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Altenheime in SH : Zu gute Noten: Der Pflege-Tüv ist durchgefallen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Inflation der Kuschelnoten: Experten zweifeln an der Aussagekraft der Berichte. Sie fordern die Abschaffung der Benotungen.

Kiel | Dagmar K. fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. „Die Einführung des Pflege-Tüv wurde als große Transparenzoffensive gefeiert: Noten sollten die Qualität der Pflegeheime widerspiegeln, doch das ganze ist ein Flopp“, schimpft die Eutinerin. „Statt versprochener Transparenz werden Mängel einfach verschleiert“. Bei der Suche nach einem Pflegeheim für den Vater muss sie sich jetzt auf ihr Bauchgefühl verlassen. 

Und das ist auch besser so: Erst kürzlich wurde in Bayern eine Einrichtung von der Heimaufsicht wegen gravierender Pflegemängel geschlossen, obwohl das Haus beim Pflege-Tüv die Note sehr gut bekam. Auch im Norden ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Zwar schneiden die Häuser in Schleswig-Holstein mit einer durchschnittlichen Gesamtnote von 1,4 ab. Doch wie dem vor Kurzem veröffentlichten Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) zu entnehmen ist, wurden im Zuge der jährlichen Regelprüfungen in rund 14 Prozent der 647 stationären Einrichtungen Pflegeschäden entdeckt: davon in 57 Einrichtungen Fälle von Druckgeschwüren (Dekubitus), in 43 Einrichtungen Fälle von Unterernährung. „Pflegeschaden bedeutet, dass in einer Einrichtung nicht alles unternommen worden ist, um einen schlechten körperlichen Zustand zu verhindern“, heißt es in dem Bericht wörtlich. Aus Sicht des MDK Nord ist die Pflegequalität „weiter zu optimieren“. Die Gutachter hatten 5340 Pflegebedürftige persönlich in Augenschein genommen und dabei auch den Stand der Ernährung und den Zustand der Haut begutachtet.

 

Der MDK weiß also über die Situation in den Heimen relativ gut Bescheid. Dass die entdeckten Pflegemängel sich nicht in schlechten Noten niederschlagen, liegt daran, dass schlechte mit guten Noten ausgeglichen werden können. So erhält ein Pflegeheim von den Gutachtern die Note Fünf wegen unbehandelter Druckgeschwüre. Doch am Ende darf es sich mit der Gesamtnote Zwei schmücken – weil  die Bewohner bei der Gestaltung der Gemeinschaftsräume mitwirken können. Dabei reicht es schon, wenn dieses Mitwirkungsrecht nur in der Hausordnung steht – ob es  tatsächlich umgesetzt wird, spielt  keine Rolle. Wichtig ist nämlich, was die MDK-Kontrolleure in den Patientenakten und den Heimkonzepten lesen. Deshalb müssen sich die Mitarbeiter in den Einrichtungen intensiv um die Dokumentation kümmern und haben dadurch weniger Zeit für die Pflege.

„Aus heutiger Sicht muss man feststellen, dass das System der Pflegenoten gescheitert ist“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Bundestags-CDU Jens Spahn und stufte den Pflege-Tüv als „Desaster“ ein. Gesundheitsstaatssekretär Karl-Josef Laumann fordert deshalb, die Veröffentlichung der Transparenz-Prüfungen auszusetzen, da sie Angehörigen keine verlässliche Qualitäsangaben über die Güte der einzelnen Einrichtungen an die Hand geben. „Die Spitzenverbände der  Krankenkassen und der  Heimbetreiber haben ein System vereinbart, das keinerlei Aussagekraft hat“, kritisierte Laumann kürzlich. Die Noten seien das Ergebnis einer „unseligen Geheimdiplomatie der Selbstverwaltung“ mit dem Ziel, „bewusst Schwachstellen zu vertuschen, damit keine Pflegeeinrichtung schlechter dasteht als andere“. Auch Kiels Sozialminsterin Kristin Alheit (SPD) ist alarmiert: „Die Aussagekraft im bisherigen Pflege-Tüv ist begrenzt“. Ziel müsse es deshalb sein, dass gute Pflege mehr Gewicht bei den Beurteilungen bekommt und so eine echte Orientierungshilfe entsteht.

Über Reformansätze wird jetzt kräftig gestritten. Gefordert wird etwa die Einführung eines KO-Systems. Demnach könnten Prüfergebnisse, die als substantiell eingestuft werden – wie  die Prävention gegen Druckgeschwüre, schlechte Ernährung, zu wenig Flüssigkeit und Hyienemängel – nicht mehr ausgeglichen werden und würden automatisch zu einem „mangelhaft“ in der Gesamtbewertung führen. Verbesserungsvorschläge zum Notensystem soll es nach Angaben des Ministeriums in Berlin in einem entsprechenden Gesetzentwurf im Sommer geben.

Und wie findet Dagmar K. jetzt das richtige Heim für ihren Vater? „Auf jeden Fall nicht durch einen Blick auf die Noten, sondern durch den persönlichen Eindruck, den man sich verschafft“, meint Maria Brinkmann vom Pflegestützpunkt in Lübeck. „Fahren sie hin, schauen Sie sich die  Einrichtungen an“. Einen ähnlichen Tipp gibt auch Jan Gömer vom  MDK-Nord: „Hinsehen, reden und riechen“. Wem  schon in der Eingangshalle ein unangenehmer Uringeruch auffalle, solle besser gleich kehrt machen. Ansonsten sei es wichtig, mit den Menschen vor Ort zu reden – nicht nur mit dem Personal, sondern möglichst mit Heimbewohnern und deren Angehörigen. „Ganz wichtig ist zu beobachten, wie miteinander umgegangen wird“, so Gömer. Nur so könne man feststellen, ob das Personal Zeit für Zuwendung habe. Auch die gute Erreichbarkeit für Angehörige dürfe nicht unterschätzt werden. Ein Blick auf den Pflege-Tüv unter www pflegeloste.de könne allerdings auch nicht schaden. „Dabei kommt es nicht auf die Gesamtnote an, sondern auf die Einzelnoten in denTeilbereichen“, so sein Rat. 

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erstellt am 08.Feb.2015 | 18:03 Uhr

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