zur Navigation springen

Fragen und Antworten : Unendliche Suche nach dem Atommüll-Endlager

vom

Die Fachkommission für die Endlagersuche beginnt ihre Arbeit. shz.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema – und erklärt, was das alles für Schleswig-Holstein bedeutet.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2014 | 17:24 Uhr

Berlin | Mehr als 35 Jahre stand der Salzstock Gorleben im Mittelpunkt, jetzt beginnt die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll von vorn. Am Donnerstag nahm eine beim Bundestag angesiedelte Fachkommission ihre Arbeit auf, die bis Mitte 2016 die Kriterien für die bundesweite Suche erarbeiten soll. shz.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Endlager, Zwischenlager, die neu gegründete Kommission - und was das alles für Schleswig-Holstein bedeutet.

1977 ist schon die Entscheidung für den Salzstock Gorleben als Endlager für Atommüll gefallen. Warum wird jetzt nach einem neuen Endlager gesucht?

Ein Endlager soll hoch radioaktiven Atommüll für eine Million Jahre sicher aufbewahren können. Der Abfall sollte möglichst luft- und wasserdicht verschlossen sein – das ist am ehesten in großer Tiefe und in drei geologischen Formationen möglich: Steinsalz, Ton und Granit. Gorleben als Salzstock, so dachte man, würde diese Kriterien erfüllen. Aber dann stellte sich heraus, dass in einem anderen Endlager in einem Salzbergwerk, der Asse in Niedersachen, die Salzschichten nicht dicht waren und Hohlräume entstanden waren. Dadurch drang Salzlauge ins Bergwerk und gelangte in Kontakt zu den radioaktiven Abfällen. Ähnliche Gefahren befürchteten Unweltschützer und Wissenschaftler im Fall von Gorleben: Die Salzlauge könnte zu einer Korrosion an den Atommüllbehältern führen – und dadurch würde die radioaktive Strahlung freigesetzt. Dazu kommen Hinweise auf große Gasvorkommen in Gorleben: Das bedeutet eine große Explosionsgefahr für die Atombehälter.

 

Wo wird der Atommüll im Moment aufbewahrt?

Derzeit wird Atommüll überirdisch aufbewahrt: Nämlich in zwei zentralen Zwischenlagern und an den Standorten von 13 Atomkraftwerken. Dabei handelt es sich aber nicht nur um ausgebrannte Brennstäbe aus den Atomreaktoren, sondern auch um Rückstände aus der Wiederaufbereitung. Diese kommen mit Castor-Transporten aus den Wiederaufbereitungsanlagen in La Hague und Sellafield. Die Wiederaufbereitung ist zwar seit 2005 verboten. Aber es gibt noch so viel deutschen Atommüll im Ausland, dass es noch Castor-Transporte bis 2017 geben wird. Im Zwischenlager des stillgelegten Atomkraftwerks in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein lagern aktuell neun Castoren.

 

Im Juli 2013 ist das Gesetz zur Endlagersuche beschlossen worden. Was ist darin festgelegt?

Zunächst soll eine beim Bundestag angesiedelte Kommission die Grundlagen erarbeiten, dann werden bundesweit mehrere zu prüfende Standorte für ein mögliches Atommüll-Endlager ausgewählt.  Bis Mitte 2016 soll die 33-köpfige Kommission die Grundlagen der Suche erarbeitet haben. Dann muss das Endlagersuchgesetz eventuell noch angepasst werden. Ab 2016 werden bundesweit alle ungeeigneten Regionen ausgesiebt. Regionen mit guten Gesteinsformationen werden ausgewählt und mehrere Standorte erkundet, auch mittels Probebohrungen. Bis 2023 sollen dann die besten Standorte aufwendig unter Tage erkundet werden. Welche Standorte ausgewählt werden, soll mit einem weiteren Bundesgesetz beschlossen werden. 2031 sollen Bundestag und Bundesrat endgültig über den Standort entscheiden, der Klageweg soll nicht eröffnet werden.

 

Ist das Gesetz problemlos durchgewunken worden?

Nein. Der wichtigste Streitpunkt im Frühjahr 2013 war jedoch nicht die Endlagersuche an sich, sondern die Suche nach drei Zwischenlagern. Das liegt daran, dass in dem Gesetz zur Endlagersuche auch festgelegt werden sollte, dass die Atommülltransporte nach Gorleben gestoppt werden.  So sollten in Gorleben keine neuen Fakten durch neue Castoren geschaffen werden.  Ab 2015 müssen allerdings 26 Behältner mit Atommüll aus den ausländischen Wiederaufbereitungsanlagen in Deutschland zwischengelagert werden. Deshalb begann die Suche nach drei möglichen Zwischenlagern.

