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Debatte um Schulgesetz : Wende ratlos: Wie viele Lehrer braucht SH 2020?

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Heftige Debatte um das neue Schulgesetz im Kieler Landtag: Bildungsministerin Wende spricht von Chancengerechtigkeit und sozialem Zusammenhalt. Die Opposition sorgt sich um die Schüler, die kein Abitur anstreben. Der Lehrerbedarf lässt sich nicht genau vorhersagen.

Kiel | Die Reform des Schulgesetzes hat am Donnerstag zu heftigen Debatten im Kieler Landtag geführt. Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) betonte, das Gesetz ermögliche die bestmögliche Förderung für jedes Kind, es biete Chancengerechtigkeit und fördere den sozialen Zusammenhalt in Schleswig-Holstein. Außerdem lobte sie den Dialogprozess: „Das neue Gesetz hat viele Mütter und Väter, und darüber freue ich mich sehr.“ 

Dem widersprach die CDU-Schulexpertin Heike Franzen energisch. Mit dem Gesetz setze die rot-grün-blaue Landesregierung ihre eigenen Vorstellungen aus dem Koalitionsvertrag 1:1 um. Insgesamt werde die pädagogische Vielfalt an den Schulen eingeschränkt. Außerdem habe Wende ausschließlich die Abiturienten im Blick. „Die Schüler, die kein Abitur anstreben, kommen bei Ihnen nicht vor.“

Franzen kritisierte, dass an den Gemeinschaftsschulen abschlussbezogene Klassen nicht mehr vorgesehen sind. Sie könne auch nicht verstehen, dass es zwar Bestandsschutz für Gymnasien mit neunjährigem Abitur und den vier Gymnasien mit acht und neunjährigem Abitur gebe, aber nicht für die bestehenden 52 Regionalschulen. Das Gesetz sieht künftig ein zweigliedriges Schulsystem mit Gemeinschaftsschulen und Gymnasien als weiterführende Schulen vor.

Was bedeutet das zweigliedrige Schulsystem für die Regionalschulen?

Nach der Grundschule können Schüler nur noch zwischen Gemeinschaftsschulen und Gymnasien wählen. Nach Ministeriumsangaben werden 36 der derzeit noch landesweit 47 Regionalschulen zum 1. August in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Sieben Schulen nehmen keine Schüler mehr auf und laufen aus, vier Schulen liegen unter der Mindestschülerzahl von 240 Schülern und werden aufgelöst.

 

Welche Schulabschlüsse gibt es künftig?

Der Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife (Realschulabschluss) werden abgeschafft. Stattdessen wird an Gemeinschaftsschulen nach neun Jahren die „Berufsbildungsreife“ erreicht, nach zehn Jahren der „Mittlere Abschluss“ und das Abitur nach 13 Jahren - also neun Jahre nach der Grundschule.

 

Gemeinschaftsschule oder Gymnasium - wer entscheidet das?

Die Eltern. Die bisher verbindliche Schulartempfehlung nach Klasse vier entfällt. Stattdessen gibt es ein obligatorisches Beratungsgespräch. Welche weiterführende Schule das Kind besucht, entscheiden allein die Eltern, unabhängig von der Leistung ihrer Kinder.

G8, G9 oder Y? Wann machen die Schüler Abitur?

Das Abitur wird in der Regel nach acht Jahren (G8) erworben. Bestandsschutz erhalten die landesweit elf Gymnasien mit neunjährigem Bildungsgang und die vier Gymnasien, die G8 und G9  als sogenanntes Y-Modell anbieten.

Sind Kooperationen von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien möglich?

Ja. Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe können mit Gymnasien, mit Beruflichen Gymnasien oder mit Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe eine Kooperation vereinbaren. Schüler kennen dann schon frühzeitig ihre jeweilige künftige Oberstufe.

Was sind „Flexi-Klassen“?

Es soll keine abschlussbezogenen Klassenverbände mehr geben. Eine Ausnahme gibt es: Langsamer lernende Schüler können den Stoff der letzten beiden Schuljahre für den Hauptschulabschluss in drei Jahren im Klassenverband machen - in sogenannten „Flexi-Klassen“. Der Unterricht an Gemeinschaftsschulen findet in binnendifferenzierender Form statt. Ab Jahrgangsstufe 7 sind Lerngruppen in einzelnen Fächern - etwa Mathematik, Deutsch oder Englisch - nach Leistungsfähigkeit möglich.

Gibt es auch Gymnasien und Gemeinschaftsschulen unter einem Dach?

Ja. Bisher sind landesweit sechs Gymnasien und Regionalschulen organisatorisch verbunden - was sich laut Ministerium bewährt hat. Auch nach der Umwandlung der Regionalschulen in Gemeinschaftsschulen sollen deshalb diese mit den Gymnasien weiterhin unter einem Dach organisatorisch verbunden sein.

Der genaue Lehrerbedarf in Schleswig-Holstein bis in die Jahre 2020/25 lässt sich laut Wende nicht genau vorhersagen. Eine präzise Bedarfsprognose sei leider nicht möglich, „ich finde diesen Zustand unbefriedigend“, antwortete Wende am Donnerstag im Landtag auf eine Große Anfrage der Piratenpartei. Natürlich wisse das Ministerium, wie viele Lehrer und Schüler es im Land gebe. Unklar sei aber, wie die Schulen ihre Lehrer tatsächlich einsetzen, wie viel Stunden in welchen Fächern sie also geben.

Ein neues Erfassungssystem solle 2013/14 oder im Sommer 2014 in den Schulen eingeführt werden. Aber selbst wenn der Bedarf - zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Mangelfächern - feststehe, sei dies noch keine Lösung des Problems. „Wir können Schüler nicht mit Handschellen in die Uni bringen, damit sie Mathematik und Physik studieren“, sagte Wende 

Enttäuscht reagierte der Piraten-Abgeordnete Uli König. Die Piraten hätten sich anfangs gefragt, ob die Ministerin nicht aufklären könne oder nicht wolle. Die Analyse der Antwort habe rein gar nichts ergeben. Laut König macht den Schulen ein strukturelles Stellendefizit von 1300 Lehrern zu schaffen. Außerdem erfordere der Inklusionsunterricht zusätzliche Stellen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte kürzlich 1000 Stellen gefordert, sonst werde der Inklusionsunterricht im Norden scheitern. Wende legte den Bericht zur Unterrichtssituation 2012/13 vor.

Danach ging die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden Schulen um 4376 oder 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Die Schülerzahl sank von 301 173 auf 296 797. Die Unterrichtsversorgung habe an den allgemeinbildenden Schulen und Förderzentren auf dem Vorjahresniveau gelegen, an den berufsbildenden Schulen konnte sie erneut erhöht werden.

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erstellt am 26.09.2013 | 17:15 Uhr

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