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Eltern-Initiative : Unterrichtsausfall in SH: Gymnasien liegen vorn

vom

In einem Online-Portal wurden innerhalb eines Jahres mehr als 17.000 Fehlstunden an Schleswig-Holsteins Schulen eingetragen. Das Bildungsministerium bezweifelt jedoch die Aussagekraft der Zahlen der Eltern-Initiative.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2014 | 06:39 Uhr

Kiel | Vor knapp einem Jahr startete eine Eltern-Initiative zum Erfassen von Unterrichtsausfall ein Online-Portal – insgesamt 17.449 Fehlstunden (Stand Montag) sind darin bislang von teilnehmenden Schulen eingetragen worden. „Das ist sehr viel. Und wir wollen mit unseren Zahlen aufzeigen, dass es hier einen Mangel gibt“, sagt Alexandra Bauer, Sprecherin der Initiative „fehlstunden-sh.de“. Nach Bauers Angaben nehmen derzeit 383 von 894 Schulen in Schleswig-Holstein teil, wobei immer nur stichprobenartig Werte aus einzelnen Klassen gezählt würden.

Doch auch diese Angaben gäben viel Aufschluss. So seien etwa an einer Gemeinschaftsschule gemessen von Schulbeginn im August 2013 bis heute in einer fünften Klasse 208 Ausfallstunden gemeldet worden. Bei 27 Pflichtwochenstunden macht das über den Zeitraum einen Ausfall von durchschnittlich rund neun Stunden wöchentlich – ein Drittel des Unterrichts. Bauer spricht bei den vom Portal ermittelten Fehlstunden von einer ganz kleinen Spitze des Eisbergs. „Die Gesamtzahl muss um ein Vielfaches höher liegen.“ Deutsch steht laut ihrer Statistik mit 2724 ausgefallenen Unterrichtsstunden an erster Stelle bei den Fächern, es folgen Mathe (2398) und Englisch (2070) – alle drei Hauptfächer mit großen Anteilen im Stundenplan.

Allein 9318 Schulstunden sind laut Portal gänzlich ohne Vertretung ausgefallen, lediglich 1813 Stunden wurden durch anderen Unterricht vertreten, 1437 durch eine Fachkraft. Gut die Hälfte der ausgefallenen Stunden (8720) verteilt sich auf die Gymnasien im Norden, gefolgt von den Gemeinschaftsschulen (4215), den Regionalschulen (2222), den Grundschulen (2044) sowie dem Schlusslicht Förderschule (39). Alexandra Bauer appelliert besonders an die Eltern von Grundschülern, bei ihren Kindern regelmäßig nachzufragen, ob regulärer Unterricht erteilt worden ist. „Die Kleinen dürfen nicht nach Hause geschickt werden, sondern bekommen stets Betreuung. Eltern bekommen Ausfälle deshalb nur schwer mit.“ Was allerdings unterrichtet werde, darauf könne sich niemand verlassen. Schuldirektoren würden oft die wahren Verhältnisse schönen. „Oft gilt das Prinzip der offenen Tür, wobei ein Lehrer zwei Klassen beaufsichtigt, die Stillarbeit machen. Das muss der Direktor dann nicht als Ausfall melden.“ Bauer berichtet, dass „in diversen Fällen“ Hausmeister oder Eltern den Lehrer ersetzen mussten.

„Das Portal hat den Finger auf ein gewichtiges Thema gelegt“, sagt Thomas Schunck, Sprecher des Bildungsministeriums in Kiel. Dennoch müssten die von der Initiative ermittelten Zahlen richtig eingeordnet werden gegenüber 450.000 erteilten Stunden pro Woche sowie im Schuljahr 2012/13 mehr als 16 Millionen Unterrichtsstunden an allgemeinbildenden Schulen.

Zwar seien die Zahlen der Initiative „Fehlstunden-sh.de“ mit Vorsicht zu genießen und keineswegs repräsentativ, so Schunck. Aber man wolle das Problem nicht marginalisieren und ziehe letztlich am selben Strang. Das bisherige Erfassungssystem Odis (Online Datenbank-Informationssystem Schulen) stehe zu Recht in der Kritik. „Das Ergebnis von rund zwei Prozent Unterrichtsausfall über alle Schularten hinweg bildet offensichtlich nicht die Realität ab.“

Ein neues Erfassungssystem für Fehlstunden sei „in der Mache“, erste Tests liefen bereits – die Frage, wann genau es zum Einsatz kommt, mag Schunck allerdings nicht beantworten. In einer Pressemitteilung des Ministeriums ist vom kommenden Schuljahr die Rede. Zu diesem neuen „Portal zur Unterrichtserfassung in Schleswig-Holstein (Push) sollen die Schulen eine vom Ministerium erarbeitete Eingabemaske bekommen, in der sie angeben, aus welchen Gründen Unterrichtsstunden nicht erteilt werden konnten. „Es ist ja die Frage, ob wir auch Abiturprüfungen und Klassenfahrten als Unterrichtsausfall bewerten wollen“, so Schunck. Zusätzlich sollen die Lehrer angeben, ob, in welchem Umfang und welche Art von Vertretungsunterricht stattgefunden hat. „Wir wollen ehrliche Werte zum Unterrichtsausfall, damit wir wissen, woran wir sind“, sagt Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende.

Harsche Kritik am Ministerium übt Bernd Schauer, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in einem Bericht der „Welt“. Schauer bezieht sich dabei auf den Krankenstand: „Wir beobachten, dass die Belastung für die Lehrer und der dadurch bedingte Ausfall steigt. Aber das Ministerium weigert sich, die Zahlen zu erheben“, sagt  Schauer. Das derzeitige System sei ein absurdes Zahlenwerk, die versprochene Abhilfe dauert ihm zu lange. Schauer begrüßt die Initiative der Eltern, mitzuzählen. „Das ist eine gute Idee. Die Zahlen können ein Indiz dafür liefern, wie es um den Unterrichtsausfall wirklich steht.“

Sie hoffe, dass das Bildungsministerium bald ein aussagekräftiges System präsentiere, in dem nichts verschleiert werde, sagt Initiativen-Sprecherin Alexandra Bauer.  Sie frage sich allerdings, ob solch eine Transparenz überhaupt gewollt sein könne, „denn dann müsste man ja mehr Lehrer einstellen.“

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