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Gottesbezug in der SH-Verfassung : So halten es die anderen Bundesländer mit Gott

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Diskussion um den Gottesbezug in der SH-Verfassung geht in eine neue Runde. Ein Blick über den Tellerrand.

Im Landtag ist der Antrag im vergangenen Jahr gescheitert, in die Verfassung von Schleswig-Holstein einen Gottesbezug aufzunehmen.  „In Verantwortung vor Gott und den Menschen...“, lautete die geplante Formulierung.

Doch die Befürworter geben nicht auf. Für shz.de ist das Anlass, einen Blick auf die anderen Bundesländer zu werfen. Wie halten sie es mit dem Gottesbezug?

Niedersachen: „Verantwortung vor Gott und den Menschen“

Das Alte Rathaus und die Marktkirche in Hannover.
Das Alte Rathaus und die Marktkirche in Hannover. Foto: Imago

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das Volk von Niedersachsen durch seinen Landtag diese Verfassung gegeben.“

Das wie Schleswig-Holstein (54 Prozent) überwiegend protestantische Niedersachsen (48,5 Prozent) hat den Gottesbezug in der Landesverfassung. Die Formulierung ist der recht ähnlich, die im Kieler Landtag gescheitert ist. Das „Bewusstsein“ wird bei unserem südlichen Nachbarn noch zwischen „Gott“ und „Verantwortung“ geschoben.

Hamburg: „Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern“

Abendstimmung zwischen Landungsbrücken und Elbphilharmonie.
Abendstimmung zwischen Landungsbrücken und Elbphilharmonie. Foto: Imago

„Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen. Sie will im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein.“

So beginnt die Präambel der Hamburger Verfassung. Nur noch knapp 30 Prozent der Hamburger sind evangelisch, zehn Prozent katholisch. Das war 1952, als die Verfassung verabschiedet wurde, anders. Dennoch kein Gottesbezug, sondern ein sehr stolzes Bekenntnis zum Hafen, der aus Sicht der Verfassungsmütter- und -väter nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine friedensstiftende Funktion hat. Gott wird da gar nicht gebraucht. Lediglich der „Geist des Friedens“.

Bremen: „Erschüttert von der Vernichtung“

Die Bremer Stadtmusikanten.
Die Bremer Stadtmusikanten. Foto: Imago

„Erschüttert von der Vernichtung, die die autoritäre Regierung der Nationalsozialisten unter Mißachtung der persönlichen Freiheit und der Würde des Menschen in der jahrhundertealten Freien Hansestadt Bremen verursacht hat, sind die Bürger dieses Landes willens, eine Ordnung des gesellschaftlichen Lebens zu schaffen, in der die soziale Gerechtigkeit, die Menschlichkeit und der Friede gepflegt werden, in der der wirtschaftlich Schwache vor Ausbeutung geschützt und allen Arbeitswilligen ein menschenwürdiges Dasein gesichert wird.“

Recht ausschweifend sind die Bremer im Bandwurmsatz ihrer Präambel. Gott kommt ihnen nicht in den Sinn. 44 Prozent von ihnen sind protestantisch, ebenso viele konfessionslos. Die Katholiken bilden mit zwölf Prozent eine Minderheit.

 

Mecklenburg-Vorpommern: „Im Bewusstsein der Verantwortung“

Das Schweriner Schloss.
Das Schweriner Schloss. Foto: Imago

„Im Bewußtsein der Verantwortung aus der deutschen Geschichte sowie gegenüber den zukünftigen Generationen, erfüllt von dem Willen, die Würde und Freiheit des Menschen zu sichern, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen, ein sozial gerechtes Gemeinwesen zu schaffen, den wirtschaftlichen Fortschritt aller zu fördern, die Schwachen zu schützen und die natürlichen Grundlagen des Lebens zu sichern, entschlossen, ein lebendiges, eigenständiges und gleichberechtigtes Glied der Bundesrepublik Deutschland in der europäischen Völkergemeinschaft zu sein, im Wissen um die Grenzen menschlichen Tuns, haben sich die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns auf der Grundlage des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in freier Selbstbestimmung diese Landesverfassung gegeben.“

Ja, das ist wirklich ein Satz, aus dem die Präambel der MV-Verfassung besteht. Steht irgendwie alles drin, hat man den Eindruck. Nur kein Gott. Angesichts rund 80 Prozent Konfessionsloser ist das keine Überraschung.

Brandenburg: Zusammenarbeit mit Polen

Jeder solle „nach Seiner Faßon Selich werden“ schrieb einst Preußenkönig Friedrich II. Hier sein Schloss Sans Souci in Potsdam.
Jeder solle „nach Seiner Faßon Selich werden“ schrieb einst Preußenkönig Friedrich II. Hier sein Schloss Sans Souci in Potsdam. Foto: Imago

„Brandenburg ist ein freiheitliches, rechtsstaatliches, soziales, dem Frieden und der Gerechtigkeit, dem Schutz der natürlichen Umwelt und der Kultur verpflichtetes demokratisches Land, welches die Zusammenarbeit mit anderen Völkern, insbesondere mit dem polnischen Nachbarn, anstrebt.“

Die Beziehung zu Polen heben die Brandenburger in ihrer Verfassung besonders heraus, Gott nicht. Auch hier sind rund 80 Prozent der Menschen konfessionslos.

Berlin: nüscht

Die Berliner Humboldt-Universität.
Die Berliner Humboldt-Universität. Foto: Imago

Der Berliner ist pragmatisch. Eine Präambel hat die Verfassung nicht. Nur Juristendeutsch. „Berlin ist ein deutsches Land und zugleich eine Stadt“, lautet der erste Satz. Profaner geht es nicht. Beim Zensus 2011 bezeichneten sich 37 Prozent als christlich, einer Amtskirche gehören rund 30 Prozent an.

Nordrhein-Westfalen: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“

Der Kölner Dom und Groß Sankt Martin von der rechten Rheinseite aus gesehen.
Der Kölner Dom und Groß Sankt Martin von der rechten Rheinseite aus gesehen. Foto: Imago

„In Verantwortung vor Gott und den Menschen, verbunden mit allen Deutschen, erfüllt von dem Willen, die Not der Gegenwart in gemeinschaftlicher Arbeit zu überwinden, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle zu schaffen, haben sich die Männer und Frauen des Landes Nordrhein-Westfalen diese Verfassung gegeben.“

Nordrhein-Westfalen fühlt sich sehr katholisch an: das Rheinland sowieso, aber auch weite Teile Westfalens. Das Ruhrgebiet mit seinen polnischen Einwanderern war die Keimzelle der Katholischen Arbeitnehmerbewegung. Aber auch der Protestantismus ist in dem Land, in dem der Westfälische Friede den 30-jährigen Krieg beendete, weit verbreitet. 40 Prozent der Nordrhein-Westfalen sind katholisch, weitere 30 Prozent evangelisch.

Sachsen-Anhalt: „In Achtung der Verantwortung vor Gott“

Der Magdeburger Dom.
Der Magdeburger Dom. Foto: Imago

„In freier Selbstbestimmung gibt sich das Volk von Sachsen-Anhalt diese Verfassung. Dies geschieht in Achtung der Verantwortung vor Gott und im Bewußtsein der Verantwortung vor den Menschen mit dem Willen, die Freiheit und Würde des Menschen zu sichern, die Grundlagen für ein soziales und gerechtes Gemeinschaftsleben zu schaffen, die  wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten und die kulturelle und geschichtliche Tradition in allen Landesteilen zu pflegen.“

Sachsen-Anhalt hat den Gottesbezug in der Verfassung, wie andere Länder auch, in der beliebten Kombination mit „Verantwortung“. Und das, obwohl mehr als 80 Prozent der Bevölkerung konfessionslos sind. Zur Zeit, als die Landesverfassung beschlossen wurde, prägte der katholische Niedersachse Werner Münch als Ministerpräsident die Landespolitik.

