Sinkende Schülerzahlen : Vergeblicher Kampf um die Dorfschule

Blick in eine Grundschulklasse: Künftig werden immer weniger Schüler in den Dorfschulen lernen. Viele werden schließen müssen.
Blick in eine Grundschulklasse: Künftig werden immer weniger Schüler in den Dorfschulen lernen. Viele werden schließen müssen.

Die Zahl der Schüler sinkt – Standorte werden geschlossen. Das Beispiel Schafstedt zeigt, was andere Orte noch vor sich haben.

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28. Juli 2014, 06:30 Uhr

Kiel/Schafstedt | Das Ende der Dorfschule kam langsam, aber es kam sicher. Nach den Sommerferien werden die gut 40 Schüler der Grundschule Schafstedt im Kreis Dithmarschen morgens den Bus ins benachbarten Albersdorf nehmen müssen. Ihre Schule gibt es dann nicht mehr, abgewickelt vom Bildungsministerium. Weil die Schülerzahl eine Weiterführung nicht trägt. Weil die „pädagogische Qualität des Unterrichts“ nicht zu halten ist, heißt es.

Ihre Eigenständigkeit hatte die Grundschule in der 1300-Einwohner-Gemeinde schon 2006 verloren. Weil die Schülerzahl deutlich gesunken war, wurde der Standort Schafstedt zur „Außenstelle“ der Wulf-Isebrand-Schule in Albersdorf. Bildungspolitiker hatten die Außenstelle erfunden, um Schulschließungen zu vermeiden. Erst einmal, jedenfalls. Denn Schulschließungen machen Ärger, weil sie unpopulär sind. Nur der Landesrechnungshof kann sich erlauben, angesichts dramatisch sinkender Schülerzahlen auf einen „wirtschaftlichen“ Betrieb von Schulen zu pochen. Wie im vergangenen Jahr. Da urteilten die Prüfer: „Zu kleine Schulstandorte belasten das System und müssen auf begründete Ausnahmen beschränkt bleiben“; Rechnungsprüfer, die der Regierung anlasten „zu geringen Einfluss auf die Schulstruktur im Land“ zu nehmen, müssen nicht wiedergewählt werden.

Den Ärger hat Bildungsministerin Waltraud Wende. Die parteilose Professorin erhielt diese Woche Post vom „Netzwerk der Dorfschulen“, das seit einigen Jahren für den Erhalt kleiner Grundschulstandorte kämpft. Über „planvollen Wortbruch“ und eine „entwürdigende Umgangsweise“ der „Schuladministration“ mit Eltern wettert die Vereins-Vorsitzende Sandra Neukamm in einem offenen Brief.

Was Neumann empört: Monatelang hatten nach ihrer Darstellung Eltern, Lehrer und Schulverband an einem Rettungsplan gearbeitet. Als das Ministerium auf Nachbesserungen pochte, habe man nachgebessert. Offene Fragen würden im Gespräch geklärt, habe es geheißen. Zu diesem Gespräch kam es Neukamm zufolge nicht mehr. Statt dessen sei die Rechtmäßigkeit der Schulschließung ministeriell abgesegnet worden – schriftlich und drei Tage vor Ferienbeginn.

„Rücksichtslos und hinterhältig“ sei das. Schafstedt sei, resümierte Neukamm, „ein dramatischer, aber leider exemplarischer Fall für die Vorgehensweise wie die Bildungslandschaft in Schleswig-Holstein mit der Axt umstrukturiert wird.“

Das Bildungsministerium widerspricht. Keine Schule werde „einfach so von heute auf morgen geschlossen“, sagt Wendes Sprecher Thomas Schunck. Erklärte Politik der Landesregierung sei es im Gegenteil, auch kleine Schulstandorte „so lange zu halten wie es eben geht“. Nur: Der von der Gemeinde vorgelegte Rettungsplan sei unzureichend gewesen: Weil das Konzept nicht den Segen der Schulkonferenz gehabt habe, weil die pädagogische Qualität und Verlässlichkeit des Unterrichts nicht gesichert gewesen wären, weil die Finanzierung einer pädagogischen Hilfskraft unsicher gewesen sei.

So oder so ähnlich dürfte die Begleitmusik für weitere Schulschließungen in den nächsten Jahren sein. Noch halten sich Bildungspolitiker der Koalition bedeckt. Über Standorte, denen das Aus droht, wird allenfalls intern geredet.

„Kurze Beine – kurze Wege“, lautete bisher das Credo der Schulplaner. Die kurzen Beine werden an manchen Orten bald wohl längere Wege zurücklegen müssen. Von Schafstedt zur Grundschule nach Albersdorf sind es gut sieben Kilometer.

Kein Nachwuchs - Weitere Standorte gefährdet

Rund 306.560 junge Menschen gingen im vergangenen Jahr auf eine der 783 öffentlichen und 81 privaten allgemeinbildenden Schulen. Nach Hochrechnungen des Bildungsministeriums wird diese Zahl in den nächsten sechs Jahren um 50.000 sinken. Auch deshalb streicht die Koalition Lehrerstellen.

Um gut 20 Prozent auf nur noch knapp 100.000 sank in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Grundschüler. Landesweit werden noch 72 Grundschulstandorte als Außenstellen über Wasser gehalten. Ein gutes halbes Dutzend davon kommt auf gerade einmal 40 bis 45 Schüler. Nach der Mindestgrößenverordnung, die sich das Kieler Bildungsministerium selbst gegeben hat, sind mindestens 80 Schüler nötig, Ausnahmen aber möglich.

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