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Durchbruch bei der Lehrerausbildung : Streit beigelegt: Das erwartet die Unis

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem Krisengipfel geben die Uni Kiel, die Uni Flensburg und Ministerium Details zur umstrittenen Reform der Lehrerausbildung bekannt. Was Sie jetzt wissen müssen.

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2014 | 18:09 Uhr

Kiel | Nach langer Auseinandersetzung ist der Uni-Streit beigelegt. Es ist ein Kompromiss, mit der alle Seiten leben können. Das teilte Wissenschaftsministerin Waltraud Wende am Dienstag in Kiel mit. Nach dem Krisengipfel der Bildungsministerin mit den Präsidien der Universität Flensburg und der Christian-Albrechts-Universität in Kiel wurden in einer gemeinsamen Presseerklärung am Mittwochnachmittag weitere Details zur umstrittenen Reform der Lehrerausbildung bekanntgegeben. 

„Es war ein langer Weg, aber am Ende zählen Resultate: Es wird – die Zustimmung des Landtages vorausgesetzt – die Sekundarlehrerausbildung geben. Beide Universitäten unterstützen dieses Konzept mit ihrer Expertise“, teilte Waltraud Wende mit. shz.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ändert sich für die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel?

An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) werden in 21 Fächern Lehrkräfte für den Unterricht an Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe und Gymnasien ausgebildet. Es werden keine Ressourcen abgebaut oder verlagert.

Physik, Biologie und Chemie bleiben als Sekundarstufen-II-Fächer ausschließlich an der CAU.

Neu ist an der CAU, dass in Zukunft für die Fächer Biologie, Chemie, Physik und Geografie zusätzlich ein zweisemestriger ‚Aufbau- oder Weiterbildungsmaster‘ entwickelt wird, so dass sich auch in Flensburg für die Sekundarstufe I ausgebildete Lehrkräfte für den Unterricht an der Sekundarstufe II weiterbilden können, wenn sie das wünschen.

Was ändert sich für die Universität Flensburg?

Auf der Ausbauliste für Flensburg stehen die sieben Lehramtsfächer, auf die sich beide Unis bereits im September 2013 geeinigt hatten. Sie werden auf Sekundarstufen-II-Niveau angehoben. Darunter sind Deutsch, Mathematik, Englisch, Dänisch, Spanisch, Geschichte und Wirtschaft/Politik. Hinzu kommen die Fächer Kunst, Sport und Französisch.

Die naturwissenschaftlichen Fächer Biologie, Chemie, Physik und Geografie bleiben in Flensburg auf Sekundarstufen-I-Niveau erhalten. Das Gleiche gilt für das Fach Technik, da es an den Schulen nur in der Sekundarstufe I angeboten wird.

Das Fach Gesundheit, Ernährung und Verbraucherkunde soll in Flensburg als Sekundarstufen-II-Fach ausgebaut und die Anerkennung bei der KMK im Rahmen eines Schulversuchs beantragt werden. Für diesen Ausbau soll die CAU ihre Expertise im Fach Ökotrophologie einbringen.

In welchen Punkten kooperieren die beiden Hochschulen künftig?

In den Fächern Kunst, Sport und Französisch soll es künftig mehr Zusammenarbeit zwischen den Universitäten geben. Das Fach Kunst soll in Zusammenarbeit mit der Muthesius-Kunsthochschule an beiden Universitäten neu konzipiert werden. Dabei sollen der Schulbezug der Ausbildung sowie die praktische künstlerische Arbeit besonders berücksichtigt werden.

Für das Fach Französisch wurde vereinbart, dass das in Flensburg neu aufzubauende Fach inhaltlich komplementär zu den in Kiel vorhandenen Professuren ausgerichtet wird. Zu diesem Zweck soll die Universität Kiel mit einer Vertreterin oder einem Vertreter in der Berufungskommission an dem Berufungsverfahren beteiligt sein. Außerdem wird im Fach Französisch eine inhaltlich verzahnte Ausbildung angeboten, so dass Studierende Module an der jeweils anderen Hochschule belegen können.

Welche Reaktionen gibt es auf die Einigung im Krisengipfel?

Eine Stärke der jetzt getroffenen Vereinbarung ist nach Ansicht von Ministerin Wende die engere Kooperation beider Hochschulen: „Die Zusammenführung der Kompetenzen gewährleistet die hohe Qualität der künftigen Lehrkräfteausbildung in Schleswig-Holstein.“

Kiels Unipräsident Gerhard Fouquet ordnet die Einigung als wichtig ein: „Die Universität Kiel hat ihre wesentlichen Ziele erreicht, und die Integrität aller ihrer Fächer bleibt gewahrt. Es gibt keine Umverteilung zulasten der CAU. Dadurch können wir in Kiel die Lehramtsausbildung auf höchstem Niveau erhalten und weiterentwickeln.“

