Streitgespräch : Viel mehr Bildung - und das ganz schnell

Engagierte Streiterinnen für die Lernwelten heute und morgen:   Elternvertreterin Elke Krüger-Krapoth (links) und Schulministerin  Waltraud Wende Foto: dewanger
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Engagierte Streiterinnen für die Lernwelten heute und morgen: Elternvertreterin Elke Krüger-Krapoth (links) und Schulministerin Waltraud Wende Foto: dewanger

Bildungsministerin Waltraud Wende und die Vorsitzende des Landeselternbeirats der Gymnasien, Elke Krüger-Krapoth, diskutieren über Weichenstellungen an den Schulen.

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26. November 2012, 11:23 Uhr

Frau Professor Wende, mehrere Ihrer Vorgänger haben geleugnet, dass der Unterrichtsausfall kritische Dimensionen erreicht - Sie hingegen haben im Landtag bekannt, dass 1250 Planstellen für Lehrer fehlen. Liefern Sie eine Zahl nach, wie viele Stunden Unterrichtsausfall damit verbunden sind?
Wende: Das habe ich meine Mitarbeiter auch gefragt, aber niemand kann mir dies sagen, denn das bisherige System zur Erfassung von Stundenausfall - "Odis" - misst nur den Ausfall auf der Basis der Stunden, die in eine Klasse hineingegeben wurden. Wenn also wegen Lehrermangels von Anfang an nur drei statt fünf Stunden Mathe im Stundenplan stehen, würden zwei Stunden gar nicht als Ausfall erfasst. Daneben wurde bisher noch an einer anderen Stellschraube getrickst. Wenn ein Lehrer zwei Klassen still beschäftigt und keine nach Hause geschickt hat, zählte das auch nicht als Unterrichtsausfall. Laut "Odis" haben wir deshalb gerade mal 0,2 Prozent Unterrichtsausfall, Eltern, Lehrer und Schüler aber erleben etwas ganz Anderes.
Also löst dieser Offenbarungseid aus dem Ministeriums bei Ihnen Erleichterung aus, Frau Dr. Krüger-Krapoth?
Krüger-Krapoth: Jetzt haben wir endlich den Beweis, dass es so ist, wie man es in der Realität schon immer gespürt hat. Nachdem wir uns von der Enttäuschung erholt haben, dass die Auskünfte der Vorgängerregierungen nicht zutreffend waren, gucken wir nach vorne.
Wie sollen denn die Schulen mit der neuen Ehrlichkeit bei Personalmangel und Stundenausfall umgehen?
Krüger-Krapoth: Uns Eltern interessiert eine Soforthilfemaßnahme. Wir bieten dazu unsere Mithilfe in einer Arbeitsgruppe zur Vermeidung von Unterrichtsausfall an. Beim mündlichen Abitur zum Beispiel kann man eine Regelung treffen, dass man es in Zeiträume mit Klassenfahrten einbaut. Bei Vertretungen möchten wir Fachunterricht. Uns ist ein Dorn im Auge, was an den Gymnasien gerade unter der Überschrift des "Eigenverantwortlichen Arbeitens", kurz "Eva", geschieht. Es darf nicht so zweckentfremdet werden, dass man de facto sagt: Der Unterrichtsausfall heißt heute "Eva", es gibt keine Formulierung, keine Aufgabenstellung, und ihr geht nach Hause. Das berechtigt nicht zum Gebrauch des Begriffs Unterricht.
Sehen Sie einen Vertretungsanspruch von der ersten Stunde an?
Wende: Das ist utopisch. Dann müsste jede Schule mindestens zwei Lehrer einstellen, die nur darauf warten, dass über Nacht jemand krank wird. Wir sind schon gut, wenn wir nicht nach Wochen, sondern nach wenigen Tagen im Krankheitsfall einen Vertreter in die Klasse schicken können.
Reicht das aus Elternsicht?
Krüger-Krapoth: Mehrere Tage statt mehrere Wochen wären ein Riesen-Fortschritt. Und übrigens auch ein Beitrag zur Spardiskussion: Es gibt keine einfachere Spardose, als Unterrichtsausfall zu verhindern.
