„Kieler Keim-Krise“ : UKSH-Klinikchef: Zahl der Betroffenen hat sich nicht erhöht

Pressekonferenz am Dienstag: Klinik-Chef Jens Scholz und Gesundheitsministerin Kristin Alheit.
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Pressekonferenz am Dienstag: Klinik-Chef Jens Scholz und Gesundheitsministerin Kristin Alheit.

Leichte Entwarnung am UKSH: Es gibt keine neuen Infektionen. Bis der Neubau fertig ist, könnten Teile des UKSH in Container ausgelagert werden, überlegt Gesundheitsministerin Alheit.

Margret Kiosz von
28. Januar 2015, 18:30 Uhr

Kiel | Am Universitätsklinikum in Kiel ist die Zahl der von einem gefährlichen Keim betroffenen Patienten nicht weiter gestiegen. Dies berichtete Klinikchef Jens Scholz am Mittwoch. Bisher waren dort zwölf Patienten gestorben, bei denen der Erreger festgestellt wurde. Auch die Zahl der Patienten, bei denen bisher insgesamt der Keim „Acinetobacter baumannii“ nachgewiesen wurde, blieb konstant bei 31. „Gott sei Dank“ habe es keine weitere Erhöhung gegeben, sagte Scholz. Wissenschaftsministerin Kristin Alheit (SPD) sprach von einer beruhigenden Nachricht.

Der Keim könnte nach bisherigem Stand bei drei Gestorbenen die Todesursache gewesen sein. Bei neun schloss das Klinikum dies aus. Drei Patienten wurden nach Klinikangaben seit Montag entlassen. Von sechs, die bisher negativ getestet in der Inneren Medizin lagen, konnte einer nach Hause.

Unterdessen bekräftigte die Gewerkschaft Verdi ihre Kritik über zu wenig Pflege- und Reinigungspersonal im Uniklinikum in Kiel. „Seit 2010 wird das Personal im Pflegebereich sukzessive abgebaut“, sagte Steffen Kühhirt. Der vorgeschriebene Personalschlüssel werde längst nicht immer eingehalten. Die Situation im privatisierten Reinigungsservice sei „haarsträubend“.

Scholz wies entsprechende massive Kritik der Gewerkschaft und eines früheren UKSH-Klinikdirektors zurück. NDR 1 Welle Nord hatte berichtet, in mehr als 70 Fällen hätten Mitarbeiter Missstände auf der vom Keimbefall betroffenen internistischen Intensivstation angezeigt. Dabei sei es um zu wenige Fachkräfte auf der Station gegangen, weil Kollegen im Urlaub waren oder weil freiwerdende Stellen nicht besetzt wurden. Das UKSH habe eingeräumt, dass es 2014 allein am Standort Kiel 524 sogenannte Gefährdungsanzeigen gegeben habe. Beim Reinigungspersonal steige die Zahl der Vollzeitstellen 2015 auf 253, nach 238 im Vorjahr, sagte Scholz. Er relativierte auch die Zahl der sogenannten Gefährdungsanzeigen von 524 im vorigen Jahr. Bei gut 61.300 Schichten im Jahr bedeute das eine Quote von 0,85 Prozent.

Und beim Pflegepersonal auf der internistischen Intensivstation sei die Zahl der Vollzeitstellen zuletzt von 59 auf 61 gestiegen. Er wies auch die Kritik von Verdi zurück, freie Stellen würden bewusst zunächst nicht wieder besetzt.

Ex-Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) beurteilte die Situation am UKSH anders als Scholz und forderte, schnellstmöglich Landesmittel „für das dringend benötigte Personal bereitzustellen“. Als ein Kernproblem nannte Scholz die baulichen Mängel des veralteten UKSH. Patientenzimmer seien etwa nicht direkt an Toiletten angeschlossen, und auf der internistischen Intensivstation gebe es nur vier Einzelbetten.

Die Regierung prüft, ob geplante Maßnahmen zur baulichen Sanierung des Klinikums mit seinen vielen maroden Gebäuden vorgezogen werden können. Dann werde die Regierung auch die Mittel dafür bereitstellen, sagte Alheit. Sie hält nach einem Gutachten von Fachwissenschaftlern das Auslagern von UKSH-Bereichen in Containern für eine Option.

„Im Moment geht es darum, den Keim in den Griff zu bekommen“, sagte die Ministerin. Die vom UKSH zu Rate gezogenen Fachwissenschaftler aus Frankfurt hätten „auch Hinweise zur baulichen Situation gegeben“. „Bis der Neubau des UKSH realisiert ist, sind daher auch Zwischenlösungen denkbar, zum Beispiel zur Auslagerung von einzelnen Bereichen in Containern, wenn das medizinisch sinnvoll ist“, sagte Alheit.

Massive Kritik äußerte Scholz an den finanziellen Rahmenbedingungen. Schleswig-Holsteins Krankenhäuser hätten mit anderen Ländern den bundesweit niedrigsten Basisfallwert - also die Pauschalvergütungen für bestimmte medizinische Leistungen. Im Jahr bedeute der niedrige Basisfallwert 45 Millionen Euro weniger Einnahmen im Vergleich zu Ländern mit hohem Basisfallwert. Alheit bekannte, das Land habe auf diese Bundesregelung letztlich keinen durchschlagenden Einfluss. Das veraltete UKSH soll im Rahmen eines Masterplans für 520 Millionen Euro saniert und Neubauten errichtet werden. Das betrifft beide Standorte in Lübeck und Kiel.