Der Präsident der Universität Flensburg Prof. Dr. Werner Reinhart sagte: „Ich bin erleichtert darüber, dass in absehbarer Zeit offenbar wieder ein kooperatives Miteinander mit der CAU möglich sein wird. Für den Universitätsstandort Flensburg gilt: Studentinnen und Studenten werden endlich Klarheit über das Studienangebot unserer Universität haben. Die zusätzlich auszubauenden Fächer tragen deutlich zur Schärfung des Profils der künftigen Europa-Universität bei.“

„Mit der jetzt gefundenen Einigung ist es Bildungsministerin Waltraud Wende und den beteiligten Vertretern der Hochschulen nicht nur gelungen, die Debatte um die Neuausrichtung der Lehrerbildung wieder auf eine Sachebene zu stellen. Auch inhaltlich kann sich das Ergebnis sehen lassen“, sagte Lasse Harms vom SSW. „Am Ende dieses Prozesses werden zwei sowohl gleich- als auch hochwertige Lehrämter an unseren Hochschulstandorten stehen, die gestärkt in den nationalen Wettbewerb um die beste Lehrerausbildung in Deutschland gehen können.“

Welche Kosten kommen auf die Landesregierung zu?

Drei weitere Fächer zu den bisherigen sieben könnten in Flensburg unproblematisch aufgebaut werden, hieß es. Trotz des Fehlens der teuren Fächer Physik und Chemie sollen bis zu 1,5 Millionen Euro für Investitionen ausgegeben werden. Dies begründeten die Fraktionsspitzen damit, dass auch die anderen nun auszubauenden Fächer Investitionsbedarf hätten. Rund zwei Millionen Euro werden für Personal- und Sachkosten eingeplant. Die Kosten sind damit höher als ursprünglich vorgesehen.

Wann wird die Reform der Lehrerausbildung beschlossen?

Ein Beschluss über die Reform der Lehrerausbildung wird seitens der Regierung noch für den Juli angestrebt, spätestens soll das Paket aber im September nach der Sommerpause verabschiedet werden.

Über die Eckpunkte des Krisengipfels wird eine schriftliche Vereinbarung zwischen dem Ministerium und den beteiligten Hochschulen getroffen.

Was ist ein Sekundarlehrer?

Als weiteres konkretes Ergebnis des Krisengipfels teilte Ministeriumssprecher Thomas Schunck im Vorfeld mit, dass der von Wende vorgesehene Sekundarlehrer mit der Unterrichtserlaubnis für die Klassen 5 bis 13 an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen eingeführt werde – „vorausgesetzt das Parlament stimmt der Gesetzesvorlage zu“.

Sekundarlehrer sollen laut Plänen der Regierung mit der Unterrichtserlaubnis für die Klassen 5 bis 13 (Sek I und II) ausgestattet werden und an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen unterrichten dürfen.

SPD, Grüne und SSW wollen somit alle künftigen Lehrer für Sek I und II qualifizieren. Für Technik und Naturwissenschaften soll aufgrund des Mangels an Lehrern und Studenten geprüft werden, ob vorübergehend auch Sek I angeboten wird. Dafür hatten sich die Grünen eingesetzt.

Welche Risiken birgt der Sekundarlehrer?

Die Opposition, insbesondere FDP und CDU, will, dass das Gesetz zurückgezogen wird. Und hatte unterdessen eigene Vorschläge eingebracht. Laut Opposition schadet der „Einheitslehrer“ nachhaltig den Gymnasien.

Ebenfalls offen ist, ob die Ausbildung von Lehrern in diesem Zuge an der Universität Flensburg abgeschafft werden könnte. In Flensburg werden bisher Lehrer nur für die Sekundarstufe I ausgebildet.

Wie sahen die ursprünglichen Pläne zur Lehrerausbildung aus und welche Probleme gab es?

Geplant war, dass die Universität in Flensburg anstatt der bisher geplanten sieben Fächer, bis zu 13 Fächer für Sekundarlehrer anbieten soll.

Die Universität Kiel sah darin einen Vertrauensbruch der Bildungsministerin und befürchtete eine Verschiebung von Finanzmitteln nach Flensburg und somit Einbußen für die eigene Hochschule.

Nach Wendes Darstellung soll der Kieler Uni-Präsident Gerhard Fouquet am 27. März noch keine Bedenken zu den 13 Fächern geäußert haben. „Dreimal hat Herr Fouquet ‚Ja’ gesagt“, sagte Wende. Eine Woche später habe er das dann nicht mehr für akzeptabel gehalten und behauptet, nicht informiert worden zu sein.

Warum ist der Finanzbedarf für den Uni-Ausbau umstritten?

Das Ministerium kalkulierte für den Ausbau in Flensburg mit gut 1,3 Millionen Euro für Personal im Jahr und einmalig 1,2 Millionen für Investitionen. „Das wird so hinkommen“, sagte Wende. „Wir haben das noch mal nachgerechnet“, sagte sie. Die Uni Kiel und andere Kritiker gehen von weit höheren Summen aus.

