Sorge um Europas Zukunft : „Woche der Brüderlichkeit“ in Kiel eröffnet

Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Henry G.  Brandt, Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der ungarische Schriftsteller György Konrad bei der Eröffnung.
Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Henry G. Brandt, Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der ungarische Schriftsteller György Konrad bei der Eröffnung.

Seit 1952 gibt es die Woche der Brüderlichkeit, zum ersten Mal wird sie in Schleswig-Holstein eröffnet. Der Auftakt ist geprägt vom Krim-Konflikt, von der Sorge um Europa und dem wachsenden Antisemitismus. D

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09. März 2014, 17:11 Uhr

Zum Auftakt der bundesweiten christlich-jüdischen Woche der Brüderlichkeit hat Schleswig Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) vor wieder aufkeimendem Rechtsextremismus in Europa gewarnt. „Es zeigt sich wieder das Ungeheuer, das Faschismus heißt, das Ungeheuer, das Antisemitismus heißt“, sagte Albig am Sonntag im Kieler Opernhaus und verwies auf die Ukraine und Ungarn, aber auch Frankreich und Deutschland.

Der ungarische Autor und Holocaust-Überlebende György Konrad (80) wurde bei dem Festakt vor 800 Gästen für seine Verdienste um die christliche-jüdische Verständigung und als Verfechter Europas mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Sie erinnert an die Philosophen und Pädagogen Martin Buber und Franz Rosenzweig. Konrad ermutigte im Gespräch mit der ZDF-Moderatorin Petra Gerster den Westen, im Krim-Konflikt auf Sanktionen gegen die russischen Oligarchen zu setzen und den Geist der Freiheit zu stärken.

Einen Krieg wollten weder der Westen noch Russland, meinte der frühere internationale PEN-Präsident und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste. Auf der Krim zeige sich der für Russland typische Imperialismus. In der Ukraine habe sich dagegen Nationalismus den Weg gebahnt, sagte Konrad. Das sofortige Gesetz des Parlaments in Kiew, die Freiheit der Minderheitensprachen zu begrenzen, „war keine kluge Entscheidung, sondern es war eine Freiheitsbegrenzung„.

Für eine politische Lösung auf der Krim hatte Konrad am Freitag im dpa-Gespräch eine doppelte Staatsbürgerschaft als Option genannt. Ein Referendum auf der Krim über einen Anschluss an Russland hält Konrad derzeit für nicht notwendig und sinnvoll wegen der aufgeheizten Lage.

„Prinzipiell finde ich ein Referendum aber nicht rechtswidrig.“ Es wäre zu einem späteren Zeitpunkt in einer ruhigeren Lage denkbar Voraussetzung seien aber kluge, genaue Fragen. „Wenn die Fragen eines Referendums nicht konsensual sind, dann wäre es irreführend.“  Albig rief zur Verteidigung der gefährdeten Werte Europas auf.

„Wir brauchen dieser Tage nur in die Ukraine zu blicken, um zu merken, wie zerbrechlich Toleranz ist - auch bei uns in Europa.“ Radikale und Rechtspopulisten in der Ukraine ließen die dortigen Juden um ihre Sicherheit fürchten, kritisierte Albig. Der Rabbiner in Kiew habe seine Gemeinde aufgefordert, aus der Stadt und wenn möglich auch gleich aus dem Land zu fliehen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Budapest habe Sorge, dass Ungarn ein Land bleibe, in dem Juden weiterhin leben könnten.

„In Frankreich werden antisemitische Äußerungen scheinbar wieder gesellschaftsfähig“, fuhr Albig fort, ohne Näheres auszuführen. In Deutschland gebe es immer wieder Angriffe auf jüdische Einrichtungen, antisemitische Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen und Ausfälle gegen jüdische Mitbürger. “Dem müssen wir auch in Zukunft mutig und bestimmt entgegentreten, mit allen einem Rechtsstaat zur Verfügung stehenden Mitteln.„“

„Wir wollen kein Europa des Hasses“, betonte Albig. “Wir wollen ein friedliches, ein wertebasiertes Europa.“ Deutschland habe angesichts seiner NS-Vergangenheit eine besondere Verantwortung zu mehr Mut und zu mehr Zivilcourage. „Wir dürfen nicht zulassen, dass in Europa der Intoleranz und dem Hass Beifall geklatscht wird.„ Im Mai werde ein neues Europaparlament gewählt: “Dann ist der Zeitpunkt gekommen, den Hasspredigern gemeinsam den Weg zu verstellen.“

Die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gelte es wachzuhalten, forderte Albig. Da immer weniger Zeitzeugen aus der NS-Zeit noch lebten, unterstütze das Land die KZ-Gedenkstätten in Schleswig-Holstein noch nachdrücklicher in ihrer Erinnerungsarbeit.

Albig würdigte Konrád, der sich für eine freie und tolerante Gesellschaft einsetze und seine Stimme erhebe gegen Rassismus und Antisemitismus. Der Publizist Hellmuth Karasek betonte in seiner Laudatio, Konrad gehöre zu den bewundernswerten Dissidenten, die unter Gefahr für Leib und Leben ihre Stimme erhoben haben. „Er ist ein Brückenbauer, ein Vermittler, der aber auch immer eine eigene Meinung hat.“ Karasek erinnerte daran, dass Konrad als einziger seiner Schulklasse den Zweiten Weltkrieg überlebte. Er gehöre zu den Zeitzeugen, „die nur am Leben bleiben wollten, um Zeugnis abzulegen, um Menschlichkeit wieder ins Leben zu bringen“.

Es ist das erste Mal, dass die seit 1952 begangene Woche in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt eröffnet wurde Veranstalter ist der Deutsche Koordinierungsrat von bundesweit 83 regionalen Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; sie haben eigene Veranstaltungen übers ganze Jahr zum jeweiligen Motto.

Diesmal lautet es “Freiheit Vielfalt Europa„. Dabei steht die zentrale Rolle Europas für Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt.

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