft erfülle als Ankunftszentrum ohnehin schon weitgehend zentrale Aufgaben der von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) propagierten Ankerzentren.

1200 Plätze in Boostedt belegt

Aktuell hat Neumünster eine Kapazität von 772 Plätzen. Die zweite Landesunterkunft in Boostedt bei Neumünster - ebenfalls in einer ehemaligen Kaserne untergebracht - hat aktuell eine Kapazität von 1675 Plätzen - belegt sind zurzeit etwa 1200. Die Gemeinde mit 4600 Einwohnern berichtete von wachsenden Problemen insbesondere mit frustrierten Flüchtlingen ohne Bleibeperspektive - sie machen inzwischen etwa zwei Drittel der 1200 Flüchtlinge aus.

Grote reagierte und kündigte an, 2019 die Zahl der dort untergebrachten Flüchtlinge auf 500 zu reduzieren, in Notfällen auf maximal 700. Im Jahr 2024 werde die Unterkunft komplett geschlossen - auch wenn es im Norden keinen anderen Ort mit einer so gut geeigneten Infrastruktur für die Flüchtlingsbetreuung gebe.

Schmidt kritisiert geplanten Ausbau als „Rückschritt“

Schmidt kritisierte den geplanten Ausbau der Landesunterkunft in Neumünster zum Ankerzentrum als „Rückschritt der bis dato im Bundesvergleich relativ liberalen Flüchtlingspolitik der Landesregierung“. Die Unterbringung in einem Ankerzentrum dürfe keinen Haft- und Strafcharakter haben - werde aber von etlichen Betroffenen sicher genauso empfunden, meinte Schmidt.

„Die Menschen in Ankerzentren werden zur Unselbstständigkeit verdammt, sie können nicht eigenständig den Lebensunterhalt erarbeiten, den Tagesablauf nicht mit eigener Planung und Zubereitung von Mahlzeiten organisieren, denn sie haben keine Möglichkeit selbst zu kochen.“ Schmidt kritisierte weiter, dass die Flüchtlinge wegen der Residenzpflicht außerhalb der Stadt Neumünster nur mit ausdrücklicher amtlicher Erlaubnis andere Personen besuchen dürften und kaum Kontakt zur Außenwelt aufbauten. „Die Anker-Zentren werden zu Isolation und Belastungen bei Geflüchteten führen - und die soziale wie berufliche Integration erschweren“ prophezeite Schmidt. Dies werde hohe Folgekosten hervorrufen.

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