zur Navigation springen

Luftwaffe und Marine : Starfighter – Das Leben mit dem Drama

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Über dreißig Jahre lang flogen Luftwaffe und Marine den „Starfighter“ – 116 Piloten verunglückten tödlich. RTL hat das Drama verfilmt. Wir haben mit einem ehemaligen Piloten gesprochen.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2015 | 11:43 Uhr

Fahrdorf/Glücksburg | Am 12. November zeigt RTL sein Drama „Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern“. Schleswig-Holstein am Sonntag traf den ehemaligen Marineflieger und „Starfigther“-Piloten Harm Zander und die Witwe des bei einem Absturz tödlich verunglückten Oberleutnants zur See Joachim von Hassel, Elke von Hassel. Das wahre Leben hat mit dem, was RTL großspurig als Eventmovie ankündigt, wenig zu tun.

Harm Zander ist sein Alter nicht anzusehen. 79 Jahre ist der ehemalige Fregattenkapitän alt, aber die lange Treppe zu seinem Haus in Fahrdorf – die jeden Raucher ins Keuchen bringt –, bewältigt er mehrfach täglich ohne Anstrengungen. 14 Jahre lang, von 1963 bis 1977, saß der Marineflieger im Cockpit einer F 104. Über 1000 Flugstunden hat Harm Zander auf dem Starfighter absolviert. Den Film am kommenden Donnerstag wird er einschalten, schränkt aber sofort ein: „Ich kann nicht garantieren, dass ich ihn bis zum Ende anschaue. Wenn er mir zu rührselig wird, schalte ich aus. Dafür habe ich zu viel erlebt.“

Prinzipiell hält der Marineoffizier wenig davon, das „Starfighter“-Thema zu verfilmen. Die Zeit sei noch nicht abgeschlossen, ist sich Zander sicher, noch würden viele Betroffene leben. „Immer wieder die Erinnerungen zu erwecken, ich weiß nicht ob das so gut ist…“

Für ihn selber war die F 104 ein fantastisches, wenn auch sehr forderndes Flugzeug. Zwar sei der Starfighter für die Marine nicht unbedingt optimal geeignet gewesen, da er nur über ein Triebwerk verfügte, aber mit seiner Einführung 1963 waren die deutschen Marineflieger waffentechnisch endlich auf gleicher Höhe mit den MiG 17 und MiG 19 der Ostblock-Staaten. „Unser Auftrag hatte nichts mit der F 104 zu tun, das war ja nur ein Waffensystem. Wir hatten einen klar vorgegebenen Auftrag – den Schutz der Ostsee. Das war unser Gebiet. Wenn man von der Startbahn 08 abgehoben hatte und das Fahrwerk drin war, dann haben Sie vor Fehmarn den Minensucher der NVA getroffen.“

Natürlich sei die Verlustrate sehr hoch gewesen, aber die Abstürze hatten sehr verschiedene Ursachen gehabt, so Zander: den Faktor Mensch (Flieger sprechen nicht von der Schuld des Piloten), den Faktor Technik (Modifizierungen machen die F 104 immer sicherer) und den Faktor Umwelt. „Wenn dies heute mit dem Tornado passiert wäre, würden die Piloten streiken. Aber es waren damals andere Zeiten, wir haben uns gesagt: Pech gehabt.“

Harm Zander hat den Großen Flugsicherheitslehrgang absolviert, war oft einer der ersten am Unglücksort. So auch am 10. März 1970 bei Satrup, als Oberleutnant zur See Joachim von Hassel, Sohn des damaligen Bundestagspräsidenten und ehemaligen Verteidigungsministers Kai-Uwe von Hassel, tödlich abstürzte. „So komisch es klingt, für mich hörte an der Unglücksstelle der Mensch auf. Ich habe am Absturz immer an die Hinterbliebenen gedacht und will auch gar nicht den harten Max markieren. Ja, wir haben getrauert, am Tag danach wurde nicht geflogen, ab dann musste das Leben weitergehen. Was machen Sie, wenn Sie an der Straße einen tödlichen Verkehrsunfall sehen? Die Soldaten, die heute aus Afghanistan zurückkehren können zu einem Psychiater – wir hätten das auch gebraucht, nur das gab es damals nicht.“

„Es waren andere Zeiten“

Mit seiner Sicht ist der Fregattenkapitän nah bei der der Witwe des Oberleutnants. Als der Anruf mit der Anfrage nach einem Interview-Termin kommt, blockt Elke von Hassel zunächst freundlich ab. „Muss das wirklich sein?“, fragt sie. „Das ist doch schon so lange her.“ Am liebsten wäre es ihr, die alten Zeiten ruhen zu lassen. Doch das öffentliche Interesse scheint zu groß. Darum hat die 75-Jährige schließlich auch zugestimmt, als Peter Kloeppel von RTL wegen der Starfighter-Dokumentation mit dem Titel „Mein Mann war Nummer 57“ anfragte. Vier Stunden war das Fernsehen bei ihr. „Das war anstrengend!“, sagt sie. Es habe so viel hochgeholt.

Elke von Hassel ist eine aufrechte, impulsive Frau. Als zu Anfang unseres Gesprächs ihr Bruder an der Tür klingelt, um kurz etwas abzusprechen, begrüßt sie ihn herzlich. Sie hält ihn an der Hand, als sie ihn in das gemütliche Wohnzimmer mit alten Bildern, Kommoden, Schränken und mehreren bequemen Sitzgelegenheiten führt. Sie stellt ihn vor, und fällt ihm dann auch schon um den Hals, um ihn wieder abzuwimmeln. Eine warmherzige Frau.

Doch als sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhielt, „habe ich mein Herz erst einmal verschlossen“. Geweint wurde nicht. „Ich hatte zwei Kinder, sieben und nicht einmal drei Jahre alt, ich musste funktionieren. Sie sollten nicht noch mehr leiden müssen.“

Elke von Hassel musste stark sein. Auch den Nachbarn gegenüber. „Ich bin einen einzigen Tag in Schwarz gegangen. Doch da wechselten die Leute die Straßenseite. Sie hatten Angst vor mir.“ Warum? „Na, weil sie nicht wussten, wie sie mir begegnen sollten.“ In Tarp, wo die Familie damals lebte, hatten viele Bundeswehrangehörige und Flieger ihr Zuhause. „Ich habe Contenance gewahrt“, sagt Elke von Hassel und richtet sich noch ein Stückchen weiter in ihrem Stuhl auf. „Das habe ich immer. So bin ich erzogen worden.“

Wenn sie von ihrer Ehe berichtet, dann breitet sich ein warmes Licht um Elke von Hassel aus. Es ist klar, mit ihrem Mann hat sie einen Teil ihre Glücks verloren. Dennoch gab und gibt es für sie keinen Tag, an dem sie zweifelt, dass die Starfighter vielleicht niemals hätten abheben dürfen, dass ihr Mann einen solchen Flieger nicht hätte steuern dürfen. „Er hat das geliebt. Sie hätten seine Augen sehen sollen. Und ehrlich gesagt hatte ich mehr Angst um ihn, wenn er mit dem Auto fuhr, als wenn er in der Luft war.“

Der Tod von Oberleutnant zur See Joachim von Hassel hat in der Rückschau eine doppelte Tragik. Er war eben nicht nur der Mann von Elke von Hassel, sondern auch der Sohn Kai-Uwe von Hassels. Jenes Mannes, unter dem als Verteidigungsminister die Starfighter ihren Flugbetrieb in der Bundeswehr aufnahmen. „Doch soll ich das Vater jetzt anhängen, dass er die weiter hat fliegen lassen, obwohl es Probleme gab?“ Wie Harm Zander sagt Elke von Hassel: „Es war eine andere Zeit damals. Das kann man sich heute so nicht mehr vorstellen. Aber das darf man auch nicht aus der heutigen Sicht bewerten.“ Es war die Zeit des Kalten Krieges, Deutschland wollte in die Nato, es brauchte ein Flugzeug, das der Bundeswehr erlaubte, militärisch mithalten zu können – den Starfighter. „Das war eine Rennmaschine. Sie verzieh nicht den kleinsten Fehler.“ Ob ihr Mann einen Fehler machte, ist bis heute ungeklärt. Aber eines ist für Elke von Hassel klar: Ihr Mann starb für Deutschland.

269 „Starfighter“ stürzten ab

Die F-104 „Starfighter“ war ein einstrahliges Kampfflugzeug der Lockheed Corporation (USA). Ab 1956 bauten Lockheed und später auch kanadische und europäische Lizenznehmer das Modell in großer Stückzahl. Die F-104 war als reiner Tag- und Abfangjäger konzipiert, optimiert für hohe Geschwindigkeiten und Steigleistung. Von der amerikanischen Luftwaffe wurde das Muster nur bis Ende der 1960er-Jahre verwendet, während man später größeren und vielseitigeren Typen den Vorzug gab.

