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Heute in Kiel : Video: So lief die Anti-Terror-Übung in SH

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Die Ausmaße sind gewaltig: 1500 Einsatzkräfte reagieren auf drei fiktive Anschlagsszenarien rund um Kiel.

shz.de von
erstellt am 27.Apr.2017 | 12:19 Uhr

Kiel | Die bitteren Erfahrungen früherer Terroranschläge in Europa haben das Drehbuch für die bundesweit bisher größte Anti-Terror-Übung der Polizei entscheidend geprägt: Mit gleich drei fiktiven Anschlägen in wenigen Stunden müssen Polizei und Rettungskräfte am Donnerstag in Kiel fertig werden. Es ist nach Angaben der Polizei bundesweit die größte Übung dieser Art in der Öffentlichkeit - mit insgesamt 1500 Polizisten, darunter Spezialeinheiten aus acht Bundesländern, Rettungskräften und Opfer-Darstellern. Auch die Bundespolizei ist eingebunden.

Nach Angaben von Sprechern dürfte es sich um eine der größten öffentlichen Anti-Terror-Übungen in Deutschland handeln.

Bei der Übung „Pandora“ geht es um drei fiktive Anschlagsszenarien:

  • Bei der Übung auf dem Flughafen Kiel-Holtenau geht es um einen Überfall auf eine Feier.
  • Bei der fiktiven Explosion in einem Bus unter der Holtenauer Hochbrücke soll die schnelle medizinische Versorgung und Spurensicherung geprobt werden.
  • In Kiel-Mettenhof kommt es in einem fiktiven Verlagshaus zu einer Geiselnahme.
 

Anschlagsszenario am Flughafen

Spezialkräfte der Polizei am Flughafen in Kiel.

Spezialkräfte der Polizei am Flughafen in Kiel.

Foto: Marcus Dewanger
 

Zunächst wurde am Flughafen Kiel-Holtenau ein Szenario mit Toten und Verletzten gestartet. Dabei zündeten drei bewaffnete Terroristen eine Handgranate bei einem fiktiven Geburtstagsempfang des britischen Konsuls Jack Petterson in einem Hotel. Dies wurde im Empfangsgebäude des Flughafens simuliert. Zeugen setzten Notrufe ab, woraufhin um 9.21 Uhr zunächst Streifenwagen zum Ort des Geschehens eilten, um die Lage zu sondieren. Nur zwanzig Minuten später war das SEK vor Ort und sicherte den Flughafen. Über dem Gelände kreisten zwei Hubschrauber. Die drei Terroristen entkamen zu Fuß. Sie wurden von drei Marinesoldaten des Seebatallions Eckernförde gespielt. Das SEK folgte den Angreifern ebenfalls zu Fuß und mit einem gepanzerten Fahrzeug. Um 10.20 Uhr durften Rettungskräfte nach Freigabe durch die Polizei die Versorgung der Verletzten im Gebäude vornehmen. Dies wurde bis dahin von speziell geschulten Beamten übernommen. Vom ersten Notruf über die Einordnung in der Einsatz-Leitstelle und die Mobilisierung der besonderen Aufbauorganisation der Polizei in Terrorfällen wurde mit diesem Szenario die Alarmkette durchgespielt.

Explosion in einem Bus

Bei einem zweiten Szenario wurde ein Bombenanschlag auf einen Linienbus unter der Holtenauer Brücke verübt. Einer der flüchtigen Terroristen vom Flughafen kaperte unterwegs den Bus, erschoss den Fahrer und und sprengte sich dann in die Luft. Es gab laut Übungsdrehburch fünf Tote und 20 Verletzte. Im Bus entdeckte die Polizei eine weitere Sprengfalle, die vom Munitionsräumungsdienst gesichert wurde.

Horro-Szenario: Ein Terrorist sprengt sich in einem Linienbus in die Luft.
Horro-Szenario: Ein Terrorist sprengt sich in einem Linienbus in die Luft. Foto: Marcus Dewanger
 

Danach konnten die Verletzten aus dem Bus geholt und zu einer Sammelstelle gebracht werden. Dort wurden sie erstversorgt und nach der Schwere ihrer Verletzungen mit Hilfe eines Ampelsystems kategorisiert. Der stellvertretende ärztliche Leiter des Kieler Rettungsdienstes, Michael Corzillius, betonte, dass bei dieser Übung vor allem das schnelle Zusammenspiel zwischen der Polizei und den Rettungskräften eingeübt wurde. Am fiktiven Anschlagsort wurde eine sogenannte Patientenablage eingerichtet, die Patienten mit rot-gelb-grünen Kärtchen um den Hals nach der Eilbedürftigkeit der Behandlung einteilt. „Bei Terroranschlägen müssen die Rettungskräfte oft stark blutende Verwundungen erst einmal stoppen, etwa Schussverletzungen oder abgerissene Armen oder Beine“, sagte Corzillius. Dafür gebe es aus der Militärmedizin Tourniquets, spezielle Gürtel - den Umgang gelte es zu üben. Ziel sei es, Verwundete schnellstmöglich erstzuversorgen und möglichst innerhalb einer Stunde ins Krankenhaus zu bringen.

