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Interview mit Kieler Afghanistan-Experten : Warum afghanische Flüchtlinge nach Hamburg wollen

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Hans-Hermann Dube spricht über die Fluchtgründe der Menschen – und die Fehler der westlichen Mächte am Hindukusch.

In diesem Jahr sind nach offiziellen Angaben bereits 70.000 Afghanen nach Europa geflohen. In deutschen Sicherheitskreisen geht man davon aus, dass momentan pro Monat rund 100.000 Afghanen ihr Land verlassen. Über Gründe für den Exodus und Fehler in der Politik sprach unsere Zeitung mit Hans-Hermann Dube, der zwölf Jahre lang im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) unter anderem als Regierungsberater in Afghanistan tätig war. Seit sechs Monaten ist er zurück in Kiel und sitzt als Dezernent wieder an seinem Schreibtisch im Kieler Bildungsministerium.

Herr Dube, nach den Syrern machen sich jetzt die Afghanen auf den Weg nach Europa. Können Sie erklären, was dort aktuell passiert?

Die Mittelschicht hat keine Hoffnung mehr auf Besserung. Seitdem die Westmächte ihre Truppen abziehen, fällt eine Region nach der anderen in die Hände der Aufständischen. Ich habe fast täglich Mail-Kontakt mit Bekannten und Freunden in Kundus. Die sind verzweifelt. Viele Menschen, die für uns gearbeitet haben – Zulieferer, kleine Händler, Wachleute sogar die Reinigungskräfte – fühlen sich bedroht. Sie flüchten nach Pakistan oder mit den neuen Pässen, die die Regierung in Kabul seit Jahresanfang ausgibt, in den Iran. Es droht der Rückfall in die afghanische Steinzeit, die nach amerikanischer Lesart ja erst 2001 beendet wurde.

Wohin wollen die Leute?
Ihr gelobtes Land ist sicher Amerika und Kanada. Aber was viele nicht wissen: In Hamburg gibt es die größte afghanische Community der Welt diesseits des Hindukuschs. Die Menschen dort sind bestens integriert. Das zieht natürlich Freunde und Verwandte an. Aber auch nach Pakistan und in den Iran gehen viele, weil sie dort mit der Sprache gut zurechtkommen.

Seit 2001 sind westliche Armeen im Land. Jetzt ziehen sie ab ohne nachhaltige Erfolge. Was ist schiefgelaufen?
Amerikaner und Europäer sind mit dem Anspruch gekommen: „Wir bringen Euch die Demokratie und ein zentralstaatliches Regierungssystem.“ Doch ich vermute, es war falsch, das politische System in Frage zu stellen und ändern zu wollen. Afghanistan hat ein über Jahrtausende gewachsenes, zutiefst föderales Staatsverständnis, das wir nachhaltig gestört und vielleicht sogar zerstört haben. Über Interventionen kann man kein politisches System stabilisieren. Dafür gibt es in den vergangenen Jahrzehnten genug Belege.

Aber die Amerikaner sind doch nicht aus Spaß nach Afghanistan gegangen, dem Volk ging es doch schlecht!
Wir haben möglicherweise Eliten unterstützt, die nach dem Abzug der Sowjettruppen für den Bürgerkrieg verantwortlich waren. Viele wurden später Minister in der neuen Karsai-Regierung. Die breite Masse der Afghanen hatte sich 2001, als nach dem Angriff auf die New Yorker Twin Tower die Amerikaner ins Land kamen, um Terroristennester auszuheben, mit den Taliban längst arrangiert. Die hatten sogar den Drogenanbau auf Null gefahren. Durch Truppenabzug hinterlassen wir jetzt ein Machtvakuum, das alte und neue Warlords füllen. Der Unterschied zu 2001: Heute sind sie hochgerüstet, die Waffenlager randvoll.

War ihr Einsatz am Hindukusch also überflüssig oder sogar falsch?
Nein. Unsere Entwicklungshelfer waren und sind dort hoch angesehen. Seit 1938 sind deutsche Experten in Afghanistan und haben viel erreicht. Wir haben im vergangen Jahrzehnt Schulen aufgebaut, Lehrer eingearbeitet und Unterricht für Hunderttausende Schüler organisiert.

Zwölf Jahre Einsatz in der weiten Welt. Jetzt zurück in Deutschland als Dezernent im Kieler Bildungsministerium. Wie schafft man den Spagat?
Bestens. Ich blicke mit tiefer Genugtuung auf die Zeit zurück. Ich habe nach wie vor engen Kontakt mit Freunden in Afghanistan. Aber mit der Arbeit selbst habe ich abgeschlossen und konzentriere mich auf die Aufgaben in Kiel. Ich glaube, ich bin an Flexibilität nicht zu überbieten.

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erstellt am 29.Sep.2015 | 17:11 Uhr

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