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Pro und Kontra : Sind stille Feiertage noch zeitgemäß?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

An Karfreitag und Totensonntag darf nicht öffentlich gefeiert werden. Doch ist staatlich verordnete Stille der richtige Weg für Gedenken? Pro und Kontra von Stefan Hans Kläsener und Frank Albrecht.

PRO: Der Mensch braucht auch mal Ruhe

von Stefan Hans Kläsener

 

 

Wann haben Sie das letzte Mal tief durchgeatmet? Sich einen Moment der Ruhe gegönnt und der Familie gewidmet? Vermissen Sie am Wochenende Mails, Telefonanrufe und Kurzmitteilungen auf dem Handy? Oder ist es vielleicht so, dass Sie ab und an mal ganz froh sind, wenn das trubelige Leben eine Atempause bekommt?

Die wenigen so genannten stillen Tage, die wir in Deutschland haben, sind ein Kulturgut. Sie haben damit zu tun, dass der Mensch kein Hamster im Rad ist, sondern eben Mensch. Und der bedarf gelegentlich der Ruhe.

Damit soll in keiner Weise gesagt werden, dass junge Leute, die am Wochenende feiern wollen, dieses Bedürfnis nicht auch an den stillen Tagen empfinden. Aber auch für sie kann es gut sein, wenn ihnen klar wird: heute nicht!

Anders gesagt: Die wenigen Anlässe, zu denen wir Feierlichkeiten und öffentliche Veranstaltungen gesetzlich reglementieren, haben einen ernsten Hintergrund, über den nachzudenken sich lohnt. Man könnte auch sagen: Reflexion folgt auf Kontemplation. Denken folgt der Ruhe. Und Unruhe haben wir nun wahrlich genug in unserem Leben, wie sogar Menschen im fortgeschrittenen Alter immer wieder bekunden.

Geradezu lächerlich ist das Argument, das Demonstrationsverbot an den stillen Tagen behindere die Demokratie. Wir haben ja, Gott sei es geklagt, vor allem an Wahltagen „stille Tage“, weil viel zu wenige in die Wahlkabine gehen. Da ist mehr Grabesruhe als am Totensonntag. Aber all das kann man auch ganz anders sehen. So wie mein Kollege.

KONTRA: Christliche Bräuche nicht länger per Gesetz aufzwingen

von Frank Albrecht

 

Ich habe in meinem Leben bereits viele Menschen verloren, die mir wichtig waren. Aber sie leben weiter, in meiner Erinnerung. Was ich dafür absolut nicht brauche, ist ein staatlich festgelegter Tag im Kalender. So viel zu meinem ganzjährigen Totensonntag. Trauer und Gedenken sind sehr individuelle Angelegenheiten, aus denen sich ein Gesetzgeber heraushalten sollte. Tanz- und Feierverbote sind aus der Zeit gefallen und haben nichts mehr mit dem Lebensgefühl vieler Menschen zu tun.

Wer die „stillen Feiertage“ als Gedenk- oder Ehrentage zelebrieren möchte, der möge das tun. Er genießt meinen Respekt. Doch er möge aufhören, mir vorzuschreiben, was ich an diesen Tagen tue oder lasse.

Der Karfreitag ist unbestritten einer der höchsten Feiertage der Christenheit. Wer in welcher Form auch immer der Kreuzigung seines Heilandes gedenken will, der soll dazu die Gelegenheit haben. Daher ist es auch völlig in Ordnung, dass Karfreitag ein gesetzlicher Feiertag ist. Jedoch muss da die Frage erlaubt sein, warum das für den jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur, das islamische Opferfest oder das Vesakhfest der Buddhisten nicht genauso gelten soll. Religionsfreiheit gilt schließlich entweder für alle, oder sie ist ihren Namen nicht wert.

Allerdings darf ein per Verfassung säkularisierter Staat nicht-religiösen Menschen nicht vorschreiben, wie sie diesen Tag begehen. Ich störe niemanden, wenn ich am Karfreitag feiern gehe. Und schon gar nicht verletze ich irgendwelche religiösen Gefühle. Toleranz im alltäglichen Miteinander funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Dazu gehört auch, dass christliche Gebräuche nicht länger allen Menschen per Gesetz aufgezwungen werden dürfen.

Wer beten will, soll beten – wer tanzen will, soll tanzen.

Das Thema sorgt für Streit im Landtag. Mehr lesen Sie hier.
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