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Krim-Krise in SH : Ukraine-Krieg in der Fleischfabrik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heiße Diskussionen über die Krise in der Ukraine haben viele ehemalige Freunde zu Feinden gemacht – auch in Schleswig-Holstein. Eine betroffene Ukrainerin berichtet.

Flensburg | Swetlana (Name geändert) arbeitet seit knapp zehn Jahren in einer Fleischfabrik in der Nähe von Flensburg. Seit zwei Monaten leidet die gebürtige Westukrainerin unter ihrer Herkunft. „In der Ostukraine ist ein Krieg ausgebrochen. Hier habe ich meinen eigenen Krieg. Genauer gesagt, ich gehe in die Arbeit, wie in einen Krieg“, so Swetlana. Grund: Ihre Mitarbeiterinnen, russlanddeutsche Frauen, bezeichnen sie als Nazi-Anhängerin.

Der permanente Streit dauert seit Ende Februar, seit dem Beginn der Anschluss-Operation Russlands auf der Krim. „Diese Frauen, darunter auch meine inzwischen ehemalige Freundin, fragen mich immer wieder, auf welcher Seite in dem russisch-ukrainischen Konflikt ich stehe“, erzählt die Frau. Die Antwort, dass sie ihre Heimat unterstützt, mache die Kolleginnen sauer. „In ihren Augen bin ich Nationalistin und Faschistin.“ Warum denn? „Die Russlanddeutschen sehen sich das staatliche Moskauer Fernsehen an und vertrauen den propagandistischen Sendungen, die nicht vorhandene Ausschreitungen der neuen ukrainischen Macht beschreiben.“

In der Westukraine leben Swetlanas Eltern und die erwachsene Tochter. Jeden Tag spricht sie mit ihren Angehörigen über Skype. Zusätzliche Informationen erfährt sie aus deutschen Medien.

Auch in ihrer eigenen Familie, die in der Ukraine und in Russland verstreut lebt, gebe es keine Verständigung: „Meine Tanten in der Westukraine und am Ural geraten in Streit und versöhnen sich alle fünf Minuten.“

„Ich bin keine Politikerin, aber ich kann den Standpunkt der russlanddeutschen Mitarbeiterinnen nicht verstehen: Wenn ihr eure Heimat liebt, so seid ihr Patriotinnen, wenn ich meine Heimat liebe, so bin ich Nazi“, empört sich die Frau. Und stellt immer wieder die Frage: „Wenn ihr russische Patriotinnen seid, warum habt ihr Russland verraten und seid nach Deutschland eingewandert?“

Die Ukraine sei früher immer unter dem fremden Stiefel und brauche jetzt Mitleid, sagt Swetlana weiter. Sie schlage den Kolleginnen vor, sich in ihre Lage zu versetzen: „Wie würdet ihr reagieren, wenn man eure Heimat spalten wollte?“

Während der Erholungspausen sitzt die Ukrainerin einsam im Raucherzimmer. „Ich habe Angst vor meinen Opponentinnen.“ Bei den Diskussionen würde sie gerne schweigen, aber sie könne nicht mehr. Und beides kostet Nerven. „Mit meiner Reaktion sprenge ich manchmal den Rahmen“, gesteht Swetlana. Ein Kollege hätte sie einmal gefragt, ob sie jemanden töten könne. „Ich antwortete keck: Natürlich, mit einem Hackebeil in den Rücken!“

Die einzige, die Verständnis für sie habe, sei eine Frau aus Litauen, betont Swetlana.

Unterdessen versuche die Ukrainerin, die Aggressivität ihrer Mitarbeiterinnen zu verstehen. „Seit kurzem haben wir hier im Betrieb neue Maschinen und neue Verpackungen, die Arbeitszeiten haben sich auch geändert. Das alles macht viel Stress.“ Dennoch: Die Deutschen arbeiten schweigend, obgleich sie vermutlich auch nicht so glücklich damit seien.

Swetlanas Mann ist ein Deutscher, früherer Arbeitnehmer in dieser Fleischfabrik. Zunächst hätte sie ihm nichts erzählt, aber dann konnte nicht mehr an sich halten. „Er sagte sofort: Das ist schon Mobbing, in Deutschland ist es verboten, du musst dich an den Betriebsrat wenden. Sonst gehe ich selbst dorthin.“ Sie hätte ihn von seinem Vorhaben abgehalten. „Gegen wen wirst du kämpfen? Gegen Weiber? Lass das!“

In den letzten Tagen seien die beiden Seiten des Streits ruhiger geworden. „Wir passen schweigend aufeinander auf wie Schießhunde“, sagt Swetlana.

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