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Flüchtlingskrise in Europa : Zahl der unbegleiteten Minderjährigen verdreifacht - Paten erzählen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Kinder und Jugendliche kommen ohne Eltern nach SH. Ein Ehepaar aus Kappeln hilft - und gibt Einblick in ihre Aufgaben.

shz.de von
erstellt am 11.Jan.2016 | 14:12 Uhr

Kappeln, Kiel | In Schleswig-Holstein werden immer mehr unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMA) registriert. Im Jahr 2014 hat sich deren Zahl gegenüber 2013 von 438 auf 830 knapp verdoppelt, 2015 ist sie mit 2716 Minderjährigen auf mehr als das Dreifache angestiegen. Dies geht aus aktuellen Daten des Sozialministeriums hervor. Bundesweit gehört Schleswig-Holstein demnach zu den sieben Ländern mit einer Überschreitung der gesetzlich vorgeschriebenen Quote. „Aktuell haben wir deswegen 504 Minderjährige zur Verteilung angemeldet. Verteilt sind rund 220, vorwiegend nach Niedersachsen“, sagte Sprecher Frank Lindscheid.

2015 kamen insgesamt 50.000 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein. 13 Einrichtungen sind für die Erstaufnahme von Flüchtlingen in Betrieb oder als Reserve bezugsfertig, heißt es auf der Seite des Innenministeriums Schleswig-Holsteins.

Im Gegensatz zu erwachsenen Flüchtlingen müssen Minderjährige von den Jugendämtern unter Vormundschaft gestellt und einzeln oder in kleinen Wohngruppen intensiv betreut werden. „Die Suche nach geeignetem Wohnraum ist eine erhebliche Herausforderung“, sagt Claudia Langholz, Geschäftsführerin der Iuvo, einem der größten für die Unterbringung und Betreuung von Minderjährigen zuständigen Träger im Land.

Unter Einhaltung aller Regularien und angesichts der Größenordnungen brauche dies einige Monate Vorlaufzeit. „Wir konnten die Nachfrage der Kommunen bis jetzt nicht in allen Fällen zeitnah bedienen.“ Bei der Iuvo wurden Stand Juni vergangenen Jahres noch 110 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut, derzeit sind es 260. Da es nicht ausreichend Plätze gebe, müssten viele Minderjährige zunächst in den Erstaufnahmen verbleiben. „Dort können sie in der Masse schlecht betreut werden, sind eventuell mit Benachteiligung, Gewalt oder sogar sexuellen Übergriffen durch Erwachsene konfrontiert“, kritisiert Ole Vent vom Kieler Verein Lifeline, der ehrenamtliche Vormünder für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vermittelt und berät. „Sozialministerin Kristin Alheit hat im November sechs zum Schutz der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge gedachte Einrichtungen angekündigt. Großer Rummel, aber viel ist nicht passiert, bislang gibt es nur eine einzige.“

Für „hoch problematisch“ hält Martin Link vom Flüchtlingsrat den Einsatz von Amtsvormündern, die im Grenzfall für bis zu 50 Kinder und Jugendliche zuständig sein können. Dies entspreche nicht den Bedürfnissen der Flüchtlinge. „Sie kommen zum Teil aus dem Krieg, wo Mord und Totschlag herrschen. Es ist für sie nicht leicht, sich zurecht zu finden.“

Link lobt diesbezüglich den Einsatz von Lifeline, doch es würden viel mehr ehrenamtliche Vormünder benötigt, um die psychosoziale Versorgung zu gewährleisten – sowie geeignete Fortbildungen für diese Ehrenamtler. „Außerdem gibt es dringenden Bedarf an Paten, die einen persönlichen Bezug zu den Flüchtlingen aufbauen, ihnen nah stehen und bei der Bewältigung des Alltags helfen.“

Ein Rentner-Ehepaar aus Kappeln hat sich der Aufgabe angenommen und kümmert sich um vier albanische Geschwister sowie Frau und Baby des Ältesten. Doch wie ist es, sich ehrenamtlich für die Kinder einzusetzen? Dem sh:z haben sie ihre Geschichte erzählt - und die der Familie Mane.

