Interview : SH soll Kosten für Nachschulung übernehmen

Norbert Basler, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein und Aufsichtsratsvorsitzender der Ahrensburger Basler AG.
Norbert Basler, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein und Aufsichtsratsvorsitzender der Ahrensburger Basler AG.

Zu viel Unterrichtsausfall: Unternehmer beklagen die mangelnde Ausbildungsreife von Schülern und bringen Schadensersatzpflicht für das Land ins Gespräch.

shz.de von
14. Juni 2014, 07:30 Uhr

Wenn an Schulen dauerhaft Unterricht ausfällt, soll das Land Schadensersatz leisten und Nachschulungen durch private Bildungsanbieter finanzieren – fordert Norbert Basler, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein. Basler – der selbst nicht der Partei angehört – ist Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Ahrensburger Basler AG, einem der weltweit führenden Hersteller von Kameras für Anwendungen in Industrie und Videoüberwachung.

Herr Basler, mindestens sechs Prozent des Unterrichts an den Schulen des Landes fällt aus, sagt das Bildungsministerium. Was heißt das für den Start junger Menschen ins Berufsleben?
Norbert Basler: Wir bringen Schüler damit um die Chance, ein gewisses Grundwissen zu erwerben. Das ist aber allererst zutiefst unfair gegenüber unseren jungen Menschen. Wir verschenken damit aber zugleich Potenziale für ausbildende Unternehmen.

Geht es dabei um rein inhaltliche oder fachliche Defizite?
Es geht um mehr. Was eigentlich leben wir jungen Menschen vor, wenn wir uns nicht an Verabredungen halten? Unterrichtsausfall bedeutet den Bruch einer Vereinbarung – nämlich eine bestimmte Menge Wissen zu vermitteln. Verlässlichkeit ist eine Tugend. In diesem Sinne bereitet Schule nicht wahrheitsgemäß auf die Wirklichkeit vor. Das führt auch zu Enttäuschungen, wenn junge Menschen die Realität des betrieblichen Alltags erfahren.

Was bedeuten die Lücken in der Unterrichtsversorgung für den Standort Schleswig-Holstein?
Es ist ein schwacher Trost, dass auch andere Bundesländer mit Unterrichtsausfall zu kämpfen haben. Je schneller wir in Schleswig-Holstein das Problem lösen, desto besser stehen wir im Standortwettbewerb da. Wenn wir im Moment auf den Märkten konkurrenzfähig sind, dann ist das eine Aussagen über die Bildungspolitik früherer Jahre, nicht über die jetzige.

Was wäre denn in Schleswig-Holstein nötig, um nach dem Schulabschluss mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen?
Schüler und Eltern müssen kontrollieren können, ob das garantierte Mindestmaß an Unterricht überhaupt geliefert wird. Kommt das Land seiner Pflicht dazu nicht nach, muss es für einen Ausgleich sorgen.

Das heißt konkret?
Wenn in einer Klasse etwa der Chemieunterricht ausfällt, erhalten die Schüler einen rechtlichen Anspruch auf Nachschulung. Löst das Land diesen Anspruch nicht ein, so muss es den Schülern dieser Klasse privat organisierten Unterricht zahlen. Nennen Sie es eine Art Schadensersatzpflicht. Es kann nicht sein, dass ein Organisationsverschulden des Landes auf dem Rücken junger Menschen abgeladen wird. Beginnen könnte man damit sofort.

Wo sehen Sie denn die Lehrkräfte, die solche Nachschulungen anbieten können?
Ich kann mir vorstellen, dass es eine Menge privater Anbieter auf dem Markt gibt. Das Personal ließe sich über Absolventen der Lehramtsausbildung rekrutieren, die bei den staatlichen Schulen nicht untergekommen sind, weil Stellen fehlen.

Wo wollen Sie denn die „Schmerzgrenze“ für einen verkraftbaren Unterrichtsausfall festlegen?
Gewisse Toleranzschwellen bräuchte man für den Start. Man könnte die dann langsam erhöhen, auch, damit Privatanbieter die Chance haben, sich Schritt für Schritt für diesen Markt aufzubauen. Um es klarzustellen: Es geht mir nicht um eine Privatisierung des Schulsystems. Wenn jedoch anders keine Bewegung in die Problemlösung kommt, dann kann das Szenario eines solchen Rechts auf Nachschulung hoffentlich helfen. Am liebsten wäre mir, man bräuchte einen solchen Anspruch auf Nachschulung nicht.

Der Bund entlastet die Länder im kommenden Jahr den Bafög-Ausgaben. Das macht in Schleswig-Holstein 36 Millionen Euro. Hilft das bei der Lösung der Problems?
Es wäre ein erster Schritt. An der Tatsache, dass die Bildungsausgaben in Schleswig-Holstein wie in Deutschland insgesamt zu gering sind, ändert das wenig. Dabei ist die Finanzierung nur ein Aspekt eines guten Bildungssystems. Das hat auch viel mit Qualität und Engagement zu tun. Anders ist kaum zu erklären, dass es teils durchschnittliche und teils exzellente Schulen gibt, die finanziell pro Kopf ähnlich ausgestattet sind.

Das könnte auch mit einer unterschiedlichen Zusammensetzung der Schülerschaft zu tun haben.
Ich beobachte in Ahrensburg und Umgebung große Unterschiede in der Qualität mehrerer Schulen, obwohl alle ein vergleichbares Einzugsgebiet haben.

Was außer einer besseren Unterrichtsversorgung muss sich an schleswig-holsteinischen Schulen noch ändern?
Es gibt ein sehr erfolgreiches Prinzip: Differenzierung und Spezialisierung. Das wird von der jetzigen Bildungspolitik teilweise in Frage gestellt. Nehmen wir die Inklusion...

...den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen.
Wenn ich sehe, welche Anforderungen hier an Lehrkräfte gestellt werden, die lernbehinderte Menschen und den studierfähigen Nachwuchs unterrichten sollen – und das bitteschön chancengerecht, dann sage ich: Das ist Utopie, solange es nicht durchgängig kleine Klassen mit zwei Lehrern und mehr gibt. So lange das nicht leistbar ist, sollten wir beim Prinzip Differenzierung und Spezialisierung bleiben.

Das heißt: Keine weitere Inklusion und keine Preisgabe des Schultyps Gymnasium?
Man wird in einem mehrgliedrigen Schulsystem allen Schülern mit unterschiedlicher Begabung gerechter. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass auch im Wirtschaftsleben Differenzierung das Mittel der Wahl ist, um komplexe Aufgaben zu lösen. Vereinheitlichung ist es eher nicht. Deshalb sehe ich auch die Reform der Lehrerbildung kritisch. Wer hier nicht mehr hinreichend differenziert, gibt die Grundlage für ein mehrgliedriges Schulsystem preis. Wir haben ja auch keinen Einheitsschüler. Deshalb kann ich die Sinnhaftigkeit eines Einheitslehrers nicht erkennen.

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