Wie finden Sie denn als Vorsitzende des Landeselternbeirats der Gymnasien, dass die ersten 180 Stellen, die Frau Wende jetzt zusätzlich schafft, an die Gemeinschaftsschulen gehen?
Krüger-Krapoth: Es mögen mich zwar einige aus dem Gymnasialbereich dafür steinigen - aber: Das ist kein Problem für mich. Ich sitze in diesem Gespräch an diesem Ort als Vertreterin der Landesarbeitsgemeinschaft der Elternbeiräte. Dort ist Konsens: Das Konzept Gemeinschaftsschule funktioniert nur mit Differenzierungsstunden. Da werden Sie von mir nicht hören, dass es ungerechtfertigt ist, dies auch mit der entsprechenden Manpower zu unterlegen. Nur: Bei diesen 180 darf eine bessere Personalausstattung der Schulen nicht stehen bleiben. Andere Schularten müssen auch etwas abbekommen.
Wende: Noch einmal zum Unterrichtsausfall: Aus meinem Haus gibt es dazu erste Überlegungen, die man mir auf den Tisch gelegt hat. Eine Idee ist, eine Art Feuerwehr zu schaffen; einen regional aufgeteilten Pool von Lehrerinnen und Lehrern, die zum Beispiel zwei Jahre lang als Springer arbeiten und danach feste Planstellen bekommen.
Sind das die 120 weiteren Planstellen, die - wie Sie in früheren Äußerungen sagten, dorthin gehen, "wo es am meisten brennt"?
Wende: Nein, die haben damit nichts zu tun.
Welche Größenordnung ist denn dann für die Feuerwehr-Idee angedacht?
Wende: Das ist zunächst eine von am Ende hoffentlich vielen Ideen. Zahlen will ich noch nicht nennen; so weit ist es nicht.
Und die 120 Stellen, wo es am meisten brennt?
Wende: Am meisten brennt es beim Themenfeld Inklusion, also dem gemeinsamen Unterricht von Regelschülern und lernbehinderten Kindern. Und weil an vielen Gymnasien relativ wenig im Bereich Inklusion passiert, bekommen diese von diesen 120 Stellen für Inklusion in Relation zu anderen Schularten weniger. Ich wünsche mir erst überzeugende inklusive Konzepte, danach kommen die Lehrkräfte. Der größte Anteil dieser 120 Stellen geht an die Berufsbildungszentren. Dort gibt es bislang keine Unterstützung im Bereich Inklusion.
Krüger-Krapoth: Sie gebrauchen dasselbe Argument gegenläufig. Einerseits wollen Sie den Gymnasien nur 15 Stellen geben, weil dort die Inklusion noch nicht fortgeschritten sei - andererseits sollen die Berufsbildungszentren viel mehr bekommen, weil dort ebenfalls ein großer Nachholbedarf an Inklusion erkannt wird.
Wende: Dann habe ich mich unglücklich ausgedrückt. In den Berufsbildungszentren haben wir anders als in den Gymnasien schon sehr viele Jugendliche mit Inklusionsbedarf, aber eben keine Stellen dafür.
Frau Wende, ein letzter Zahlenblock aus Ihren Ankündigungen im Landtag zur künftigen Personalausstattung der Schulen ist abzuarbeiten: Wann kommen die versprochenen weiteren 264 Stellen, die den Gegenwert von 13,2 Millionen Euro haben?
Wende: Die werden 2016/17 kommen. Die Formulierung kommt Ihnen kompliziert vor, weil man differenzieren muss: Für die 13, 2 Millionen werden Sozialpädagogen, pädagogische Assistenten und Psychologen an die Schulen kommen, nicht Lehrkräfte. Wir müssen in der Ganztagsbetreuung ja noch Vieles weiterentwickeln, was nicht unmittelbar mit dem klassischen Unterricht zu tun hat. Angebote für gebundenen Ganztag haben wir noch viel zu wenig, um auch den Kindern die Chance auf eine erfolgreiche Bildungsbiografie zu eröffnen, die zu Hause nicht genügend Förderung erhalten. Ich denke Schule nicht so eng wie meine Vorgänger und viele meiner Kollegen in anderen Bundesländern. Einer von ihnen sagte kürzlich, seine Wiederwahl als Minister entscheide sich einzig daran, wie viele Lehrerstellen er ins System gebe. Da falle ich fast vom Stuhl, und das habe ich ihm auch gesagt. Schule ist mehr als Unterricht, Schule ist auch ein Lebensraum, in dem Kinder auch sozialisiert werden.
