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Interview mit Ekkehard Klug : Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Minister?

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Gegenwind: Bildungsminister Ekkehard Klug spricht im Interview mit Peter Höver über die Schulreform, Rücktrittsforderungen und den Rückhalt im eigenen Haus.

Keiner Ihrer Kabinettskollegen steht so in der Kritik wie Sie. Macht der Job noch Spaß?
Das, was das neue Schulgesetz ermöglicht, wird, wird doch offensichtlich auch von vielen Eltern gewünscht. Es gibt einen starken Wunsch nach G-9-Angeboten an Gymnasien. Und genau deshalb schlagen alle diejenigen, die das schon immer nicht gewollt haben, jetzt eine härtere Gangart ein.
Rücktrittsforderungen an Ihre Adresse gibt es reichlich - erklären Sie uns, warum Sie Bildungsminister in Schleswig-Holstein bleiben wollen?
Ich war lange genug selbst Oppositionspolitiker, um das Gewicht solcher Forderungen einordnen zu können. Das ändert aber nichts an meiner Überzeugung, dass der von der Koalition eingeschlagene Weg zu mehr pä dagogischer Eigenverantwortung der Schulen richtig ist. Wir finanzieren zudem - auch mit Landesmitteln - erstmals die Schulsozialarbeit. Das hat die SPD nie hinbekommen! Wir haben neue Möglichkeiten zur Förderung hochbegabter junger Menschen. Wir werden die Lehrerbildung reformieren. Das alles sind Vorhaben, die ich voranbringen möchte.
So rasant schnell wie Sie hat noch selten einer Ihrer Vorgänger in so kurzer Zeit so viel Kritik auf sich gezogen. Was läuft da falsch?
Dass die Opposition und manche Verbände ihre politische Artillerie gegen die Politik der Koalition auffahren, überrascht mich nicht. Das geht soweit, dass ein SPD-Vertreter im Schulausschuss der Stadt Schleswig diese Woche wegen angeblicher Befangenheit aus dem Verkehr gezogen wurde; der Sozialdemokrat hatte erklärtermaßen für die Wiedereinführung des Abi turs nach neun Jahren an einem der örtlichen Gymnasien stimmen wollen. Hier ist parteipolitisches Kalkül im Spiel, das man vor Ort sogar nach Art autoritärer Kaderparteien durchzieht.
Also alles nur oppositionelles Machwerk? Schulfrieden hatten Sie nach den Reformen der großen Koalition versprochen - man hat den Eindruck, Sie richten das Gegenteil an.
Wer sich die Aussagen der FDP und auch meine eigenen Aussagen vor der Wahl anschaut, wird feststellen, dass es da keinen Unterschied gibt. Ich habe immer für Korrekturen in der Schulpolitik gestanden - aber auch dafür, dass ein nötiges Maß an Kontinuität gewahrt bleibt. Die Gemeinschafts- und Regionalschulen bleiben ja bestehen. Für die Gestaltung ihrer Unterrichtskonzepte gibt es jedoch Freiräume.
Das kommt öffentlich aber deutlich anders an.
Durch das neue Schulgesetz werden weder Gemeinschafts- noch Regionalschulen dazu genötigt, ihre Arbeitsweise, ihre pädagogischen Konzepte zu verändern. Wenn sie es allerdings selber wollen, dann können Gemeinschaftsschulen künftig in erweitertem Umfang differenzierte Lerngruppen oder sogar abschlussbezogene Klassenverbände einrichten. Wer sich darüber aufregt, der hat doch bloß Angst davor, dass eine Schule ein pädagogisches Konzept gut findet und erfolgreich durchführt, das ihm selber nicht in den Kram passt.
Verstehen Sie, wenn Ihr Koalitionspartner CDU inzwischen Sorge hat, für die wenig freundlichen Debatten um Ihre Politik in Mithaftung zu sitzen?
Die neuen Schulgesetzbe stimmungen zu Gemeinschafts- und Regionalschulen beruhen zu hundert Prozent auf den Wünschen und Zielen beider Koalitionspartner. Dass die Union uns Liberalen beim Thema G 9 an Gymnasien ein Zugeständnis gemacht hat, weiß jeder. Eine Koalition kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich beide Seiten an die verabredete Politik halten.
Der CDU-Vorsitzende von Boetticher hat für die nächste Wahlperiode sch mal vorsorglich das Bildungsressort für die Union beansprucht. Beifall für die aktuelle Performance klingt anders.
Eigentlich gehe ich davon aus, dass Herr von Boetticher Ministerpräsident werden will. Den Rest sehen wir nach der Neuwahl des Landtags.
Kritik kommt nicht nur von Eltern und Lehrern - wo sitzen eigentlich die Anhänger und Verbündeten auf Ihrem Kurs?
Erst in den letzten Tagen erklärte der Landeselternbeirat der Grundschulen und Förderzentren öffentlich: "G8 kein Selbstgänger - Deutliche Nachfrage nach G9 an Schulen". Alle bisherigen Umfragen und Befragungen bestätigen dieses Bild. Und kein anderer Landeselternbeirat repräsentiert so viele Eltern. Das medial vermittelte Bild einer vorwiegend kritischen Haltung wird dadurch bestimmt, dass auf Seiten der Gegner mehr organisierte Interessen zu finden sind.
Was haben Sie sich bei dem Erlassentwurf gedacht, nach dem Gymnasien auch auf der Grundlage eines medizinisch-psychologischen Attests entscheiden sollten, ob Schüler in eine G8- oder G9-Klasse kommen?
Die Kritik daran ist natürlich berechtigt. Da ist eine schwere Panne passiert. Die nehme ich als derjenige, der diesen Entwurf für eine Anhörung freigegeben hat, auch auf meine Kappe. Dennoch müssen wir die Kirche im Dorf lassen. Erstens hat die Anhörung doch den Sinn, zu möglichen Korrekturen zu kommen, zum zweiten sind diese unannehmbaren Formulierungen vom Tisch. Und um der Frage vorzugreifen,...
...ob FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki Recht hat, wenn er sagt, der Vorgang sei Ihnen von einer sozialdemokratisch durchzogenen Ministerialbürokratie untergejubelt worden?
Ich sehe bei diesem Vorgang weder eine Illoyalität noch ein Dienstvergehen im Spiel. Das ist meine politische Verantwortung. Punkt!
Was war Ihr erster Gedanke, als Kubicki den Vorgang als eine Art Sabotageakt Ihres Ministeriums bezeichnet hat?
Von Sabotage war da zwar nicht die Rede. Aber in dieser Situation musste ich schon erst einmal tief durchatmen.
Wie sicher können Sie sich als Minister noch des Rückhalts in Ihrem Hause noch sein?
Ich habe von den Mitarbeitern des Ministeriums große Unterstützung bekommen, beispielsweise zuletzt bei der Entwicklung des neuen Online-Stellenmarktes für Lehrerinnen und Lehrer. Ich setze darauf, dass dies auch weiter so sein wird.

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erstellt am 15.Feb.2011 | 07:46 Uhr

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