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Stille Feiertage : Tanz am Totensonntag: Streit um Feiertagsruhe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tradition oder Zwang? Das Verbot für Veranstaltungen und Demos an stillen Feiertagen soll gelockert werden. Für die Nordkirche ist das nicht akzeptabel.

Kiel | Theater- oder Diskobesuch an Totensonntag und Karfreitag – das Thema Tanzverbot an stillen Feiertagen wie dem Volkstrauertag entwickelt sich zum Dauerbrenner im Kieler Landtag. Nachdem die Piraten vor zwei Jahren mit dem Versuch scheiterten, die Feiertagsruhe aufzuweichen, gibt es nun einen fraktionsübergreifenden Vorstoß.

Das Tanzverbot der Christen beeinträchtigt auch Menschen, die keine oder eine andere Religion haben. Damit wird eine Trennung von Staat und Kirche nicht gewährleistet. Ein Pro und Kontra zu dem Thema lesen Sie hier.

Einzelne Abgeordnete aller Parteien – bis auf die CDU – beantragen, das Verbot öffentlicher Veranstaltungen zu lockern. Auch das Demonstrationsverbot soll gestrichen werden. Doch eine einheitliche Linie innerhalb der Fraktionen gibt es nicht. Der Vorschlag ist hoch umstritten, die Fronten verlaufen quer durch alle Parteien. Der SPD-Abgeordnete Kai Dolgner spricht nur für sich und nicht für seine Fraktion. Er ist einer der Befürworter: „Ich kann es nicht nachvollziehen, warum man sich in seiner Religionsausübung gestört fühlen kann, wenn Menschen außerhalb von Hör- und Sichtweite feiern.“

Der Antrag geht nicht so weit, wie die erste Initiative der Piraten, sondern entspricht den Vorschriften in Hamburg: Das Verbot öffentlicher Veranstaltungen soll am Volkstrauertag nur noch von 6 bis 15 Uhr und am Totensonntag von 6 bis 17 Uhr gelten. Am Karfreitag soll die Feiertagsruhe von zwei Uhr früh bis zwei Uhr nachts des Folgetages gelten. Grundlage ist das Sonn- und Feiertagsgesetz, das öffentliche Veranstaltungen verbietet, die dem Ernst stiller Feiertage widersprechen oder den Gottesdienst stören. Derzeit gilt das Verbot am Volkstrauertag und am Totensonntag von 4 Uhr morgens sowie am Karfreitag den gesamten Tag.

Im Januar werden die Abgeordneten über den Vorschlag nach ihrer persönlichen Überzeugung abstimmen. „Es ist eine Glaubensfrage“, sagt der SSW-Abgeordnete Lars Harms. Ihm sei wichtig, dass das Versammlungsverbot aufgehoben wird. Aus Sicht von Patrick Breyer (Piraten) ist dieses sogar verfassungswidrig. Seine Fraktion kündigte eine repräsentative Umfrage unter den Schleswig-Holsteinern an. Auch die FDP-Fraktion trägt den Vorschlag mit. „In Zeiten, in denen immer weniger Menschen Mitglied in einer Kirchengemeinde sind, erscheint es angebracht, eine entsprechende Lockerung vorzunehmen“, meint Ekkehard Klug.

„Aus der Sicht der CDU bedarf es keiner Änderung“, sagte dagegen Fraktionsvorsitzender Daniel Günther. Er zeigt sich jedoch gesprächsbereit gegenüber einem Konkurrenzantrag des SPD-Abgeordneten Peter Eichstädt. Dieser sieht eine deutlich sanftere Einschränkung des Feierverbots unter Beibehaltung des Demonstrationsverbots vor. Auch die Kirchen in Schleswig-Holstein sehen keinen Änderungsbedarf. „Der Antrag ist für die Nordkirche so nicht akzeptabel. Die private Feiertagsgestaltung steht jedem bereits heute frei. Die stillen Tage genießen allein im öffentlichen Raum einen besonderen Schutz, der die Würde der Toten und der Hinterbliebenen berücksichtigt,“ erklärte Stefan Döbler, Pressesprecher der Nordkirche.

„Insbesondere die Korrekturen am Karfreitag sind doch Kosmetik und beschädigen einen unserer wichtigsten Feiertage“, sagte die Leiterin des Katholischen Büros Schleswig-Holstein, Beate Bäumer.