Die Luftstreitkräfte mehrerer NATO-Staaten setzten den Jäger dagegen bis in die 1990er-Jahre ein, die italienische Aeronautica Militare sogar bis 2004. Am 16. Mai 1958 stellte eine F-104A mit 2259,538 km/h einen Geschwindigkeits-Weltrekord auf. Am 14. Dezember 1959 erreichte eine F-104C die Weltrekordhöhe von 31 513 Metern. Der „Starfighter“ war das erste Flugzeug, das gleichzeitig die Rekorde für Geschwindigkeit, Höhe und Steigrate hielt.

Von Strauß gewollt

Die Bundeswehr hatte 1957 bei der Suche nach einem modernen, überschallschnellen Abfangjäger die Wahl zwischen den US-amerikanischen Maschinen Lockheed F-104 „Starfighter“ (Höchstgeschwindigkeit der Rekordversion etwa 2260 km/h), der Grumman F-11F „Tiger“ (Höchstgeschwindigkeit etwa 1170 km/h), der französischen „Mirage III“ (Höchstgeschwindigkeit etwa 2150 km/h) und der sich noch in der Planungsphase befindlichen britischen Saunders-Roe SR.177  (Höchstgeschwindigkeit etwa 2400 km/h). Laut Generalleutnant Josef Kammhuber, dem damaligen Inspekteur der Luftwaffe, sollte ein Allwetter-Jäger idealerweise mit einer sehr kurzen Startbahn auskommen und eine Mach-Zahl von über 2 erreichen können, um überschallfähige sowjetische Bomber wie die Mjassischtschew M-50 wirksam bekämpfen zu können. Im Auftrage Kammhubers führte Testpilot Walter Krupinski im Dezember 1957 Vergleichsflüge der beiden amerikanischen Muster in den USA durch. Das Vergleichsfliegen wurde im Mai 1958 in Villaroche mit der Mirage abgeschlossen. Krupinski empfahl im Ergebnis dieser Tests die Beschaffung der  F-104. Auch Kammhuber favorisierte den Starfighter. Auf diese Empfehlung hin wurde gegen den Rat einiger Experten vom damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß der „Starfighter“ als zukünftiger Abfangjäger vorgeschlagen.

Strauß zielte mit seiner raschen Entscheidung auch auf eine Förderung der Luftfahrtindustrie im Süden Deutschlands ab, die den Großteil der Kampfflugzeuge in Lizenz bauen sollte. Weiterhin wollte er über die im NATO-Auftrag geplante Bewaffnung der Flugzeuge mit US-Atombomben die nukleare Teilhabe der Bundesrepublik sicherstellen.  Diese Entscheidung löste später die Starfighter-Affäre aus, die im Kern zwei miteinander verbundene Aspekte hatte. Einerseits wurde hinterfragt, warum die Bundeswehr  entgegen dem Rat einiger Experten ein offensichtlich unausgereiftes Flugzeug in großen Stückzahlen bestellt hatte, und zum anderen stellte sich dadurch  die Frage, ob bei der Beschaffung  – wie in anderen Ländern auch – Korruption im Spiel war. Strauß konnte keine Vorteilsannahme im Zusammenhang mit dem „Starfighter“ nachgewiesen werden.

269 Maschinen gingen verloren

Die Bundeswehr setzte von Sommer 1960 bis zur Ausmusterung am 22. Mai 1991 insgesamt 916 Starfighter ein. Davon ging knapp ein Drittel, nämlich 269 Maschinen, durch Abstürze verloren. Insgesamt mussten durch Unfälle 300 Maschinen abgeschrieben werden. Einschließlich des letzten tödlichen Unfalls im Jahre 1984 verunglückten 116 Piloten tödlich. Am 10. März 1970 stürzte auch der Marineflieger Oberleutnant zur See Joachim von Hassel, Sohn des damaligen Bundestagspräsidenten Kai-Uwe von Hassel, tödlich ab. Die Absturzserie trug dem Flugzeugtyp sarkastische Bezeichnungen wie „Witwenmacher“, „Erdnagel“, „fliegender Sarg“ oder „Sargfighter“ ein.

In Schleswig-Holstein waren die „Starfighter“ unter anderem in Leck (Aufklärungsgeschwader 52),  Eggebek (Marinefliegergeschwader 2) und Jagel (Marinefliegergeschwader 1) stationiert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen