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Grüne Woche in Berlin : Tausende demonstrieren für mehr Tierschutz - auch ein Politiker aus SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele wollen das Leid der Tiere nicht länger mit ansehen. Grünenpolitiker Bernd Voss fordert eine Klassifizierung für Fleisch.

shz.de von
erstellt am 18.Jan.2016 | 16:11 Uhr

Berlin/Kiel | Legehennen wird der Schnabel gekürzt, damit sie ihr Artgenossen nicht blutig picken, Schweinen wird der Ringelschwanz beschnitten, Eber werden ohne Betäubung kastriert, weil den Menschen ihr Fleisch nicht schmeckt, und männliche Küken landen im Schredder, weil sie nie Eier legen werden. Tausende haben deshalb am Rande der Grünen Woche gegen industrielle Lebensmittelproduktion und Massentierhaltung demonstriert. Über 20.000 Bürger unterschrieben in Brandenburg eine Volksinitiative zur Verbesserung der Haltungsbedingungen.

Gut zwei Drittel der Verbraucher würden laut einer aktuellen Studie mehr für Fleisch zahlen, wenn Schweine oder Hühner artgerechter gehalten würden. Biofleisch kostet oft doppelt so viel wie Standardfleisch, das können sich viele nicht leisten. Aber: Für ein Pfund Schweineschnitzel wären Dreiviertel der Befragten bereit, vier statt drei Euro zu bezahlen – also einen ganzen Euro draufzulegen – wenn es das Tier deshalb besser gehabt hätte.

Auch der Kieler Landtagsabgeordnete Bernd Voss war am Sonnabend bei der Demo in Berlin dabei. Er fordert seit Langem, für Fleisch eine Klassifizierung einzuführen – ähnliche wie bei Eiern. „Seitdem angegeben werden muss, ob ein Ei aus Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung stammt, ist der Anteil aus Bodenhaltung gleich null“, argumentierte der Grüne aus Nortorf. Frischfleisch aus Biohaltung sollte entsprechend mit einer 0 kennzeichnet werden. Die 1 soll für Weidehaltung oder Auslauf stehen, 2 für mehr Platz im Stall und 3 für den gesetzlichen Mindeststandard. „Das führt zu hochgradiger Markttransparenz und bringt Landwirten mehr Geld“, ist Voss überzeugt. Dass Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) nicht mitmachen will, findet der Grüne „ausgesprochen unklug und marktfeindlich“.

Schmidt verwies am Freitag erneut darauf, es gebe schon jetzt einen Dschungel an Labeln. Er wolle sich lieber für eine Vereinheitlichung stark machen. Bei Eiern sei es leicht, die Einstufung an einem Kriterium festzumachen. Bei verarbeitetem Fleisch sei das schwierig. Bauernpräsident Joachim Rukwied wird in seiner Ablehnung deutlicher: Es gebe eine Vielzahl von Stalltyen und Haltungsformen. Da würde eine Kennzeichnung von 0 bis 3 nur für noch mehr Verwirrung sorgen.

Dass sich die Verantwortlichen noch lange dem Wunsch der Bevölkerung nach Tierschutz-Kennzeichnungen entziehen können, bezweifelt die Kieler Ernährungswissenschaftlerin Gudrun Köster. „Es hat eine Wertediskussion auf breiter Front eingesetzt“, hat die Verbraucherschützerin festgestellt. Die Frage nach der Haltung der Tiere spiele heute eine deutlich größere Rolle als noch vor zehn Jahren. „Viele Kunden wollen nicht unbedingt Bio , aber ein gutes Gewissen“, so Köster.

Allerdings sind Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie in letzter Zeit nicht untätig gewesen: An der freiwilligen Initiative „Tierwohl“ sind Fleischproduzenten, der Bauernverband sowie Aldi Lidl &Co beteiligt. Die Händler haben sich verpflichtet, für jedes verkaufte Kilo Fleisch vier Cent in einen Fonds einzuzahlen. Mit dem Geld werden Bauern gefördert, die ihre Ställe umwelt- und tierfreundlicher ausbauen als gesetzlich vorgeschrieben. So erhält der Landwirt beispielsweise 16,50 Euro pro intaktem Ringelschwanz.

Das ist der Ausgleich dafür, dass er zum Beispiel Spielzeug kauft, damit sich die Schweine nicht gegenseitig die Schwänze abbeißen. „Eine gesonderte Kennzeichnung für Fleisch, das aus teilnehmenden Betrieben stammt, gibt es aber nicht“, bedauert Köster. Minister Schmidt denkt zumindest nach. „Mein Ministerium prüft derzeit, wie wir dem Verbraucherwunsch nach klaren, einheitlichen Kennzeichnungen besser Rechnung tragen können.“

Dabei gibt es schon das Label „Für Mehr Tierschutz“ vom Deutschen Tierschutzbund – allerdings mit einer eher geringen Reichweite. Tierschutz-Präsident Thomas Schröder sieht die Lösung des Problems ohnehin nicht im Label, sondern in strengeren Gesetzen. „Viele Missstände der landwirtschaftlichen Tierhaltung basieren auf Mängeln des Tierschutzgesetzes. Erlaubte Ausnahmen - wie das Enthornen von Kälbern, das Kupieren von Schnäbeln und Schwänzen und das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln - bedeuten Schmerzen und Leiden in den Ställen und müssen durch den Gesetzgeber gestrichen werden“, forderte Schröder bei der Eröffnung der Grünen Woche.

 

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