Pro und Kontra: Sind stille Feiertage noch zeitgemäß?

 

An Karfreitag und Totensonntag darf nicht öffentlich gefeiert werden. Doch ist staatlich verordnete Stille der richtige Weg für Gedenken? Pro und Kontra von Stefan Hans Kläsener und Frank Albrecht.

PRO: Der Mensch braucht auch mal Ruhe

von Stefan Hans Kläsener

 

 

Wann haben Sie das letzte Mal tief durchgeatmet? Sich einen Moment der Ruhe gegönnt und der Familie gewidmet? Vermissen Sie am Wochenende Mails, Telefonanrufe und Kurzmitteilungen auf dem Handy? Oder ist es vielleicht so, dass Sie ab und an mal ganz froh sind, wenn das trubelige Leben eine Atempause bekommt?

Die wenigen so genannten stillen Tage, die wir in Deutschland haben, sind ein Kulturgut. Sie haben damit zu tun, dass der Mensch kein Hamster im Rad ist, sondern eben Mensch. Und der bedarf gelegentlich der Ruhe.

Damit soll in keiner Weise gesagt werden, dass junge Leute, die am Wochenende feiern wollen, dieses Bedürfnis nicht auch an den stillen Tagen empfinden. Aber auch für sie kann es gut sein, wenn ihnen klar wird: heute nicht!

Anders gesagt: Die wenigen Anlässe, zu denen wir Feierlichkeiten und öffentliche Veranstaltungen gesetzlich reglementieren, haben einen ernsten Hintergrund, über den nachzudenken sich lohnt. Man könnte auch sagen: Reflexion folgt auf Kontemplation. Denken folgt der Ruhe. Und Unruhe haben wir nun wahrlich genug in unserem Leben, wie sogar Menschen im fortgeschrittenen Alter immer wieder bekunden.

Geradezu lächerlich ist das Argument, das Demonstrationsverbot an den stillen Tagen behindere die Demokratie. Wir haben ja, Gott sei es geklagt, vor allem an Wahltagen „stille Tage“, weil viel zu wenige in die Wahlkabine gehen. Da ist mehr Grabesruhe als am Totensonntag. Aber all das kann man auch ganz anders sehen. So wie mein Kollege.

 

KONTRA: Christliche Bräuche nicht länger per Gesetz aufzwingen

von Frank Albrecht

 

Ich habe in meinem Leben bereits viele Menschen verloren, die mir wichtig waren. Aber sie leben weiter, in meiner Erinnerung. Was ich dafür absolut nicht brauche, ist ein staatlich festgelegter Tag im Kalender. So viel zu meinem ganzjährigen Totensonntag. Trauer und Gedenken sind sehr individuelle Angelegenheiten, aus denen sich ein Gesetzgeber heraushalten sollte. Tanz- und Feierverbote sind aus der Zeit gefallen und haben nichts mehr mit dem Lebensgefühl vieler Menschen zu tun.

Wer die „stillen Feiertage“ als Gedenk- oder Ehrentage zelebrieren möchte, der möge das tun. Er genießt meinen Respekt. Doch er möge aufhören, mir vorzuschreiben, was ich an diesen Tagen tue oder lasse.

Der Karfreitag ist unbestritten einer der höchsten Feiertage der Christenheit. Wer in welcher Form auch immer der Kreuzigung seines Heilandes gedenken will, der soll dazu die Gelegenheit haben. Daher ist es auch völlig in Ordnung, dass Karfreitag ein gesetzlicher Feiertag ist. Jedoch muss da die Frage erlaubt sein, warum das für den jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur, das islamische Opferfest oder das Vesakhfest der Buddhisten nicht genauso gelten soll. Religionsfreiheit gilt schließlich entweder für alle, oder sie ist ihren Namen nicht wert.

Allerdings darf ein per Verfassung säkularisierter Staat nicht-religiösen Menschen nicht vorschreiben, wie sie diesen Tag begehen. Ich störe niemanden, wenn ich am Karfreitag feiern gehe. Und schon gar nicht verletze ich irgendwelche religiösen Gefühle. Toleranz im alltäglichen Miteinander funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Dazu gehört auch, dass christliche Gebräuche nicht länger allen Menschen per Gesetz aufgezwungen werden dürfen.

Wer beten will, soll beten – wer tanzen will, soll tanzen.

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erstellt am 02.Dez.2015 | 19:28 Uhr

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