Die Kieler Uni kalkulierte bei dem angestrebten Ausbau in Flensburg allein für Labore mit einem Mehrbedarf von 55 Millionen Euro. Diese Summe würde Wende zufolge einem Neubau mit höchstmöglichem Forschungsniveau von 5500 Quadratmetern entsprechen. Davon könne im Fall Flensburg nicht die Rede sein. Dort gebe es moderne Labore, die erst 2002 eingerichtet worden seien.

Was warfen sich die Universitäten im Vorfeld vor?

Seit der Veröffentlichung der Pläne von Ministerin Wende im März lag die Kieler Universität im Streit mit dem Campus in Flensburg. Damals erhob Gerhard Fouquet massive Vorwürfe und kündigte Konsequenzen an. „Wir sind gestern von den Verlautbarungen des Ministeriums kalt erwischt worden“, sagte Fouquet am 1. April.

Fouquet hielt auch der Uni Flensburg einen Vertrauensbruch wegen fehlender Informationen vor. Als Konsequenz lege die Universität Kiel bis auf weiteres die Umsetzung eines Praxissemesters und einen gemeinsamen Antrag mit der Universität Flensburg für das Bund-Länder-Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ auf Eis.

Die Universität Flensburg wies Vorwürfe der Kieler Uni zurück, Repräsentanten aus Flensburg hätten an den neuen Plänen der Politik „mitgeschrieben“. „Die Ankündigung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, jede Kooperation mit der Universität Flensburg vorerst auf Eis zu legen, basiert auf dieser Fehlannahme“, sagte der Flensburger Uni-Präsident Werner Reinhart. „Das lässt uns hoffen, dass die Kieler Universität ihre Entscheidung bald korrigiert.“

Warum scheiterten die Gespräche der beiden Universitäten?

Die Gespräche am runden Tisch über die künftige Lehrerausbildung zwischen den beiden Universitäten starteten Ende April. Doch schon nach vier Tagen stand fest: Die Gespräche sind gescheitert. Ein Treffen beider Seiten in Schleswig brachte keine Annäherung der Standpunkte. Stattdessen erreichte der Konflikt um die künftige Lehrerausbildung eine neue Eskalationsstufe.

Flensburgs Uni-Präsident Werner Reinhart erklärte, der Kieler Präsident Fouquet hätte wortwörtlich einen „blutigen Krieg und eine schmutzige Kampagne angedroht“, wenn die Universität Flensburg ihm nicht folgen würde. Die Äußerungen sollen bei einem Gespräch beider Uni-Präsidien gefallen sein, das im Konflikt um die künftige Lehrerausbildung ohne Ergebnis blieb.

Der Kieler Uni-Präsident sagte, man sei an einem Punkt angekommen, an dem es nicht mehr sinnvoll ist, weiterzureden. Jetzt sei erst einmal die Politik gefragt.

Foquet entschuldigte sich später gegenüber der Universität Flensburg für einige Äußerungen: „Meine Wortwahl, was als Szenario eintreten könnte, war sehr drastisch. Wenn dies als Drohung in Flensburg aufgefasst wurde, tut es mir leid.“

In einem Krisengipfel am Dienstag wurde nun der Kompromiss erzielt.

Was ist das umstrittene Rückkehrrecht?

Die Opposition will Waltraud Wende auch wegen einer anderen Erkenntnis in Bedrängnis bringen. Waltraud Wende ließ sich eine Rückkehroption an die Universität Flensburg zusichern, als sie ihren Posten in der Landesregierung einnahm. Wende war von 2010 bis 2012 Präsidentin der Flensburger Uni.

Die Opposition sieht in dem Rückkehrrecht einen Interessenkonflikt. Der Vorwurf: Waltraud Wende forciere den Ausbau der Uni Flensburg nur aus dem Grund, weil sie ehemals Präsidentin der Hochschule war.

Am 17. April hatte Wende die Rückkehroption einvernehmlich widerrufen. Die Opposition, allen foran die CDU, fordert aber weiter die Entlassung von Bildungsministerin Wende und wirft ihr „persönliche Selbstbedienung“ beim Ausbau der Uni Flensburg vor. Ein Rücktritt von der Rückkehroption würde daran nichts ändern.

Albig betonte, als Regelfall sei gesetzlich vorgesehen, dass Professoren nach einem politischen Amt auf ihre alte Stelle zurückkehren können. Wende sei aus dem niederländischen Groningen als Professorin auf Lebenszeit nach Flensburg gekommen und Uni-Präsidentin geworden. Normalerweise sei jemand zunächst Professor, bevor er Uni-Präsident werde. Wende sei rechtlich aber in Flensburg keine Sekunde Professorin gewesen. Insofern bestehe eine Regelungslücke im Hochschulgesetz, die möglicherweise geändert werden müsse. Wende habe bei seiner Anfrage, ob sie Ministerin in seinem Kabinett werden würde, als erstes gesagt, sie müsste vorher prüfen, ob sie ein Rückkehrrecht habe, sagte Albig. Ein Bonner Rechtsprofessor habe ihr dies bestätigt. „Sie ist Ministerin geworden in dem Bewusstsein, dass sie ein Rückkehrrecht hat.“

 
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