Zweites Szenario: Verletzte nach einem Anschlag auf einen Bus.
Zweites Szenario: Verletzte nach einem Anschlag auf einen Bus. Foto: Eckard Gehm
 

Bis in den Abend sollte die Übung dauern, wie eine Polizeisprecherin mitteilte. Dann sollte nach einer Fahndung „ein Zugriff“ auf die beiden flüchtigen Täter des Angriffs auf die Geburtstagsfeier erfolgen. Das Drehbuch ließ den Tätern (verkörpert von gut ausgebildeten Soldaten des Seebataillons) wie den Einsatzkräften dabei viel Handlungsfreiheit, um möglichst realitätsnah zu üben.

Das galt auch für die Beendigung der Geiselnahme im „Mandelbaum Verlag“. „Bei der Wahl der Taktik, der psychologischen Verhandlungsführung und Einsatzmaßnahmen sollten die Einsatzkräfte sich wie in einem Ernstfall bewähren“, sagte eine Sprecherin der federführenden Landespolizei Schleswig-Holstein. Das Vorgehen der Spezialeinheiten der Polizei und ihre waffentechnischen Möglichkeiten blieben den Medienvertretern verborgen. „Das muss geheim bleiben“, hieß es.

Zusammenspiel von Polizei und Rettungskräften üben

„Wir bereiten uns vor auf das, was möglichst nicht passiert, aber jederzeit passieren kann“, sagte Landespolizeidirektor Ralf Höhs. Er verwies auf die Terroranschläge in Madrid, London, Brüssel und Berlin. Die Polizei wolle ihre taktischen Einsatzkonzepte auf Herz und Nieren prüfen. Ziel sei es auch, das Zusammenspiel von Polizei und Rettungskräften möglichst optimal zu gestalten sowie in der Führungszentrale schnelle Entscheidungsabläufe sicherzustellen.

Auch Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) betonte, es gehe primär um Schwachstellen in der Kommunikation, gerade unter Stress und unter so unübersichtlichen Lagen. Er erinnerte an den Amoklauf eines 18-Jährigen vom 22. Juli 2016 in München. Damals habe es 65 Meldungen über Schießereien und angeblich weitere Täter gegeben. „Also auch da haben wir eine ganz neue Frage: wie heute in sozialen Medien auf einmal zwischen Fake News und echten Nachrichten gar nicht mehr leicht unterschieden werden kann. Das droht dann ganz schnell, dieses ganze Krisensystem zu überfordern - und das kann man nicht am Schreibtisch üben.“ In einem ersten Eindruck zeigten sich Höhs und der Leiter der Feuerwehr Kiel, Thomas Hinz weitgehend zufrieden mit dem Verlauf.

Dabei hatte es ausgerechnet am Morgen der Übung bis zum Mittag einen größeren Ausfall der Telefonanlage von Polizei und Ministerien in Kiel gegeben. „Das ist natürlich der Nerv der Kommunikation, der da getroffen wird, das hat Einfluss auf unsere Übung“, sagte Höhs. „Ich bin davon überzeugt: wir wären auch in einer Echtlage einigermaßen handlungsfähig gewesen.“

Die Übungen seien zwar in abgesperrten Bereichen, aber für die Bürger wahrnehmbar, betonten Polizeivertreter. Es könne zu kurzen Verkehrsbehinderungen kommen. Im Bereich der Polizeidirektion Bad Segeberg werde eine echte Verkehrskontrolle auf der Autobahn 21 aufgebaut und der Verkehr dabei über einen Rastplatz geleitet.

Anfang März gab es eine dreitägige Großübung in sechs Bundesländern, jedoch nicht im öffentlichen Raum. Daran beteiligten sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums knapp 1200 Kräfte von Polizei und Bundeswehr. Bei „Getex“ (Gemeinsame Terrorismusabwehr-Exercise) testeten Bundeswehr und Polizei ihre Zusammenarbeit im Anti-Terror-Kampf. Dabei ging es um die Kooperation in den Stabsstellen und Zentralen der Sicherheitskräfte.

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