Frau Krüger-Krapoth, bis mindestens 2016 warten zu müssen, dürfte Ihnen gegen den Strich gehen - Ganztagsangebote müssten ja eines der Kernanliegen gerade der Eltern sein?
Krüger-Krapoth: Natürlich möchten wir gerne viel mehr und das alles auch noch ganz schnell. Aber wir sind ja nun auch von dieser Welt und wissen, wie es um die Finanzlage bestellt ist. Wichtig ist, dass es dann auf etwas hinausläuft, das Bestand hat. Was multiprofessionelle Teams mit den von Frau Wende angesprochenen Berufsgruppen anbelangt, gehören wir Landeselternbeiräte zu den Urhebern. Lehrer müssen einfach in manchen Punkten entlastet werden. Übrigens auch durch Verwaltungskräfte.
Wende: Ich lasse Ihnen gern das Copyright. Wenn jemand eine gute Idee hat, ist sie willkommen. Sie könnte auch von meinem Vorgänger Ekkehard Klug kommen - Hauptsache, die Idee ist klug.
Woran liegt es denn, dass es hapert mit Ganztagsschulen, die diesen Namen auch verdienen? Die offenen sind in der inhaltlichen Ausgestaltung oft sehr beliebig, mangelhaft finanziert und oft nur bis in den frühen Nachmittag aktiv.
Krüger-Krapoth: Die Anträge der örtlichen Schulträger auf einen Ausbau zur Ganztagsschule waren in vielen Fällen mit einem Mittelfluss verbunden, etwa für Mensa, modernere Sporthallen oder Equipment angeschafft. Das stand vielfach im Vordergrund. Beim pädagogischen Konzept von Ganztag wartet in der Tat noch eine Menge Arbeit auf uns. Ein wichtiger Baustein ist eine Rhythmisierung. Am G8-Gymnasium muss man zumindest für die jüngeren Jahrgänge einen Tagesablauf schaffen, bei dem sie die harten Fächer nicht Schlag auf Schlag haben.
Der Landeselternbeirat der Gymnasien fordert in einem Positionspapier eine kontinuierliche Fortbildung von Lehrern weitgehend außerhalb der Unterrichtszeit. Frau Wende, wie wollen Sie dabei den Kollegien auf die Sprünge helfen?
Wende: Wir haben derzeit ein System zur Qualifizierung von Lehrkräften, das unklug ist: Zwei Jahre nach Beginn an einer Schule sind junge Lehrkräfte noch hochinnovativ, dann fügen sie sich in ihr neues Umfeld ein und vergessen häufig viel von dem, was sie zuvor an der Universität gelernt haben. Meines Erachtens ist es wichtig, dass nicht einzelne Lehrer Fortbildungsangebote wahrnehmen, sondern dass ganze Kollegien sich im Team fortbilden lassen. Nur dann ist Fortbildung nachhaltig.
Krüger-Krapoth: Fortbildungskonzepte gehören auch in die Schulprogramme hinein. Ich kenne mehrere Fälle, wo dies nicht gelungen ist. In der Wirtschaft ist Fortbildung normal. Überhaupt ist die Diskrepanz zwischen dem Schulleben und der familiären Welt der Kinder eines der Haupt-Anliegen der Elternbeiräte. Die Kinder leben zu Hause in einer digitalisierten Welt, und wenn sie in die Schule kommen, haben sie Tafel und Kreide. Das liegt zum großen Teil daran, dass sich Lehrer nicht trauen, sich in dem Bereich zu bewegen.
Haben die Elternbeiräte einmal Anläufe unternommen, die Digitalisierung stärker zum Thema zu machen?