Hessen: „Nur als demokratisches Gemeinwesen“

Die Frankfurter Skyline in dramatischem Abendlicht.
Die Frankfurter Skyline in dramatischem Abendlicht. Foto: Imago

„In der Überzeugung, daß Deutschland nur als demokratisches Gemeinwesen eine Gegenwart und Zukunft haben kann, hat sich Hessen als Gliedstaat der Deutschen Republik diese Verfassung gegeben.“

Ganz weltlich geben sich die Hessen in ihrer Verfassung. Dabei sind mehr als 60 Prozent von ihnen in einer der beiden großen christlichen Kirchen organisiert. Davon ist aber zumindest in der größten Stadt Frankfurt wenig zu spüren. Hier prägen nicht Kirchen wie andernorts, sondern Bankentürme das Bild.

Rheinland-Pfalz: „Gott, dem Urgrund des Rechts“

Der Hohe Dom zu Mainz.
Der Hohe Dom zu Mainz. Foto: Imago

„Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft, von dem Willen beseelt, die Freiheit und Würde des Menschen zu sichern, das Gemeinschaftsleben nach dem Grundsatz der sozialen Gerechtigkeit zu ordnen, den wirtschaftlichen Fortschritt aller zu fördern und ein neues demokratisches Deutschland als lebendiges Glied der Völkergemeinschaft zu formen, hat sich das Volk von Rheinland-Pfalz diese Verfassung gegeben.“

Im Geburtsland Helmut Kohls steht Gott ebenfalls in Kombination mit „Verantwortung“ in der Verfassung, allerdings mit einem interessanten Unikum als Zusatz: Gott wird als  „Urgrund des Rechts“ bezeichnet. Da kann man nun herrlich darüber streiten, ob das, was wir heute als „Recht“ bezeichnen, vom biblischen Gott oder der europäischen Aufklärung geprägt ist. 45 Prozent der Rheinland-Pfälzer sind Katholiken, 30 Prozent Protestanten.

Thüringen: „In dem Bewußtsein der Schönheit des Landes“

Stolz der Erfurter: die mittelalterliche Krämerbrücke.
Stolz der Erfurter: die mittelalterliche Krämerbrücke. Foto: Imago

„In dem Bewußtsein des kulturellen Reichtums und der Schönheit des Landes, seiner wechselvollen Geschichte, der leidvollen Erfahrungen mit überstandenen Diktaturen und des Erfolges der friedlichen Veränderungen im Herbst 1989, in dem Willen, Freiheit und Würde des einzelnen zu achten, das Gemeinschaftsleben in sozialer Gerechtigkeit zu ordnen, Natur und Umwelt zu bewahren und zu schützen, der Verantwortung für zukünftige Generationen gerecht zu werden, inneren wie äußeren Frieden zu fördern, die demokratisch verfaßte Rechtsordnung zu erhalten und Trennendes in Europa und der Welt zu überwinden, gibt sich das Volk des Freistaats Thüringen in freier Selbstbestimmung und auch in Verantwortung vor Gott diese Verfassung.“

Recht ausschweifend werden die Thüringer in ihrer Verfassung. Von Gott ist in der Präambel des Landes, in dem Goethe seine schöpferischsten Jahre verbrachte, durchaus die Rede, allerdings eher untypisch am Schluss der Präambel. Nur 30 Prozent der Bevölkerung gehören einer Kirche an, davon zwei Drittel der Evangelischen. Prägend für die Verfassung war der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel, ein aktiver Katholik.

