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Multiresistente Erreger in SH : So kämpfen die Kliniken gegen die Keime

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Krankenhäuser fürchten um ihren Ruf. Bessere Hygiene und häufigere Untersuchungen sollen Patienten vor Infektionen schützen.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2014 | 06:30 Uhr

Kiel | Nach einer bundesweiten und repräsentativen Forsa-Umfrage sind in Deutschland Kindergartenkinder die Spitzenreiter im Antibiotika-Verbrauch. 41 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen erhielten im vergangenen Jahr Antibiotika, weil sie Ohrenschmerzen, eine Bronchitis oder Erkältung hatten.

Dabei wird seit Jahren vor dem großzügigen Gebrauch von Antibiotika gewarnt. Die Folgen sind nämlich unübersehbar: Immer öfter ist gegen gefährliche Keime kein Kraut mehr gewachsen, selbst sogenannte Reserveantibiotika, die wegen ihrer starken Nebenwirkungen schon seit 50 Jahren kaum verwendet werden, sind nicht mehr in der Lage, die gefährlichen Keime zu bändigen. Ein Viertel aller Verschreibungen im letzten Jahr entfiel laut der Kasse auf diese Wirkstoffgruppe. Vor allem sehr junge, alte und immunschwache Patienten bezahlen das mit ihrem Leben.

An vorderster Front gegen die Zunahme der Multiresistenten Keime (MRE) kämpfen die Kliniken. Mit gutem Grund: Sie fürchten um ihren Ruf, wenn sich Patienten bei Hüft-OPs oder Herzkatheteruntersuchungen mit dem Killerkeim infizieren. Dabei wird der meist von außen in die Krankenhäuser hereingetragen. „Seit 2005 testen wir etwa 15 Prozent der neuaufgenommenen Patienten – beispielsweise solche aus Pflegeheimen und mit offenen Wunden“, erklärt Michael Siemann, Facharzt für Mikrobiologie und Leiter der Stabsstelle für Hygienemanagement im Städtischen Krankenhaus Kiel. „Sind die Patienten positiv auf MRE getestet worden, versuchen die Stationen sie zu isolieren, bis ein negatives Ergebnis vorliegt.“ In den ersten beiden Jahren nahm die Zahl der Fälle zu. „Durch das Screening sehen Sie erst, welche Probleme Sie haben“, so Siemann. Für 2014 rechnet die 640 Betten-Klinik zum ersten Mal mit einem deutlichen Rückgang von etwa zehn Prozent bei den MRE-Fällen. Ähnliches berichten auch die Helioskliniken im Norden sowie die Asklepios Kliniken auf Sylt und in Bad Oldesloe.

In den Niederlanden werden grundsätzlich alle Patienten bei der Aufnahme auf MRE untersucht. „Die Zahl der aufgedeckten Fälle ist seitdem rapide gesunken“, berichtet Professor Helmut Fickenscher vom Institut für Infektionsmedizin der Uni Kiel. „Wichtig ist zudem, dass die gültigen Hygienevorschriften des Kieler Sozialministeriums konsequent umgesetzt werden“, fordert er. Die Sana Kliniken Ostholstein und die Asklepios Nordseeklinik zu Beispiel beteiligen sich an der „Aktion Händehygiene“. Hier werden Desinfektionsmittelverbräuche dokumentiert sowie Schulungen und Aktionstage der Händehygiene durchgeführt.

Allerdings sind nicht nur die Krankenhäuser gefordert. Fickenscher: „Die Küchenhygiene darf beim Kampf gegen MRE nicht unterschätzt werden.“ Wer mit dem Küchenkrepp die Putenkeule abtupfe, verteile die gefährlichen Keime, die sich häufig auf dem Geflügel sitzen, quer durch die Küche.

Der Besorgnis erregende Anstieg der Antibiotikaresistenzen hat auch den Kieler Landwirtschaftsminister wachgerüttelt. Robert Habeck (Grüne) will jetzt den unkontrollierten Einsatz von Antibiotika in den Tierställen Einhalt gebieten. Mit gutem Grund: Weil dort die Medikamente teils prophylaktisch ins Futter und Trinkwasser gegeben werden, um gute Mastergebnisse nicht durch Krankheiten zu gefährden, gelten die Ställe inzwischen als ideale Brutstätten für resistente Keime. „Die werden dort regelrecht gezüchtet“, warnt Franz Jürgen Schell von der Asklepios Klinik in Bad Oldesloe. Schlimmer noch: In viehreichen Regionen sind laut einer Studie der Uni Münster 80 Prozent der Landwirte mit diesen Keimen besiedelt. „An das Problem der Massentierhaltung müssen wir ran“, so Schell. Sonst stehe Deutschland bald ohne wirksame Antibiotika da.

Von einer Million Versicherten, die vergangenes Jahr stationär behandelt wurden, trugen laut DAK rund 20 000 einen resistenten Keim in sich. Im Jahr 2010 waren es nur 15 000. Angesichts dieser Entwicklung hoffen die Krankenhäuser im Norden nicht zuletzt auf Einsicht im Kieler Sozialministerium, denn das bestraft Kliniken, die testen und MRE-positive Patienten isolieren. „Die Landespolitik zwingt uns zu einer 90-prozentigen Auslastung, damit konterkariert sie die Hygienebemühungen“, erklärt Siemann. Ein Zweibettzimmer, das nur mit einer Person belegt ist, gelte als Fehlbelegung. Betten würden dann gestrichen. „Im Landesbettenplan wird nicht berücksichtigt, wie viele Patienten mit multiresistenten Keimen beherbergt werden.“

 

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