SPD-Politikerin folgt auf Engholm : Vor 25 Jahren: Heide Simonis wird Deutschlands erste Ministerpräsidentin

<p>19. Mai 1993: Die neue schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis leistet im Kieler Landtag den Amtseid. </p>

19. Mai 1993: Die neue schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis leistet im Kieler Landtag den Amtseid.

Schleswig-Holstein ist 1993 in aller Munde: Nicht nur die Wahl Simonis' ist spektakulär, sondern auch die Vorgeschichte.

shz.de von
15. Mai 2018, 07:44 Uhr

Kiel | Sie war die erste und fast zwölf Jahre lang die einzige Frau im Männer-Club der Ministerpräsidenten – doch als so außergewöhnlich hat Heide Simonis ihre Wahl gar nicht empfunden. 25 Jahre ist es her, dass die Sozialdemokratin am 19. Mai 1993 in Kiel erste Chefin einer Landesregierung in Deutschland wurde. Das war doch ein besonderes Gefühl, oder? „Eigentlich nicht, aber da alle sagten, das wäre so, musste ich es ja glauben. Ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken“, sagt die 74-Jährige. Denn es ging ruckzuck.

Simonis war bis dato Finanzministerin in der SPD-Alleinregierung, die am 3. Mai ihren Ministerpräsidenten Björn Engholm verloren hatte, den Bundesvorsitzenden und Hoffnungsträger der Sozialdemokraten in ganz Deutschland. Er war zurückgetreten, weil er 1987 Hintergrundwissen über den Barschel/Pfeiffer-Skandal wider besseren Wissens verneint hatte und dies nun unter dem Druck eines Untersuchungsausschusses zugeben musste. Der SPD-Traum, 1994 bei der Bundestagswahl mit Engholm Helmut Kohl vom Kanzlerthron zu stoßen, war ausgeträumt.

Barfuß im Büro, spitzzüngig unter Männern

Simonis hatte sich schon im Finanzausschuss des Bundestages in einer Männerwelt behauptet, bevor Engholm sie 1988 in sein Kabinett holte. Später, als Vorsitzende der Tarifgemeinschaft der Länder führte sie 1992 Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst so hart, dass sie Respekt und Kritik zugleich erntete. Ihre neue Rolle nahm die unkonventionelle, schlagfertige Frau selbstbewusst an. Aber: „Es war nicht ganz einfach, Ministerpräsidentin zu sein“, sagt sie heute. Wer ihr das Leben schwer gemacht habe? „Die Männer.“ Ihnen schreibt sie Schikanen zu, die Frauen am Fortkommen hindern. Aus gesundheitlichen Gründen hat sich Simonis mittlerweile ins Private zurückgezogen.

Im Amt trat sie ganz anders auf als Engholm. Sie lief barfuß im Büro herum, wartete in der Kantinenschlange auf's Essen, fiel mit schrägen Hüten auf und mit flottem Mundwerk. „Viel Spaß, und macht keinen Scheiß“, rief sie 1996 Tausenden zum Start der Kieler Woche zu. Für Ex-FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki war es 1993 klar, dass Simonis Engholm ablöste. „Von der politischen Kompetenz war sie die geborene Nachfolgerin.“ Aber für Simonis sei es etwas Besonderes gewesen. „Sie hatte immer das Gefühl, sie müsse doppelt so gut sein wie ein vergleichbarer Mann.“ Das habe sie unter Stress gesetzt.

Heide-Mord mit bundesweiten Folgen

„Sie ist ungeheuer populär geworden, hatte ihr Herz auf dem richtigen Fleck“, sagt SPD-Landeschef Ralf Stegner. Simonis habe eine Reformregierung geführt und sich auch von herben Angriffen nicht unterkriegen lassen. Als sie 2005 dem bis heute unerkannten „Heide- Mörder“ zum Opfer fiel, war sie als Ministerpräsidentin immer noch allein. Ihre Wiederwahl scheiterte damals, weil ihr jemand aus den eigenen Reihen vier Mal die Stimme verweigerte. Ihr fassungsloser, leerer Blick blieb TV-Zuschauern wie nahen Beobachtern unvergessen. Den Schock hat sie wohl nie wirklich verkraftet.

<p>Versteinerte Simonis, triumphierender Peter-Harry Carstensen. Ein Abweichler hatte der Ministerpräsidentin 2005 heimlich seine Stimme verwehrt: Eine Tortur.</p>
dpa

Versteinerte Simonis, triumphierender Peter-Harry Carstensen. Ein Abweichler hatte der Ministerpräsidentin 2005 heimlich seine Stimme verwehrt: Eine Tortur.

Das Aus für Rot-Grün im Norden war 2005 auch der Anfang vom Ende für Rot-Grün im Bund. Angela Merkel wurde die erste Kanzlerin. Die zweite Ministerpräsidentin folgte erst Ende 2009 mit der Christdemokratin Christine Lieberknecht aus Thüringen. „Das fand ich schon toll, die erste Ministerpräsidentin“, erinnert sie sich an Simonis. „Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis.“ Beide kannten einander recht gut: Lieberknecht saß in den Neunzigern als Ministerin für Bundesangelegenheiten im Bundesrat neben den Kielern mit Simonis.

Und ihre eigene Wahl? „Das war für mich ein absolut bewegendes Ereignis.“ Lieberknecht bekam damals auch einen Gratulations-Anruf von Simonis: „Sie war sehr solidarisch und hat sich sehr für mich gefreut“. Danach rückten Frauen zügiger an die Spitze in den Ländern: Hannelore Kraft (SPD) 2010 in NRW, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) 2011 im Saarland, Malu Dreyer (SPD) 2013 in Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig (SPD) 2017 in Mecklenburg-Vorpommern.

Gute und weniger gute Noten

Simonis trieb in ihrer Amtszeit die Modernisierung des Landes voran, doch die Verschuldung wuchs immer mehr. Sie war häufig in Talkshows, erreichte aber nicht die bundespolitische Ausstrahlung Engholms. Mit Plänen für eine höhere Mehrwert- oder Erbschaftsteuer scheiterte sie ebenso wie mit einem Alleingang zur „Entbeamtung“ von Lehrern. Ein Aufstieg auf die Bundesebene blieb ihr verwehrt.

Ob sie eine gute Ministerpräsidentin war? „Jein“, sagt Kubicki. „Die ersten Jahre waren wirklich herausragend gut“, lobt er. „Aber wenn Sie nur noch umgeben sind von Leuten, die Ihnen immer was Gutes tun wollen, sie nur loben und Kritik von Ihnen fernhalten, dann verlieren Sie so ein bisschen die Bodenhaftung - und das war ihr Problem.“

So etwas soll aber auch männlichen Politikern passieren. Dass Frauen viel besser sein müssen als Männer, um Top-Positionen erlangen, sieht Bundestagsvizepräsident Kubicki übrigens nicht: „Ich glaube, die Geschlechterdebatte ist teilweise Kommunikationsattitüde geworden.“

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