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Tierschutz in SH : Tierwohl – eine Frage der Haltung

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Statt auf „überfallartige Verbote“ setzt Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) auf die Einsicht der Landwirte und Mastbetriebe. SH drückt aufs Tempo.

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2014 | 11:31 Uhr

Berlin/Kiel | In deutschen Ställen soll bald Schluss sein mit dem Beschneiden von Schweineschwänzen, Hühnerschnäbeln und Rinderhörnern. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will dazu aber kein Gesetz einbringen, sondern hofft auf Entgegenkommen der Bauern. „Haltungseinrichtungen und Haltungsmanagement müssen sich den Bedürfnissen der Tiere anpassen – nicht umgekehrt“, sagt der Minister und bekommt – ein seltenes Ereignis – Beifall vom Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Der trägt die Offensive mit. Auch wenn sich der Tierschützer rascher klare Vorgaben und auch Verbote bestimmter Praktiken wünscht.

Beim Tempo legt jetzt Schleswig-Holstein vor. „Wir haben mit Bauernverband, Landwirtschaftskammer und Schweinespezialberatung Schleswig-Holstein gerade eine Vereinbarung zum Ausstieg aus dem routinemäßigen Schwänze kupieren erzielt“, erklärte Kiels Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Wochenende. Vereinbart wurde, „bis Ende 2016 die erforderlichen Schritte für einen flächendeckenden Verzicht aus dieser Praxis umzusetzen“. Dass auch der Bund aktiv wird, begrüßt Habeck: „Wir müssen dringend mehr Tierschutz und Tierwohl in den Ställen ermöglichen, das ist eine ethische Pflicht“. Im Norden sei man schon gut vorangekommen – bei der Forschung, Beratung und bei Maßnahmeplänen zum Ausstieg für die einzelnen Betriebe. „Das ist eine wichtige Grundlage“, sagt Habeck. Auch am Runden Tisch „Tierschutz in der Nutztierhaltung“, wo Nutzer und Schützer zusammenarbeiten, sowie mit dem Projekt „Tiergesundheit und Tierwohl in der Nutztierhaltung“ werde an Verbesserungen gearbeitet.“

Auch Bundesminister Schmidt setzt auf ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die in „verbindlicher Freiwilligkeit“ von der Branche umgesetzt werden sollen. „Die Landwirte sitzen nicht auf der Anklagebank, sondern sind die wichtigsten Partner bei der Verbesserung des Tierschutzes“, sagt Schmidt. Er setzt auf freiwillige Vereinbarungen der Wirtschaft mit verpflichtenden Zeitvorgaben. Etwa zum Verzicht auf das Kupieren eines Teils der Schwänze bei Schweinen und der Oberschnäbel bei Legehennen und Puten. Umstritten ist auch das nicht schmerzfreie Entfernen der Hörner bei Rindern, damit diese sich in den dicht besetzten Laufställen nicht gegenseitig verletzen.

Von „überfallartigen Verboten“ hält Schmidt wenig. Tierhaltung dürfe nicht aus Deutschland vertrieben werden in Länder, die es mit dem Tierschutz nicht so ernst nähmen. Sollte die jetzige Freiwilligkeit jedoch nicht zu den gewünschten Effekten führen, behält sich Schmidt gesetzgeberische Maßnahmen und ministerielle Verordnungen durchaus vor. Binnen zwei Jahren müsse sich viel zum Wohle der Nutztiere verändert haben. Schmidt spricht nicht von einer „Gnaden-, sondern Hoffnungsfrist“.

Anders als sein Berliner Kollege spricht Habeck auch über Geld. „Mehr Tierschutz und Tierwohl kosten – und es stellt sich daher die Frage: Wer bezahlt den Tierschutz“. Die Landwirte stünden schon jetzt unter enormem Kostendruck. „Wir müssen Wege finden, damit sie mehr für Tierschutz und Tierwohl tun und dafür auch mehr bei ihnen ankommt“. Das System der Fleischproduktion sei überwiegend auf Masse und damit leider vielfach auf billig ausgelegt. „Aber Dumping bei Fleischpreisen ist der falsche Weg. Wir müssen eine Grundannahme in der Volkswirtschaft hinterfragen, nämlich, dass billige Lebensmittel ein Beleg für den Wohlstand einer Gesellschaft sind“, gibt Habeck zu bedenken. Ausdruck von Wohlstand wäre aus seiner Sicht, „wenn eine Gesellschaft die Verantwortung übernimmt auch dafür, dass den Tieren, die wir halten und töten, kein unnötiges Leid zugefügt wird.“

Dabei sind die Positionen zum Tierwohl in Sachen Schwanzkupieren sehr unterschiedlich. In der öffentlichen Meinung gilt das Kürzen auf Ringelschwanzlänge als Tierquälerei. Für andere jedoch sind Bauern, die ihren Schweinen die Schwänze nicht kupieren die wahren Tierquäler, weil sich Schweine gegenseitige den Schwanz abbeißen und erkranken – zumindest dann, wenn sie Platzmangel haben und wenig Stroh bekommen. Alternative Haltungsformen kann sich der Landwirt bei den aktuell niedrigen Preisen für Schweinefleisch aber gar nicht leisten.

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