Kiel : Spektakuläre Rücktritte haben Tradition im Norden

Diesmal ohne Pfeife: Björn Engholm.
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Diesmal ohne Pfeife: Björn Engholm.

Uwe Barschel, Björn Engholm oder Erich Arp: Wer in der Landespolitik nach Kuriositäten sucht, der findet sie besonders reichhaltig unter der Rubrik Rücktritte.

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16. August 2011, 09:56 Uhr

Kiel | Die merkwürdigsten Gründe veranlassten führende Politiker, freiwillig oder von "Parteifreunden" gedrängt, auf ihre Ämter zu verzichten.
Der erste spektakuläre Rücktritt betraf 1948 den Landwirtschaftsminister Erich Arp. Er war Mitglied im Kabinett des legendären Ministerpräsidenten Hermann Lüdemann (SPD). Immer wieder kam es zwischen den beiden Parteifreunden zu Auseinandersetzungen. Mal weigerte sich Arp, für ein Fest der Regierung aus landeseigenen Forsten einen Rehbraten zu liefern, dann lehnte er es ab, Kartoffeln nach Berlin zu liefern.
Lüdemann war immer kurioser geworden
Lüdemann wartete nur auf einen gravierenden Fehltritt des Ministers, und den präsentierte Arp mit einer wahrlich ungewöhnlichen Dienstreise. Bei Nacht und Nebel wanderte er über die Zonengrenze, führte heimliche Gespräche mit SED-Chef Ulbricht und Ministerpräsident Grotewohl, die er aus Jugendzeiten kannte. Als die Reise bekannt wurde, verlor er Parteibuch und Ministerposten.
Ein Jahr später, im August 1949, musste auch Lüdemann zurücktreten. Der alte Herr war immer kurioser geworden, hatte eine ganze Reihe rätselhafter Personalentscheidungen getroffen und vor allem wiederholt Streit mit dem mächtigen SPD-Landesvorsitzenden Andreas Gayk angezettelt. Lüdemanns Nachfolge trat Wirtschaftsminister Bruno Diekmann an.
Nach neun Monaten ging das Geld aus
Der Ministerpräsident mit der bisher kürzesten Amtszeit war der CDU-Mann Walter Bartram. Schon bei seiner Wahl im September 1950 gab er unumwunden zu, dass ihn das Amt gar nicht interessiere. Und so regierte er auch. Nach kurzer Zeit war das Land so hoch verschuldet, dass die Beamten nur noch einen Teil ihrer Bezüge erhielten. Nach nur neunmonatiger Tätigkeit reichte der Neumünsteraner Unternehmer auf Druck seiner Partei im Juni 1951 seinen Rücktritt ein. Das Amt übernahm Friedrich-Wilhelm Lübke. Er musste aus gesundheitlichen Gründen 1954 zurücktreten und starb kurz darauf. Sein Nachfolger Kai-Uwe von Hassel gab sein Kieler Amt Anfang 1963 auf. Konrad Adenauer hatte ihn als Nachfolger von Franz Josef Strauß, der über die Spiegel-Affäre gestolpert war, zum Verteidigungsminister ernannt.
Spektakulär verlief 1969 in der anschließenden Ära Helmut Lemke das Ausscheiden von zwei Ministern. Der erste war der Rendsburger Reeder Knud Knudsen. Dem Wirtschaftsminister warf der Spiegel vor, sein Amt genutzt zu haben, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Der andere, Kultusminister Kurt Hannemann, zuvor Dorfgeistlicher in Leezen, erkannte schon nach dreimonatiger Amtszeit, dass ihn die Politik gesundheitlich überfordert.
Vor allem durch Lemkes kuriose Personalentscheidungen hatte sich in der CDU die Überzeugung durchgesetzt, dass der alternde Regierungschef abgelöst werden müsse. Durch die Zusage, mit dem Posten des Landtagspräsidenten entschädigt zu werden, ließ sich Lemke daraufhin 1971 zum "freiwilligen" Rückritt bewegen. Er machte damit Platz für Gerhard Stoltenberg, der seinerseits im Oktober 1982 als Regierungschef zurücktrat, da ihn der neue Kanzler Helmut Kohl zum Finanzminister berufen hatte.
SPD-Galionsfigur geht gegen Stoltenberg unter
Wenn die schleswig-holsteinische CDU jetzt einen neuen Spitzenkandidaten benötigt, kann sie auf Erfahrungen der SPD zurückgreifen, denn die musste auch schon einmal überraschend ihre Galionsfigur austauschen. Im November 1973 wählte ein Parteitag Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen zum Herausforderer von Gerhard Stoltenberg. Ohne große Begeisterung und nur deshalb, weil die Partei ihren Fraktionsvorsitzenden Klaus Matthiesen einen Wahlsieg nicht zutraute. Als Bundeskanzler Willy Brandt nach der Guillaume-Affäre zurücktrat, verlor auch Lauritzen sein Ministeramt. Daraufhin hatte er für die Parteifreunde im Norden weiter an Zugkraft verloren. Nach dem Liebesverlust trat Lauritzen im Juni 1974 von der Kandidatur zurück, und Matthiesen musste einspringen. Erwartungsgemäß verlor er die Wahl, allerdings nur knapp.
Die wirklich dramatischen Rücktritte sollten aber noch folgen. Den Anfang machte Uwe Barschel, der am 25. September 1987 auf Druck führender Parteifreunde das Amt des Ministerpräsidenten niederlegte. Ein anderes prominentes Opfer der Kieler Affäre wurde der in der SPD heftig geliebte ehemalige Landesvorsitzende, Sozialminister Günther Jansen, der Barschels "Mann fürs Grobe" Reiner Pfeiffer 40 000 Mark zukommen ließ und als die Zahlung bekannt wurde im März 1993 als Minister zurücktrat.
Am 3. Mai des gleichen Jahres folgte mit Björn Engholms Verzicht auf alle Ämter der bisher tiefste Sturz eines schleswig-holsteinischen Politikers.
(shz)

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