Der Anruf vom Ordnungsamt kam am 28. Mai – Rainer und Gabriele Markus saßen zu Hause beim Mittagessen. Die Familie sei angekommen und warte, habe es geheißen. Leider gebe es keinen Dolmetscher, man hoffe, er könne Albanisch, erinnert sich der 67-Jährige. „Ich habe einfach geantwortet: Na klar, ich kann Albanisch. Dann sind wir hingefahren.“

Im Rathaus gab es ein erstes Kennenlernen mit Sokol Mane (24), seiner hochschwangeren Frau Kimete (22) und seinen drei Geschwistern Fatjona (13), Shehap (15) und Gentjana (17), alle fünf frisch von der Erstaufnahme Neumünster in Kappeln eingetroffen, aus der kleinen Stadt Kukes in den Bergen Nordalbaniens stammend. Nach dem Austausch der Namen wurde es schwierig: „Wie sollte ich begreiflich machen, wer ich bin?“, sagt Rainer Markus. Es ging – mit Händen und Füßen.

Rainer Markus kennt den Umgang mit Hilfsbedürftigen. Er war 30 Jahre in seiner früheren Heimat Hanau als Sozialarbeiter tätig. „Und als vor 20 Jahren der Balkankrieg anfing, kamen viele Flüchtlinge in den Ort. Wir haben einen Verein aufgebaut, für Hausaufgabenhilfe, Ämtergänge, Sport, Kinderbetreuung.“ Er habe sich darin selbst verwirklicht. „Das war eine schöne Sache, es kam so viel zurück. Man lernt über den Tellerrand zu schauen.“

Nach der Verrentung kam 2012 der Umzug nach Kappeln, die Gegend hatten beide durch viele Urlaube lieben gelernt. Dieses Frühjahr sprach ein Nachbar, der bereits im Sozialforum der Stadt als Pate aktiv war, Rainer Markus an. „Er hat mich zu einem Treffen mitgenommen, zwei Tage nachdem ich meine Bewerbung für uns als Patenfamilie abgegeben hatte, rief mich der Leiter an, ob ich bereit wäre.“

Der erste gemeinsame Gang mit den Albanern führte zur von der Stadt angemieteten Wohnung. „Sie war möbliert, sauber und wirklich liebevoll eingerichtet, sogar der Tisch war gedeckt, die Leute vom Amt haben damit ausgedrückt: Ihr seid willkommen“, erinnert sich Markus. Die Waschmaschine anschließen, den Mülleimer erklären, ein Namensschild an die Tür machen, die Sozialhilfe als Scheck bei der Bank auszahlen lassen und den ersten Einkauf machen – das waren noch die kleineren Dinge, bei denen das Kappelner Paar half. Schulbesuch, Sprachkurse und Ämtergänge mussten organisiert werden.

Und all dies war quasi immer noch nebensächlich – verglichen mit dem Bauch der werdenden Mutter. „Sie hatte mir zehn Finger gezeigt, mir war klar, dass es sich dabei nicht um Wochen handeln konnte“, so Markus. Wenige Tage später wurde ein Vorstellungstermin im Krankenhaus Schleswig wahrgenommen. „Die haben sie gleich dort behalten. Am nächsten Tag war das Kind da. Wir haben unterdessen nach einem Babysitz gesucht und Klamotten organisiert.“

Rainer Markus ist beeindruckt von der Geschichte der Familie. „Als ich hörte, dass das Herkunftsland Albanien ist, war ich ja ehrlich zuerst enttäuscht. Jetzt weiß ich: Es gibt andere Gründe als Krieg.“ Man spreche oft abwertend von Wirtschaftsflüchtlingen. „Wenn man die Hintergründe erfährt, ergibt das ein ganz anderes Bild.“

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas. Bei den Manes war die Mutter bereits 2002 verstorben, der Vater 2012. Sokol Mane, dem von einem albanischen Gericht die Vormundschaft für die Geschwister zugesprochen worden war, verlor 2013 seine Arbeit. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, 25 Euro monatlich pro Person betrug die Hilfe vom Staat, doch allein der Strom kostete 70 Euro. Die Kinder konnten nicht in die Schule gehen, weil kein Geld dafür da war. Aufgrund von Schulden musste Sokol Mane schließlich das Haus der Familie verkaufen, sogar Gefängnis drohte.

„Wir haben gelesen, dass es hier Hilfe für Kinder ohne Eltern gibt. Vor einem Jahr hat mein Bruder gesagt, wir fahren nach Deutschland“ erzählt Fatjona, die bereits sehr gut Deutsch spricht. Mit einem Teil des Geldes aus dem Hausverkauf habe man die Reise finanziert. „Die Situation war ausweglos, wie sollte der Bruder die Familie durchkriegen?“, zeigt Rainer Markus Verständnis.

Laut Migrationsbehörden seien die Chancen der Familie auf Anerkennung des Asylantrags sehr gering. Bei minderjährigen Schulkindern gebe es hingegen Möglichkeiten. Sie seien gefragt worden, ob sie bleiben würden, wenn ihr Bruder abgeschoben wird. „Sie wollen das nicht – und das kann ich gut verstehen“, sagt Markus. Sokols Vormundschaft hätte juristisch geprüft werden müssen, dann würde die Sache anders ausgesehen, glaubt er. Die amtliche Vormundschaft für die Kinder liegt jetzt beim Jugendamt.

Derzeit herrscht vollkommene Ungewissheit über die Zukunft. Fatjona und ihr Bruder gehen zur Schule, die ältere Schwester in die Berufsschule, jeweils gekoppelt mit Sprachunterricht. Fatjona und Gentjana spielen zweimal wöchentlich Volleyball im Verein, Shehap Fußball. Sokol darf und würde gern handwerklich arbeiten, hat jedoch aufgrund geringer Sprachkenntnisse noch keinen Job. Fatjona will später Rechtsanwältin werden, Gentjana Kindergärtnerin und Shehap Ingenieur – doch bis dahin ist es weit.

„Wir versuchen diesen Menschen alles mitzugeben, was wir mitgeben können. Und das menschliche Miteinander gibt Kraft“, sagt Rainer Markus. Als Sokol Manes Frau für 13 Tage in die Kieler Uni-Klinik musste, weil das Baby nicht aß, blieb auch der Bruder in Kiel. Rainer und Gabriele Markus kümmerten sich um die Geschwister. „Und als das Baby gesund wurde, war die Erleichterung fast wie beim eigenen Kind. Wir haben dann auch überlegt, wie die Sache wohl in Albanien ausgegangen wäre“, sagt Rainer Markus, der mit seiner Frau eine erwachsene Tochter hat.

Die Mädchen konnten im Gegensatz zu den Jungs nicht schwimmen – „nach einem Kurs liefern sie sich nun einen Wettstreit untereinander“. Gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge oder Treffen zum Kaffee sind mehrfach in der Woche üblich. Bei einem Besuch habe Kimete mit dem Baby auf dem Arm die Tür geöffnet, auf ihn gezeigt und „Opa“ gesagt. „Darauf hab ich dann bestanden“, scherzt Rainer Markus.

Humor hilft auch in anderen Situationen. Bei einem Abendessen mit den jüngeren Kindern kurz nach dem Kennenlernen gab es Hühnerfrikassee. „Die wussten nicht, was das ist und haben darin herum gestochert. Da habe ich eben ein Huhn nachgemacht.“

In einer Patenschaft sollen Menschen ein Stück weit in ihr neues Leben begleitet werden. Rainer und Gabriele Markus tun viel mehr, wissen das und stehen dazu: „Uns ist es wichtig, dass diese Menschen in unserem Leben bleiben. Sie sind uns lieb geworden. Es ist wie eine große Familie, die wir geheiratet haben. Das macht Spaß.“

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