Die Todesfälle im Kieler Universitätsklinikum verunsichern nicht nur Patienten und Angehörige, sondern sorgen auch für politischen Wirbel. Die Opposition wirft der Gesundheitsministerin angesichts der „Kieler Keim-Krise“ jetzt „Hilflosigkeit und mangelndes Verantwortungsbewusstsein“ vor. Als Fachaufsicht müsse Alheit „aus ihrer Zuschauerrolle herauskommen“, fordert die CDU-Landtagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann. Sie erwarte, dass Alheit sich „an die Spitze der Aufklärung“ stellt und „nicht länger hinter dem UKSH-Vorstand in Deckung geht“.

Wegen der gefährlichen Bakterien im UKSH nehmen einige Kliniken und Reha-Zentren in Schleswig-Holstein zurzeit keine Patienten von dort auf oder fordern den Nachweis, dass die Betroffenen negativ getestet wurden. Dazu zählen offenbar die Städtische Klinik Kiel, die August-Bier-Klinik in Malente, das Schlei-Klinikum Schleswig, Reha-Einrichtungen in Schönberg/Holm und in Damp sowie die Imlandklinik Rendsburg, das Elisabeth-Krankenhaus Eutin und eine Pflegeeinrichtung in Kronshagen bei Kiel. UKSH-Chef Jens Scholz forderte gestern, diesen Boykott aufzugeben. Patienten, die nicht auf den beiden Isolier-Intensivstationen lägen, könnten den Keim nicht haben.

Das UKSH Gesundheitsforum lädt am Donnerstag um 18 Uhr in den Großen Hörsaal der Chirurgie auf dem Campus Kiel (Arnold-Heller-Str. 3,) zu einer Infoveranstaltung ein. Die Leiterin der Krankenhaushygiene sowie Klinikdirektoren beantworten Fragen der Öffentlichkeit. Parkhaus, Zufahrt über die Feldstraße.
Wie gefährlich ist eine Ansteckung mit A. baumanii? 

Es muss zwischen Besiedlung und Infektion unterschieden werden. Eine Besiedlung des gesunden Menschen ist nicht gefährlich. Bei immunschwachen Menschen birgt sie jedoch das Risiko einer Infektion.

Gibt es eine Therapie?

Der vorliegende Bakterienstamm kann mit dem Antibiotikum Colistin therapiert werden.

Welche Beschwerden weisen auf eine Ansteckung hin? 

Der Erreger kann bei immungeschwächten Menschen Lungen-, Harnwegs-  oder Wundinfektionen auslösen.

Kann ich mich bei einem Besuch auf dem Gelände des UKSH anstecken?

Nein. Sämtliche betroffenen Bereiche sind isoliert und gesondert gekennzeichnet. Ein Betreten des Campus Kiel ist gefahrlos möglich.

Besteht für mich als Patient die Gefahr der Ansteckung?

Bei Einhaltung aller angeordneten Hygienemaßnahmen kommt es nicht zur Übertragung des Keims, damit besteht auch keine Gefahr der Ansteckung. In die betroffenen Bereiche werden keine weiteren Patienten aufgenommen, die Stationen sind isoliert und gekennzeichnet. Stationsbereiche mit besiedelten Patienten werden nach deren Verlegung frei gezogen, die Zimmer vollständig desinfiziert und erst nach Freigabe durch die Zentrale Einrichtung Hygiene wieder in Betrieb genommen.

Kann ich mich beim Besuch eines Angehörigen anstecken, bei dem der Keim nachgewiesen wurde?

Bei Einhaltung der Basishygiene kommt es nicht zur Übertragung des Keims. Dazu zählen das Tragen der vor Ort vorgehaltenen Schutzkleidung (Haube, Mundschutz, Kittel, Einmal-Handschuhe) sowie die gründliche Händedesinfektion. Diese Maßnahmen werden vom Pflegepersonal beaufsichtigt.

Sollte ich mich als Mitarbeiter, Mitpatient oder Angehöriger untersuchen lassen?

Nein, das ist nicht notwendig.

Wie lange hält sich der Keim im Körper?

Der Erreger gehört nicht zur normalen residenten Flora weder der Haut noch der Schleimhäute von normalen gesunden Menschen. Selbst im Fall einer Besiedlung wird die normale Standortflora den Keim binnen kurzer Zeit wieder verdrängen. Im menschlichen Darm kann der Keim hingegen auch längerfristig überleben, auch ohne dass er in nachweisfähiger Häufung auftritt. Da er jedoch für gesunde Menschen keinerlei Gefahr darstellt, geht von besiedelten Menschen im Alltag aber keine Gefahr aus.

Warum wurden die Zahlen der Betroffenen erst nach und nach präzisiert?

Patienten, die  mit dem Keim in Berührung gekommen sein könnten, werden laufend und mehrfach einem Screening unterzogen. Die Laboruntersuchung nimmt jedoch einige Tage in Anspruch. Daher werden die Zahlen vom  UKSH  täglich aktualisiert.

Wo gibt es weitere Informationen?

Weitere Fragen beantworten Dr. Anette Friedrichs (Telefon 0431-5972979) und Helga Gerhart (Telefon 0431-5975858). E-Mail: anette.friedrichs@uksh.de, beschwerdemanagement.kiel@uksh.de oder  oliver.grieve@uksh.de

 
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