Gymnasium in SH : Studie soll Arbeitsbelastung von Lehrern ermitteln

Klassenzimmer

 

Viele Lehrer klagen über ihre Belastung. Der Philologenverband sieht den Bildungsauftrag in Gefahr. Aus dem Ergebnis sollen Forderungen an die Politik abgeleitet werden.

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19. Januar 2018, 16:14 Uhr

Kiel | Lehrer an den Gymnasien in Schleswig-Holstein protokollieren seit dieser Woche akribisch, wie viel Zeit sie für ihre dienstlichen Aufgaben innerhalb und außerhalb der Schule aufwenden. Mit einer Studie will der Philologenverband bundesweit feststellen, wie hoch die Arbeitsbelastung der Lehrer tatsächlich ist.

„Wir haben eine dramatische Mehrbelastung“, sagte am Freitag in Kiel der Landesvorsitzende Helmut Siegmon. Die Lehrer müssten mehr Unterricht geben als früher und seien „zu Stundengebern verkommen“. Hinzu kämen Korrekturen, Veranstaltungen, die Integration von Flüchtlingskindern und die Inklusion, also das gemeinsame Unterrichten von behinderten und nicht behinderten Schülern.

Mit einem unkontrollierten Aufgabenzuwachs sei die Erfüllung des Bildungsauftrages in Gefahr geraten, erklärte der Landesverband. Eine Untersuchung der Arbeitszeit sei überfällig, um Licht ins Dunkel zu bringen. „Wer gute Schule will, muss sich um die Gewinnung exzellenter Lehrerinnen und Lehrer kümmern und dafür sorgen, dass sie gesund bleiben“, äußerte Siegmon. „Bisher haben die Bildungsverantwortlichen Untersuchungen zur Lehrerarbeitszeit, Belastung und Gesundheit auf die lange Bank geschoben – wohl ahnend, dass es einen enormen Sanierungsbedarf in allen arbeitsrechtlichen und arbeitsschutzrelevanten Bereichen der Schulen gibt.“

Nach Siegmons Angaben wurde die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer in den vergangenen 20 Jahren um 2,5 Stunden erhöht. Für die Unterrichtsvorbereitung blieben im Durchschnitt noch fünf Minuten, was viel zu wenig sei. Das Land als Dienstherr sei verfassungsmäßig verpflichtet, die Entwicklung der Arbeitsbelastung zu kontrollieren, habe das aber nicht getan. Eine Folge zunehmender Belastung sei, dass Lehrer das Land nach Hamburg oder Niedersachsen verließen. „Wir erleben, dass die Besten abwandern“, sagte Siegmon. „Da erleben wir einen Schwund.“ Zahlen habe er dazu nicht.

Die Studie zur Arbeitsbelastung und Gesundheit von Gymnasiallehrern – in Schleswig-Holstein sind das annähernd 6300 – wurde von der Universität Rostock konzipiert. Im Norden dokumentieren die Pädagogen ihren Zeitbedarf bis zum 11. Februar. Abschließende Ergebnisse sollen nach den Sommerferien vorliegen. Der Philologenverband setzt auf eine hohe Beteiligung. Aus den Ergebnissen sollen Forderungen an die Politik abgeleitet werden.

„Ich begrüße die Initiative des Philologenverbands und alle Erkenntnisse, die dazu beitragen, immer besser zu werden“, sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Die Landesregierung habe – bei sehr hoher Beteiligung – bereits eine Befragung zur Lehrergesundheit gemacht. Die Auswertung laufe noch.

Zudem werde die Landesregierung eine umfassende Studie zur Lehrergesundheit und -belastung in Auftrag geben. Ein Kongress „Gesunde Schule“ ist für Herbst 2019 geplant. „Es ist – jenseits aller Stammtischparolen – unstrittig, dass Lehrkräfte zu den am stärksten belasteten Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gehören“, sagte der SPD-Schulpolitiker Kai Vogel. „Das gilt auch, wenn man die unterrichtsfreie Zeit gegenrechnet, die entgegen landläufigen Vorurteilen nicht mit Ferien gleichzusetzen ist.“ Vogel bedauerte, dass die Untersuchung auf die Gymnasien beschränkt ist. Auch an Gemeinschafts- und Berufsschulen arbeiteten Mitglieder des Philologenverbandes. „Gerade an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ist die hohe Arbeitsbelastung bekannt.“ Wo Belastungen zu hoch sind, müsse die Landesregierung für Entlastung sorgen.

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