Krüger-Krapoth: Wir wollten für eine Strategie dazu mit dem Städteverband einen runden Tisch ins Leben rufen. Auch die Kommunen möchten weg von dem Flickenteppich in der digitalen Ausstattung ihrer Schulen. Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft hatten wir an der Hand. Nur aus der Politik kam kein Echo. Ich hatte dazu an die Fraktionen der drei Regierungsparteien geschrieben, auch mit dem Appell, die Digitalisierung in den Koalitionsvertrag aufzunehmen. Keiner hat geantwortet.
Wende: Das ist gut beschrieben, aber ein Teil der Hausaufgaben ist schon gemacht. Als Präsidentin der Uni Flensburg habe ich dafür gesorgt, dass es dort für alle angehenden Lehrer ab nächstem Jahr ein Pflichtmodul Medienkompetenz gibt.
Frau Krüger-Krapoth, was noch wollten Sie der Ministerin schon immer mal von Angesicht zu Angesicht mit auf den Weg geben?
Krüger-Krapoth: Dass wir eine Debatte über die finanzielle Entlastung von Eltern brauchen. Erst recht, nachdem uns die Politik nochmal so geärgert hat damit, dass Eltern über eine Beteiligung an den Schülerbeförderungskosten noch ein Stück mehr die Haushalte konsolidieren sollen. Mit dem Totschlagargument, die öffentlichen Kassen hätten kein Geld. Wer fragt uns Eltern denn, ob wir das Geld haben? Nach Erhebungen der Landeselternbeiräte und des Kinderschutzbundes kommen pro Kind und Schuljahr 700 bis 800 Euro Kosten auf die Eltern zu, von Schulmaterial über Klassenfahrten bis hin zu Nachhilfe. Das Teilhabepaket gewährt gerade mal 100 Euro. Da stellt sich doch die Frage, wie Eltern das überhaupt schaffen können. Deshalb haben wir aus den Reihen der Landeselternbei räte auch die Volksinitiative gegen eine Beteiligung an den Schülerbeförderungskosten angestoßen.
Wende: : Ich finde solche Initiativen gut, aber sie sollten nicht auf die Landesebene begrenzt sein. Denn so lange wir in Deutschland Kindergeld unabhängig vom Einkommen vergeben und dann auch noch das Betreuungsgeld auf Hartz IV anrechnen, leben wir mit Blick auf Bildungsgerechtigkeit in einem zynischen Staat.
Sie werden in den kommenden Monaten mit vielen weiteren Beteiligten im Bildungsdialog des Ministeriums weiter über die Schule in Schleswig-Holstein diskutieren. Woran bemisst sich für die Eltern, dass dieser Dialog ein Erfolg wird?
Krüger-Krapoth: Ich würde mir mehr Parallelität wünschen. Dass es also nicht nur darum ginge, das Schulgesetzt neu zu formulieren. Sondern auch stärker um ein Thema wie die Lehreraus- und Fortbildung. Grundsätzlich bin ich gar kein Freund eines neuerlichen großen Bildungsdialogs. Wir haben 2007 doch schon ein grundüberarbeitetes Schulgesetz bekommen, beschlossen von 64 der 68 Abgeordneten im Landtag. Es hat Anhörungen dazu gegeben, alle sind gefragt worden. Jetzt kommt es wieder zu einem Zeitverlust. Die Elternbeiräte erwarten, dass nun auch Entscheidungen fallen. Es geht nicht um ein Wünsch-Dir-Was-Spiel. Die Verantwortlichkeiten liegen bei den Politikern.
Frau Wende, warum trotzdem noch einmal Bildungsdialog?
Wende: Weil wir wollen, dass möglichst viele Menschen dieses Landes mitmachen, mitdenken und verstehen, wie wir uns in der Bildungspolitik aufstellen. Wichtig ist mir, dass wir nicht mehr Strukturdiskussionen führen, sondern qualitativ vorankommen. Dazu brauchen wir viele Akteure mit vielen Ideen - den Bildungsdialog also. Und dieser Bildungsdialog wird nie abgeschlossen sein, Schulentwicklung ist ein permanenter Prozess.

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