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Lesung von „Volles Risiko“ : Susanne Gaschke – Triumph und Zorn in Kiel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit ihrem Buch „Volles Risiko“ holt Susanne Gaschke zum Rundumschlag aus. Auf ihrer emotionalen Lesung in Kiel werden erneut viele Vorwürfe laut.

shz.de von
erstellt am 13.Nov.2014 | 15:13 Uhr

Kiel | Ja, es ist so etwas wie eine Rückkehr im Triumph. Als Susanne Gaschke, lange schwarze Stiefel, knappes Jäckchen, flankiert von zwei smarten Herren den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal der größten Kieler Buchhandlung betritt, empfängt sie heftiger Applaus der mehr als 200 Besucher. Schmal sieht sie aus, ihr Lächeln wirkt gequält, der als Moderator engagierte Kieler Politikwissenschaftler Wilhelm Knelangen stellt „die liebe Susanne“ als „bekannte Persönlichkeit“ vor und skizziert ihren Leidensweg, der am 1. Dezember 2012 triumphal begann und im Oktober 2013 mit dem Rücktritt endete. Ein ähnlicher Skandal sei das politische Ende der Kieler Oberbürgermeisterin gewesen, wie er 25 Jahre zuvor für Aufsehen gesorgt habe, behauptet der Professor. Dieser Vergleich mit Barschel/Pfeiffer/Engholm ist allerdings reichlich überzogen.

Mit ihrem Buch „Volles Risiko“ habe sie keine „Versöhnungsfibel“ vorgelegt, verrät der Moderator, und ehe Susanne Gaschke dieses Urteil bestätigt, bekennt sie, dass sie an ihrem Wohnort Berlin „gelegentlich unheimliches Heimweh“ nach Kiel habe. Das rührt nicht nur ihre Eltern, die bereits seit einer Stunde auf die Tochter warten.

Angekündigt ist zwar eine Lesung, aber Susanne Gaschke steckt offensichtlich noch immer voller Zorn, sodass sie sich nur mühsam an den eigenen Text halten mag. Sie will anklagen, fahrig, schrill, übersprudelnd liest und erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie an jenem 21. Juni 2013 ihre „historische Unterschrift“ unter ein Dokument setzte, das dem Kieler „Unternehmer“ – den Namen Uthoff spricht sie nie aus – fast die Hälfte seiner im Lauf der Jahre auf fast acht Millionen Euro angewachsene Steuerschuld erließ. Die Fachleute im Rathaus hätten ihr dazu geraten, der Kämmerer vor allem. Auch diesen Parteifreund nennt sie nicht beim Namen, bescheinigt ihm jedoch „große schauspielerische Begabung“. „Alles schien mir plausibel“, verteidigte sie ihre damalige Entscheidung, die später von der Kommunalaufsicht des Landes als falsch eingestuft wurde. Und an der Spitze dieser Aufsicht stand die Parteifreundin, gegen die sie im Wahlkampf um die OB-Kandidatur denkbar knapp gewonnen hatte.

Ihre wahren Gegner aber sieht Susanne Gaschke nach wie vor eine Etage höher. Albig, Breitner, Stegner heißen sie. Die wollten sie, die Seiteneinsteigerin, erledigen. Als Beweis reicht das eigene Buch nun nicht mehr aus, drei prall gefüllte Aktenordner legt sie zusätzlich auf den Tisch. Der Inhalt gibt Auskunft darüber, wie auf politischer Ebene, vor allem im Innenministerium, ihr Fall behandelt worden ist. Und selbst, wenn man die Vorwürfe der Anklägerin mit Vorsicht behandelt, die erwähnten Gegner sind nicht schuldlos daran, dass die Kieler OB-Affäre derart eskaliert ist.

Es stellt sich durchaus die Frage, warum Albig als Kieler Oberbürgermeister die Steuerschuld „des Unternehmers“ nicht eingetrieben hat. Und während der eine zu wenig, beziehungsweise nichts tat, überzog ein anderer, nämlich der damalige Innenminister Breitner, mit seinem Vorstoß beim Generalstaatsanwalt. Er fühlte sich in seiner Eigenschaft als Verfassungsorgan vom Ehepaar Gaschke genötigt. „Völliger Blödsinn“ sei das gewesen, sagte Susanne Gaschke, und es fällt schwer, ihr zu widersprechen. Empört ist sie auch über das Verhalten der Kieler Staatsanwaltschaft, die mit großem Eifer dem Verdacht der schweren Untreue nachging und schließlich mit leeren Händen dastand.

Sehr bitter klingen diese und viele andere Vorwürfe aus dem Mund der Kurzzeit-Oberbürgermeisterin. Nur hin und wieder gelingt ihr ein lockerer Spruch. Etwa mit der Bemerkung, um 7.45 Uhr habe sie der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner angerufen, und „es gibt viele Arten, den Tag besser zu beginnen“. Mehr Beifall als für diesen Satz brachte der ganze Abend nicht.

„Sie tut mir leid“, ist aus dem Publikum zu hören und „das ist eine Schweinerei“, ruft eine Frau. Bekannte Gesichter aus dem Rathaus oder gar der Partei sind nicht zu erkennen.

Von der zum Abschluss angebotenen Gelegenheit Fragen zu stellen, macht allerdings kaum jemand Gebrauch. Nur der Moderator möchte wissen, ob Schleswig-Holstein überall in Deutschland sei, und die ganze Affäre Gaschke klinge für ihn wie „ein Gangsterroman“, was für einen Politikwissenschaftler etwas hochgegriffen ist. Nein, Schleswig-Holstein sei bei den Skandalen schon eine Ausnahme, und das gelte auch für seinen Ministerpräsidenten, antwortet Susanne Gaschke. Und dann räumt sie, wenngleich ein wenig spät, ein, dass auch sie Schuld an der Eskalation der betrüblichen Geschichte trägt. „Ich habe mir zu viele Feinde gemacht“, sagt sie. Etwa mit der Weigerung, geheime Abkommen zwischen SPD und Grünen in der Rathaus-Koalition zu akzeptieren. Mit mir nicht, habe sie entschieden.

Neue Freunde hat sich Susanne Gaschke an diesem Abend wahrscheinlich auch nicht gemacht. Höchstens den einen oder anderen Sympathisanten in seiner Meinung bestärkt, die Finger von der Politik im Allgemeinen und im Kieler Rathaus im Besonderen zu lassen. Die Zivilgesellschaft möge aufstehen, empfiehlt sie, normale Menschen sollten in die Parteien gehen und die Politiker „nerven“. Sie selber will es jedoch nicht mehr tun. So jedenfalls verspricht sie und wünscht sich gleichzeitig einen Kieler SPD-Parteitag, auf dem ihr Fall aufgearbeitet werden sollte. Selbstverständlich werde sie gerne kommen.

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