 

Welche Rolle spielt Schleswig-Holstein in diesem Streit?

Relativ schnell erklärten sich die Länder Schleswig-Holstein und Baden-Wüttemberg bereit, in den Zwischenlagern der Atomkraftwerke Brunsbüttel und Philippsburg den Atommüll zwischenzulagern. Besonders Schleswig-Holsteins Umweltminister Habeck machte es aber zur Voraussetzung, dass sich auch ein drittes Bundesland bereiterklären müsse, den Atommüll aufzunehmen. Außerdem gab es sowohl in Schleswig-Holstein als auch in Baden-Wüttemberg interne Kritik von CDU und FDP. Um das Endlagersuchgesetz noch vor der Sommerpause durchzubekommen, verschoben Angela Merkel und die Ministerpräsidenten kurzerhand die Suche nach dem Zwischenlager auf 2014. Im Januar diesen Jahres erklärte sich dann die Hessische Landesregierung bereit, den Atommüll im stillgelegten Atomkraftwerk Biblis zwischen zu lagern. Dieser Standort muss aber zunächst geprüft werden.

 

Wer sitzt in der Kommission, die nach einem neuen Endlager suchen soll?

In der Kommission sitzen je acht Bundestagsabgeordnete, acht Ländervertreter, acht Wissenschaftler und acht Vertreter der Zivilgesellschaft, darunter Gorleben-Befürworter und Gegner. Nur die 16 Vertreter aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft sind stimmberechtigt. Die frühere Parlamentarische Umwelt-Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser (CDU) hat im Wechsel mit Michael Müller (SPD) den Vorsitz der Endlager-Kommission. Für Schleswig-Holstein sitzt Umweltminister Robert Habeck (Grüne) in der Kommission.

 

Welche Konflikte gibt es zwischen den Kommissionsmitgliedern?

An dem Runden Tisch sitzen Leute, die sich eigentlich nicht riechen können. Im Streit um die Eignung Gorlebens als Atommüll-Endlager haben sie sich jahrelang mit Vorwürfen überzogen. Umweltverbände wie Greenpeace zweifeln am ergebnisoffenen Charakter und boykottieren die Suche. Und weil man sich auch beim Vorsitz zerstritt, leiten Heinen-Esser und der Gorleben-Gegner Michael Müller (SPD) die Sitzungen im Wechsel. In dem Gremium sitzen auf der einen Seite der frühere Vattenfall-Manager Bruno Thomauske, der an Gutachten zur Eignung Gorlebens mitgearbeitet hat, und der langjährige RWE Power-Vorstand Gerd Jäger. Und Umweltschützer wie Klaus Brunsmeier vom BUND, der fordert, dass Gorleben gänzlich herausfällt.

 

Welche Standorte sind in der Auswahl?

Bisher gilt eine Tiefen-Endlagerung als wahrscheinlich, infrage kommen Salz-, Ton- und Granitgestein. Neben Niedersachsen nennt Kommissionsmitglied Ulrich Kleemann als mögliche Standorte „die Tonvorkommen in Norddeutschland, die sich von NRW über Niedersachsen bis Brandenburg erstrecken, sowie in Süddeutschland, vor allem in Baden-Württemberg“. Hinzu kämen Salzgesteine in Norddeutschland – auch in Schleswig-Holstein – und die Kristallinvorkommen in Bayern und Sachsen

Wann kann das Endlager genutzt werden?

Bis 2031 soll ein Endlager gefunden sein. Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, rechnet allerdings damit, dass ein Endlager für hochradioaktiven Müll frühestens 2050 betriebsbereit ist. „Das wäre sehr ambitioniert“, sagte König. „Alle früheren Zeitvorstellungen haben sich als falsch erwiesen.“

 

Wie teuer wird die Suche nach einem neuen Endlager?

Nachdem in Gorleben bereits 1,6 Milliarden Euro investiert worden sind, wird mit Kosten von mindestens zwei Milliarden Euro für die Suche gerechnet. Die Energiekonzerne halten sich bisher bedeckt, ob sie die Kosten übernehmen. Bis Ende 2014 könnten sie noch Verfassungsbeschwerde gegen den Neustart einreichen.

 

 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen