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Gemeinschaftsschulen in SH : Zeugnisse ohne Noten: Heute beginnt der Test

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In mehreren Gemeinschaftsschulen wird heute die Kompetenz der Schüler beurteilt. Doch die Skepsis bleibt.

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2016 | 19:59 Uhr

Schleswig-Holstein vollzieht einen weiteren Schritt, der Schul-Beurteilungen ohne Noten festigt: Wenn heute die Halbjahreszeugnisse vergeben werden, verwendet ein Teil der Gemeinschaftsschulen in den Klassen 5 bis 7 freiwillig erstmals die vom Land neu entwickelten „kompetenzorientierten Berichtszeugnisse“. Sie sollen nach der nun beginnenden Testphase zum Schuljahr 2017/18 grundsätzlich verbindlich für alle Gemeinschaftsschulen werden. Derzeit gibt jede der aus früheren Real- und Hauptschulen entstandenen 185 Gemeinschaftsschulen ihr eigenes, selbstentworfenes Zeugnis aus. 97 Gemeinschaftsschulen verteilen noch Zensuren.

Zeugnisse ohne Noten sorgen immer wieder für Diskussionsstoff. Befürworter argumentieren, ohne Noten sei die Freude am Lernen größer. Kritiker bemängeln unter anderem die fehlende Vergleichbarkeit.

Das Bildungsministerium sieht den jetzigen Schritt als Fortsetzung des Landtagsbeschlusses, der bereits bis zur vierten Klasse einheitliche, vom Grundsatz her notenfreie Zeugnisformulare eingeführt hat. „Eine Festlegung auf verbindliche Zeugnisformulare trägt zu einer besseren Vergleichbarkeit der abgebildeten Leistungen bei“, sagt Ministeriumssprecher Thomas Schunck. Auch lege der Unterricht heute einen Schwerpunkt auf Kompetenzen. Diesen Unterricht könnten kompetenzorientierte Zeugnisse „aussagekräftiger abbilden als Notenzeugnisse“.

So erfährt das Kind nicht auf einen Blick, wo es auf einer Skala zwischen Eins und Sechs steht. Stattdessen wird es pro Fach in vier bis sechs Fähigkeiten beurteilt. Der Lehrer kreuzt an, ob der Schüler etwas „sicher“, „überwiegend sicher“, „teilweise sicher“, „überwiegend“ oder „unsicher“ beherrscht. Auf der Liste steht zum Beispiel für Deutsch zur Fähigkeit „Sprechen“: „Sich verständlich und der Situation entsprechend ausdrücken; auf Gesprächsbeiträge sachlich eingehen, nachfragen und eigene Meinungen nachvollziehbar vertreten sowie das eigene Gesprächsverhalten reflektieren“. Für Mathe lautet eine der Kompetenzen „Daten und Zufall“. Da wird von „sicher“ bis „unsicher“ bewertet, wie weit jemand „Zufallsexperimente plant und durchführt“, wie es steht um „Häufigkeiten ermitteln und graphisch darstellen, Mittelwerte berechnen, Daten in realitätsbezogenen Situationen analysieren und einfache kombinatorische Probleme lösen“.

Die Skepsis bleibt

Offenbar gibt es auch Bedenken, ob die bisherigen Zeugnisse Marke Eigenbau juristisch stets einwandfrei sind. Jedenfalls sollen Einheitsformulare laut Ministerium „sicherstellen, dass Zeugnisformate genutzt werden, die den rechtlichen Rahmenvorgaben entsprechen.“ Viele Gemeinschaftsschulen wünschten sich „auch aus arbeitsökonomischen Gründen diese Vereinheitlichung verbindlicher Vorgaben“.

Von den Betroffenen scheint indes noch keine Seite so recht glücklich zu sein. „Viele Schulen waren mit ihren notenfreien Zeugnissen deutlich weiter als das jetzige Raster aus dem Ministerium. Die empfinden das als Rückschritt“, sagt Christiane Petersen, die im Landesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) das Ressort Bildung verantwortet. „Es sind viele, viele Stunden Arbeit in die eigenen Entwürfe geflossen, und viele Kollegen fragen sich, warum all das jetzt nichts mehr wert sein soll“. Die traditioneller orientierte Interessenvertretung der Lehrkräfte (IVL) hingegen sorgt sich, dass mit dem jetzigen Schritt die Abkehr von Noten forciert wird. „Die Schüler selbst fragen immer nach einer Zahl, weil sie damit besser einschätzen können, wo sie stehen“, betont IVL-Vorsitzende Grete Rhenius. Auch müssten sie sich an Noten gewöhnen, bevor diese ab Klasse 8 ohnehin kämen und dann schnell abschlussrelevant würden. Besonders kritisch sieht Rhenius, „dass Kompetenzraster zum Beschönigen verleiten“. Am besten findet sie eine Kombination aus Zensuren und ergänzenden Sätzen.

Eine Schulkonferenz kann weiter an Noten festhalten

Benita von Brackel-Schmidt, Vize-Vorsitzende des Landeselternbeirats, ist zwar große Anhängerin von Zeugnissen ohne Ziffern, „da man ein Kind mit Kompetenzen besser betrachten kann“. Dennoch hofft sie, „dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist“. In den Formulierungen der Kompetenzen „stecken viele, oft aus den Lehrplänen abgeleitete Fachbegriffe, die Eltern so nicht unbedingt verstehen“.

Ministeriumssprecher Schunck verweist darauf, dass weitere Erfahrungen aus der Praxis in die endgültige Version der Zeugnisse einfließen sollen. Unter anderem mit einer Online-Umfrage im Februar. Erst dann werde sich auch zeigen, wie viele Schulen heute schon freiwillig an der Testphase mitmachen. Zwar versteht die rot-grün-blaue Regierungskoalition das einheitliche Kompetenzzeugnis als Grundsatz für die Gemeinschaftsschulen. Allerdings sieht sie darin dort nicht zwingend das Aus für Noten in Klasse 5 bis 7. „Derzeit“ ist laut Schunck „nicht angedacht“, die Ausnahmeregelung zu ändern, nach der eine Schulkonferenz für sich an Noten festhalten kann. Das bestätigt die Vorsitzende des Landtags-Bildungsausschusses, Anke Erdmann (Grüne).

 

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