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Politik-Skandale im Norden : Von Boetticher: Sturz eines Hoffnungsträgers

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Christian von Boetticher wollte Minististerpräsident in Schleswig-Holstein werden. Doch dann störte eine Liebesaffäre die blitzsaubere Karriere des 1,97-Meter-Manns.

shz.de von
erstellt am 12.Jan.2014 | 09:56 Uhr

Kiel | Er war Partei- und Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2012. Ministerpräsident in Schleswig-Holstein wollte er werden. Doch dann kam alles anders, stürzte Christian von Boetticher über die Liebesaffäre zu einer Minderjährigen – aber auch, weil vermeintliche Parteifreunde ihn fallen ließen.

Äußerlich gibt sich Christian von Boetticher gelassen. Als Anwalt in einer Hamburger Kanzlei ist der einstige CDU-Hoffnungsträger heute Lobbyist für Erneuerbare Energien. Zuweilen führt ihn sein Weg dabei zurück ins Kieler Regierungsviertel, neulich auch in die Staatskanzlei. Dort sitzt seit 2012 mit Torsten Albig der Chef einer Koalition aus SPD, Grünen und SSW. Dort würde womöglich von Boetticher sitzen, wenn es anders gelaufen wäre für ihn und seine Partei. Ist es aber nicht.

Kommt die Rede auf die turbulenten Tage im Sommer 2011, dann ist von Boetticher anzumerken, dass längst nicht alle Wunden verheilt sind: Da gab es das in Tränen erstickte öffentliche Bekenntnis verflossener Liebe zu einer Minderjährigen. Da war der mehr erzwungene als freiwillige Rücktritt – erst als Spitzenkandidat und Landesvorsitzender, dann – unter dem Druck der eigenen Partei – auch vom Fraktionsvorsitz.

Im Mai 2012 stehen Landtagswahlen an in Schleswig-Holstein, das Verfassungsgericht hat sie angeordnet. Jede öffentliche Debatte um Boettichers Beziehung droht neun Monate vor dem Urnengang die Chancen der Partei zu mindern.

Sorgsam hat  von Boetticher darauf geachtet, dass das Private auch privat bleibt. Und so bleibt auch zunächst verborgen, dass er im Herbst 2009 über Facebook ein junges Mädchen kennengelernt hat. Man tauscht Nachrichten aus, parliert über Politisches. Der Kontakt führt im März 2010 zur Begegnung mit der 16-Jährigen in einem Düsseldorfer Hotel. Es kommt auch zum Sex. Im Monat darauf besucht das Mädchen Boetticher. Die Eltern der 16-Jährigen wissen davon.

Rechtlich ist gegen die Bindung nichts einzuwenden, sagt von Boetticher später zutreffend. Das Politische und Moralische in der Liaison – Boetticher sieht es zu keinem Zeitpunkt. Oder er will es nicht sehen.  Es ist Ostern. Man schlendert durch Hamburg, wird dort von Parteifreunden gesehen. Gut möglich, dass das spätere Getuschel, das Gerüchte und Nachreden hier ihren Ausgangspunkt haben. Von Boetticher, das ist parteiintern bekannt, ist seit Jahren mit der damaligen Sprecherin der Hamburger CDU, Anna Christina Hinze liiert.

Nur ein paar Wochen später ist die Beziehung zu der 16-Jährigen beendet. Er habe das Mädchen vor den Medien schützen wollen, sagt von Boetticher. Vielleicht ahnt er doch, dass die Liaison zum politischen Problem werden kann?

Vier Wochen nach der Trennung steht ein wichtiger Landesparteitag an. CDU-Chef Peter Harry Carstensen hat angekündigt, nicht erneut für diesen Posten anzutreten. Von Boetticher ist als Nachfolger gesetzt. Mit dessen Wahl ist auch die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl vorentschieden.

Die bis dahin blitzsaubere Karriere des 1,97-Meter-Manns geht weiter. In die Schülerunion tritt er mit 16 Jahren ein. Es folgen Junge Union, Ortsvorstand in der Heimatgemeinde Appen. Mit 24 sitzt er im Pinneberger Kreistag, mit 28 ist der inzwischen promovierte Jurist stellvertretender Vorsitzender der Kreistagsfraktion.

Gleich danach geht es für Boetticher ins Europaparlament nach Brüssel. 2004 verpasst er den Wiedereinzug knapp. Es folgt die Rückkehr in seine Kanzlei und von Boetticher will mit der Politik schon abschließen, als der Carstensen ihn nach der Wahl 2005 zum Landwirtschafts- und Umweltminister macht. 2009 nach der Wahl wechselt er auf den Chefsessel der CDU-Landtagsfraktion.

Seltsam nur: So recht scheint von Boetticher mit seiner Macht nichts anfangen zu können oder zu wollen. Abgeordnete in der Fraktion klagen über mangelnde Präsenz des Chefs. Von Boetticher kommuniziere zu wenig, heißt es, wirke zuweilen wie ein verspielter großer Junge.

Kritiker in den eigenen Reihen favorisieren ohnehin einen anderen als eigentlich erste Wahl für Parteivorsitz und Spitzenkandidatur: Wirtschaftsminister Jost de Jager. Offen aber traut sich niemand aus der Deckung. Kritik an von Boetticher würde auch Carstensen treffen. Der hält zu von Boetticher – noch.

Die innerparteilichen Gegner halten sich auch dann noch zurück als Boetticher im Mai 2011 auf einem Parteitag in Norderstedt formell zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl gewählt wird. 87 Prozent bekommt er – ein für CDU-Verhältnisse mageres Ergebnis.

Schon im Februar desselben Jahres hatten Gerüchte um Boettichers Liebesbeziehung etwa Landesgeschäftsführer Daniel Günther erreicht. Beweise liefert der Zuträger, der bis heute unbekannt blieb, nicht. Dennoch bekommt das Gerücht Beine: Zwischen Juni und Juli 2011 erfahren auch Ex-Parteichef Johann Wadephul und der damalige Landtagspräsident Torsten Geerdts und Carstensen von der Geschichte. Carstensen stellt Boetticher zur Rede. Doch der sieht sich rechtlich auf der sicheren Seite und findet schlicht, Medien hätten nicht über seine Privatsphäre zu berichten.

Es ist August 2011. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Carstensen erfährt, dass Boetticher heimlich geheiratet haben soll – in Las Vegas, und auch dies wird Journalisten aus Kreisen der Parteiführung gesteckt. Carstensen ist fassungslos, berät sich mit Vertrauten.

 

Nicht mehr lange, dann beginnt der Wahlkampf. Carstensen ahnt, dass von Boetticher kaum zu halten sein wird und sagt ihm das auch. Erstmals wird Wirtschaftsminister Jost de Jager darauf vorbereitet, im Notfall einspringen zu müssen. Zugleich ruft Carstensen CDU-Chefin Angela Merkel an und schildert die Lage. Die senkt ebenfalls den Daumen über von Boetticher.

Die Gerüchte über die Affäre breiten sich immer weiter aus. Bei der traditionellen „Stallwachenparty“ zum Ende der Sommerpause raunen Abgeordnete am Donnerstag, den 11. August, Journalisten erste Einzelheiten zu der „Lolita-Affäre“ zu. Noch aber halten sich auch die Journalisten an die Regel, dass das Private privat bleibt – solange es nicht politisch wird.

Das passiert in dem Augenblick am frühen Abend des darauffolgenden Sonnabend. Da lässt  Boetticher über seinen inzwischen konsultierten Medienberater ankündigen, der CDU-Vorsitzende werde tags drauf eine persönliche Erklärung abgeben. Boetticher sehe „sich dazu veranlasst, weil er sich mit Gerüchten und daraus resultierenden Wertungen konfrontiert sieht, die zum Teil auf Spekulationen beruhen, die seine Privatsphäre berühren.“

In den Sonntagszeitungen wird der Fall damit erstmals öffentlich. Carstensen wird in den Blättern mit dem Satz zitiert, er habe seinem politischen Ziehsohn empfohlen, „die richtigen Schlüsse“ zu ziehen. Der Vorgang habe „mehr als eine nur rechtliche Dimension“. Damit ist von Boetticher endgültig  zum politischen Abschuss freigegeben und er weiß das auch. Am selben Tag tritt der Landesvorstand zur Krisensitzung zusammen. Drei Stunden wird debattiert. Dann steht fest: Boetticher verzichtet auf Parteivorsitz und Spitzenkandidatur.

Vom Rücktritt als Fraktionschef, der folgen wird, will Boetticher zunächst nichts wissen. Er selbst und der Landesvorstand treten vor die Presse. Es sei keine Affäre mit der 16-Jährigen gewesen. „Es war schlichtweg Liebe“, sagt er unter Tränen. Ein paar Sätze der Würdigung für Boetticher aus dem Munde von Parteivize Angelika Volquartz. Das war´s. Oder doch noch nicht?

Fraktionschef will Boetticher bleiben. Am Montag geht er ins Landeshaus, Routinetermine. Kurz nach 14 Uhr kursiert eine Agentur-Meldung. Von Boetticher, wird ein CDU-Vorstandsmitglied zitiert, trete auch als Fraktionschef zurück.

Einzufangen ist das nicht mehr. Von Boetticher schreibt deshalb den CDU-Abgeordneten, lässt den Brief auch an die Presse geben. Er habe sich „um 17.10 Uhr entschlossen“ als Fraktionschef zurückzutreten. Unterlegt ist das mit dem Hinweis: „Eine zuvor aus den Reihen des Landesvorstands abgegebene diesbezügliche Erklärung hat mich allerdings sehr irritiert.“

Nur 48 Stunden nach Boettichers Demission verständigen sich die Kreisvorsitzenden mit dem Landesvorstand auf Jost de Jager als Parteichef und Spitzenkandidaten. Weitere zwei Tage drauf wählt die Fraktion in einer Sondersitzung Johannes Callsen zum neuen Fraktionschef im Landtag. Professionelles Krisenmanagement oder erfolgreiche Intrige – diese Frage bleibt, als alle Personalien entschieden sind.

Boetticher bleibt noch Landtagsabgeordneter – bis zur Wahl im Mai 2012. Politisch ist es still geworden um ihn. Stellvertretender Vorsitzender im Kreisverband Pinneberg ist er noch. Und Delegierter beim Landesparteitag – einer von fast 300.

Politiker und junge Frauen scheinen überall eine Schwäche füreinander zu haben.  In anderen Ländern führten Lolita-Affären zu handfesten Skandalen.

DIE BUNGA-BUNGA-AFFÄRE 
Italiens ehemaliger Regierungschef Silvio Berlusconi und seine kurzzeitige Herzdame Ruby: 2010 soll Berlusconi die damals minderjährige Marokkanerin Karima al Marough alias Ruby Rubacuori bei Partys in seiner Villa in Arcore für Sex bezahlt haben. Die Affäre leitete das Ende von Berlusconis politischer Karriere ein, am 27. November 2013 verlor er seinen Sitz im Senat.

DIE TEENAGER-AFFÄRE
Die 59-jährige Iris Robinson, Ehefrau des Nordirischen  Premierministers, und der 19-jährige Kirk: Die Liebesbeziehung führte 2010 zu zahlreichen Witzen über „Mrs. Robinson“, die Melodie des gleichnamigen Hits von Simon and Garfunkel spukte wohl in den Köpfen der Schlagzeilenmacher herum. In der Berichterstattung über die Teenager-Affäre der nordirischen First Lady mangelt es nicht an süffisanten Anspielungen auf den Film „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahr 1967, in dem ein junger Dustin Hoffman von der verheirateten, reifen Frau Robinson verführt wird. Ausbaden musste es ihr Mann, der  Premier trat zurück.

DIE LEWINSKY-AFFÄRE
Bill Clinton mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky:  Im August 1998 gestand Clinton, eine „unangemessene Beziehung“ mit der Praktikantin gehabt zu haben. Ihm wurde in Folge Behinderung der Justiz vorgeworfen. Im Februar 1999 wurde Clinton in einem Amtsenthebungsverfahren freigesprochen. Der Satz „I did not have sexual relations with that woman, Ms. Lewinsky“ schrieb trotzdem Weltgeschichte.

 

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