Saarland: katholisch und präambelfrei

Das Saarbrücker Schloss.
Das Saarbrücker Schloss. Foto: Imago

Als andere Deutsche sich Gedanken über Präambel und Gottesbezug machten, mussten sich die Menschen an der Saar Gedanken machen, ob sie zu Deutschland oder Frankreich gehören wollen. Wohl ein Grund, dass der Einstieg in die Landesverfassung präambelfrei-nüchtern gehalten ist. Dabei ist das Saarland das Bundesland - vor Bayern! - mit dem größten katholischen Bevölkerungsanteil: Knapp zwei Drittel bekennen sich zur römischen Kirche.

Sachsen: „Dank der friedlichen Revolution des Oktober 1989“

Der Zwinger in Dresden.
Der Zwinger in Dresden. Foto: Imago

„Anknüpfend an die Geschichte der Mark Meißen, des sächsischen Staates und des niederschlesischen Gebietes, gestützt auf Traditionen der sächsischen Verfassungsgeschichte, ausgehend von den leidvollen Erfahrungen nationalsozialistischer und kommunistischer Gewaltherrschaft, eingedenk eigener Schuld an seiner Vergangenheit, von dem Willen geleitet, der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung zu dienen, hat sich das Volk im Freistaat Sachsen dank der friedlichen Revolution des Oktober 1989 diese Verfassung gegeben.“

Leipzig war neben Berlin Zentrum der friedlichen Revolution von 1989. Ein guter Grund, diesen Aspekt mit in die Präambel aufzunehmen. Gott fehlt. Drei Viertel der Sachsen sind konfessionslos.

Baden-Württemberg: „Verantwortung vor Gott“

Der Stuttgarter Schillerplatz mit Stiftskirche.
Der Stuttgarter Schillerplatz mit Stiftskirche. Foto: Imago

„Im Bewußtsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, die Freiheit und Würde des Menschen zu sichern, dem Frieden zu dienen, das Gemeinschaftsleben nach den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit zu ordnen, den wirtschaftlichen Fortschritt aller zu fördern, und entschlossen, dieses demokratische Land als lebendiges Glied der Bundesrepublik Deutschland in einem vereinten Europa, dessen Aufbau föderativen Prinzipien und dem Grundsatz der Subsidiarität entspricht, zu gestalten und an der Schaffung eines Europas der Regionen sowie der Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aktiv mitzuwirken, hat sich das Volk von Baden-Württemberg in feierlichem Bekenntnis zu den unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten und den Grundrechten der Deutschen kraft seiner verfassunggebenden Gewalt durch die Verfassunggebende Landesversammlung diese Verfassung gegeben.“

Die Badener und die Schwaben wollten möglichst ganz viel in ihre Einsatz-Präambel packen. Dieser Eindruck drängt sich angesichts des Ungetüms auf. „Subsidiarität“ kommt darin vor, aber auch „Gott“. Knapp 70 Prozent sind Mitglied einer christlichen Kirche. Die Katholiken haben dabei mit 36 Prozent nur einen knappen Vorsprung.

Bayern: „Angesichts des Trümmerfeldes“

Historischer Ort: die Feldherrenhalle in München.
Historischer Ort: die Feldherrenhalle in München. Foto: Imago

„Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung.“

Natürlich haben die Bayern einen Gottesbezug in ihrer Verfassung, sagt einem das gängige Vorurteil. Das stimmt auch. Aber er ist anders formuliert als im Duett mit der sonst üblichen „Verantwortung“. Die Bayern nennen die Gottlosigkeit der Nazis neben fehlendem Gewissen und fehlender Achtung vor der Würde des Menschen als einen Grund, der zum Trümmerfeld geführt habe, das sie hinterließen. Der Gottesbezug ist also eher ein historischer denn ein gegenwärtiger. 54 Prozent der Bayern sind katholisch, immerhin 20 Prozent evangelisch. Franken, man vergisst das leicht, war eine der Hochburgen der Reformation in Deutschland.

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erstellt am 02.Mär.2015 | 09:30 Uhr

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