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Fragen und Antworten : So planen Vattenfall und SH den Rückbau des AKW Krümmel

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In 20 Jahren soll nichts mehr an das Atomkraftwerk Krümmel erinnern. Energieminister Robert Habeck stellt die Pläne vor.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2016 | 16:09 Uhr

Geesthacht | Ein halbes Jahrhundert nach Inbetriebnahme soll das Atomkraftwerk Krümmel in Geesthacht bei Hamburg wieder aus der Landschaft verschwunden sein. 1984 ging der Meiler ans Netz, Mitte der 30er Jahre dieses Jahrhunderts könnte an seinem Standort wieder die sprichwörtliche „grüne Wiese“ sprießen - wenn alles wie vorgesehen läuft. „Der Rückbau ist ohne Frage ein Mammutprojekt, aber der Atomausstieg wird in absehbarer Zeit sichtbar werden - dann auch in Krümmel", sagte Energieminister Robert Habeck (Grüne) in Kiel. „Wir bauen die Atomkraftwerke zurück und beenden damit ein elendes Kapitel dieser Risikotechnologie“ Der Betreiber Vattenfall hatte ihm zuvor einen Sicherheitsbericht vorgelegt.

Fragen und Antworten zum Rückbau des AKW Krümmel:

Was passiert mit dem Schutt und radioaktiven Müll?

Vattenfall zufolge hat das Kraftwerk, das schon seit Jahren keinen Strom mehr liefert, eine Gesamtmasse von 541.000 Tonnen. Gut 97 Prozent könnten wiederverwertet werden, gab das Ministerium an. 1,5 Prozent der Kraftwerksmasse sollen als schwach- oder mittelradioaktive Abfälle zunächst zwischengelagert werden, bis ein bundesweites Endlager zur Verfügung steht. Etwa 1 Prozent nicht belastetes Material, also rund 5000 Tonnen, soll nach Freigabe zur Entsorgung auf andere Deponien - möglichst standortnah, wie Vattenfall-Geschäftsführer Pieter Wasmuth sagte. Beim Rückbau werden Habeck zufolge alle Materialien ein strenges Messverfahren durchlaufen, das die Atomaufsicht und Sachverständige überwachen. Damit werde sichergestellt, dass alles, was das Kraftwerk verlässt, die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung einhält. „Weder von diesen Abfällen noch von denen, die deponiert werden müssen, geht eine Gefahr aus“, sagte Habeck. „Ich weiß aber, dass alles, was mit Atomkraft zusammenhängt, leicht Sorgen auslöst, auch ein Rückbau. Deshalb stehen bei allen Schritten Sicherheit und Transparenz oben.“

Gibt es ein Konzept für die Lagerung der radioaktiven Abfälle?

Habeck kritisierte, Vattenfall habe noch keine klaren Aussagen zur Lagerung der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle gemacht. Der Betreiber nannte drei Varianten: im vorhandenen Zwischenlager, in unmittelbarer Nähe oder an einem anderen Standort. „Das wäre die schlechteste Lösung“, sagte Habeck zur letzten Variante. Dies habe er wohlverstanden, entgegnete Wasmuth.

Was genau passiert mit den Brennelementen?

Bevor das Kraftwerk abgerissen werden kann, müssen alle 1002 Brennelemente heraus sein, die sich noch dort befinden. Die 990 bestrahlten Brennelemente sollen im Zwischenlager in Krümmel deponiert werden. Die zwölf unbestrahlten Brennelemente sind für Kraftwerke vorgesehen, die noch am Netz sind.

Wann soll der Rückbau beginnen, und wie lange wird er dauern?

Mit einer Entscheidung über die Genehmigung zum Abbau rechnet das Ministerium nicht vor Ende 2018. Danach kalkuliert Vattenfall mit zehn bis 15 Jahren, bis das Kraftwerk aus dem Atomrecht entlassen werden kann, also keine radioaktiven Stoffe mehr in sich birgt. Anschließend sei der Abriss der Gebäude mit rund drei Jahren veranschlagt. Der Gebäudeabriss als letzter Schritt dürfte nach derzeitigem Stand frühestens Ende der Zwanzigerjahre beginnen. „Für uns geht Sicherheit vor Schnelligkeit“, betonte Wasmuth. Das gelte für das Personal, die Anwohner und die Umwelt.

Wie teuer wird der Rückbau?

Die erwarteten Rückbaukosten gab Vattenfall-Geschäftsführer Pieter Wasmuth mit grob geschätzt 750 bis 900 Millionen Euro an. „So sind auch die Rückstellungen gebildet.“

Warum und seit wann ist Krümmel nicht mehr am Netz?

Nach einem Transformatorbrand Mitte 2007 und weiteren Pannen blieb der Reaktor bis Mitte 2009 vom Netz und produzierte dann nur noch kurze Zeit Strom, bis weitere Zwischenfälle folgten. Nach der Katastrophe von Fukushima erlosch 2011 die Betriebsgenehmigung. Vattenfall hatte Ende August vergangenen Jahres die Stilllegung und den Abbau des Kraftwerks beantragt, das schon lange abgeschaltet ist. Auch für das ebenfalls abgeschaltete Akw Brunsbüttel läuft ein Stilllegungs- und Rückbauverfahren.

Gäbe es Alternativen zum Rückbau?

Theoretisch ja. Habeck lobte Vattenfall dafür, dass der Betreiber sich für einen Abriss entschieden hat und nicht für einen den nach dem Atomgesetz noch möglichen sogenannten sicheren Einschluss. Dieser würde bedeuten, dass das Kraftwerk zunächst für Jahrzehnte stehenbleibe, inklusive des Weiterbetriebes wichtiger Systeme, Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten sowie einer Überwachung durch die Atomaufsicht. Der Abbau könnte erst danach beginnen. Ein zeitlich unbegrenzter Einschluss sei rechtlich schon jetzt nicht zulässig, betonte Habeck. Aus seiner Sicht hätte ein zügiger Rückbau-Beginn auch den Vorteil, dass dann Mitarbeiter daran mitwirken können, die das Kraftwerk noch kennen.

Wie viele Menschen arbeiten noch im Atomkraftwerk?

Nach seinen Angaben sind in Krümmel derzeit 240 Vattenfall-Mitarbeiter beschäftigt. Entlassungen seien nicht geplant. Im Zuge des Rückbaus könnten auf der Anlage unter Einbeziehung von Fremdfirmen bis zu 450 Menschen arbeiten.

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