Hermann Ehlers Preis : Vitali Klitschko im Kieler Schloss: Russland betreibt Kriegstreiberei

Vitali Klitschko bei der Verleihung des Hermann-Ehlers-Preises in Kiel.
Vitali Klitschko bei der Verleihung des Hermann-Ehlers-Preises in Kiel.

Klartext und Emotionen von Vitali Klitschko und seiner Frau in Kiel: Vor der Verleihung des Hermann Ehlers Preises kritisierte der Ex-Boxweltmeister und heutige Kiewer Bürgermeister Russland.

shz.de von
23. Mai 2015, 09:16 Uhr

Kiel | Vitali Klitschko hat bei einem Besuch in Deutschland Russland Kriegstreiberei in der Ost-Ukraine vorgeworfen. „Dieser Krieg ist künstlich aufgebaut“, sagte der Ex-Boxweltmeister und heutige Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew am Freitag in Kiel. „Ohne Propagandakrieg, Gehirnwäsche, ohne finanzielle Unterstützung, ohne Waffenlieferung würde dieser Krieg niemals stattfinden.“ In der Ukraine seien Sprachen oder Nationalitäten nie ein Problem gewesen, es lebten derzeit mehr als 70 Nationalitäten dort. „Wir haben immer friedlich gelebt. Die Propaganda hat nur ein Ziel: Unruhe ins Land zu bringen.“ Russland habe das Ziel, wieder ein Imperium aufzubauen, sagte Klitschko. „Aber wir wollen nicht back to USSR (Sowjetunion), wir sehen unsere Zukunft in der europäischen Familie - dafür kämpfen wir.“

Klitschko dankte Deutschland, insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der Europäischen Union (EU) für die bisherige Hilfe. Auf die Frage, ob die EU nicht mehr tun müsse als gerade beim EU-Gipfel in Riga beschlossen, sagte er ausweichend: „Wir erwarten weiter Unterstützung.“ Nicht alle teilten den Wunsch der Ukraine, Teil der europäischen Familie zu sein. Nur gemeinsam lasse sich das Ziel erreichen, die Ukraine zu einem modernen, demokratischen europäischen Staat zu machen. Die sei bereits anderen osteuropäischen Ländern wie Polen oder Tschechien gelungen.

„Jeden Tag leider sterben viele Menschen und Hunderte, Tausende, Millionen leiden wegen des Krieges“, meinte Klitschko. Jeder Ukrainer träume davon, dass der Frieden zurückkomme. „Wir haben zwei Fronten“, sagte Klitschko. „In der Ostukraine verteidigen wir unsere Freiheit und Unabhängigkeit.“ Die zweite Front sei im Inneren - „wir müssen sehr viele Reformen durchsetzen“. Dies sei schwierig angesichts der Versuche von Außen, das Land zu destabilisieren.

Emotionen prägten am Abend im Kieler Schloss die feierliche Überreichung des Hermann Ehlers Preises der gleichnamigen CDU-nahen Stiftung an Klitschko. Klitschko erhielt den Preis für sein mutiges wie besonnenes Auftreten bei den Protesten im vergangenen Jahr auf dem Maidan-Platz in Kiew. Gewürdigt wurde sein unermüdlicher Einsatz für eine freiheitliche, demokratische Ukraine und um eine bessere Anbindung an die Europäische Union.

Landtagspräsident Klaus Schlie und der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok würdigten Authentizität und Charakter Klitschkos, der sich trotz der Möglichkeit eines bequemeren Leben mit großem persönlichen Risiko für die Zukunft seines Landes engagiere.

Klitschko ließ in seiner Dankesrede Teile des vorab verbreiteten Textes weg. Dafür erzählte er in bewegenden Worten über seine Erfahrungen bei den von brutaler Polizei-Gewalt begleiteten Maidan-Protesten, die lange enttäuschten Hoffnungen von Millionen Ukrainern auf Reformen und ein besseres Leben. Klitschko bekannte, durchaus Ängste gehabt zu haben. Und oft komme er nach dem politischen Alltag abends völlig übermüdet nach Hause und frage sich, ob die Arbeit überhaupt Sinn mache. Doch jeden Morgen fasse er neuen Mut weiterzukämpfen.

Er appellierte an deutsche Unternehmen, in Kiew zu investieren, die Zeit sei günstig. Mit ihm hätten sie einen Bodyguard, sagte er augenzwinkernd und er versprach, Ansprechpartner zu sein.

Spontan fragte er seine Frau Natalia, ob sie dem Publikum ein ukrainisches Volkslied singen könne, denn nur in diesen Liedern sei die Seele des Volkes zu erfassen. Nach dem ohne Musikbegleitung am Rednerpult vorgetragenen Lied erhoben sich alle Gäste und spendeten im Stehen Beifall. Natalia, früher ein Model, hat inzwischen eine Karriere als Soul-Sängerin gestartet. Auch Vitali erhielt Standing Ovations.

Zu den bisherige Preisträgern der seit 1975 verliehenen undotierten Auszeichnung in Form einer Medaille gehören EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Der Preis ist benannt nach dem evangelischen CDU-Politiker und früheren Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers (1904-1954).

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