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Debatte um Lernmittelfreiheit : SH erwägt kostenlose Lernmittel für arme Familien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bis zu einem Drittel der Schüler in SH sind unzureichend ausgestattet – das wollen die Piraten und die Koalition ändern.

von
erstellt am 28.Nov.2014 | 15:33 Uhr

Kiel | In die Debatte um die Lernmittelfreiheit in Schleswig-Holstein kommt neue Bewegung. Koalitionskreise schließen mittelfristig eine zusätzliche Entlastung einkommensschwacher Familien nicht aus. Zunächst soll die Regierung Daten zur tatsächliche finanzielle Belastung von Eltern durch den Schulbesuch ihrer Kinder liefern.

Hinter einen entsprechenden Vorstoß der Piratenfraktion hat sich auch die Koalition aus SPD, Grünen und SSW gestellt. Kinderschutzbund und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein hatten schon vor Jahresfrist eine „tatsächliche Lernmittelfreiheit“ gefordert. Der Unterrichtsalltag zeige, dass „ein großer Teil der Schüler“ materiell nur unzureichend für den Schulbesuch ausgestattet sei, weil das Familieneinkommen dafür nicht reiche, sagte die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns, unserer Zeitung.

Laut Schulgesetz gibt es in Schleswig-Holstein „grundsätzlich“ eine Lernmittelfreiheit. Einschränkung dabei ist aber: Für Materialien, die „vom Schüler verbraucht werden oder bei ihm verbleiben“, können Kostenbeiträge erhoben werden. Und das kann in Einzelfällen richtig teuer werden.

Nach Stichproben, die der Kinderschutzbund erhoben hat, treten Eltern, deren Kind auf ein Gymnasium geht, je Schuljahr mit bis zu 700 Euro an. Für den Grundschulbereich ermittelte die Organisation Kosten von bis zu 300 Euro. Fällig sind solche Summen für Kopierkosten ebenso wie für Arbeitsmaterialien, Sportzeug oder Ausflüge.

Zwar werden einkommensschwache Familien über das Bildungs- und Teilhabepaket unterstützt; 70 Euro gibt es im ersten, 30 Euro im zweiten Schulhalbjahr. Das aber reiche nicht, „um jedem Kind in Schleswig-Holstein eine kostenfreie Schulbeteiligung allein aufgrund seiner Begabung zu ermöglichen“, heißt es in dem Antrag von Piraten und Koalition, der im Dezember vom Parlament beschlossen werden soll.

In dieselbe Kerbe schlagen GEW und Kinderschutzbund. „Den Praxistest hat das Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung nicht bestanden“, beklagen beide Verbände. Die Folgen im Klassenzimmer: Lehrkräfte berichten, dass bis zu 30 Prozent der Schüler ihre Standardausrüstung nicht vollständig dabei haben. Kontrollen kosteten nicht nur Unterrichtszeit. Fehle „wieder mal der Klebestift wegen Geldmangels“, gerieten auch die betroffenen Kinder unter Druck.

Das bestätigt der Kieler Entwicklungspsychologe Prof. Thomas Bliesener. Eine Bitte um Geld für die Schule löse „immer wieder Stresssituationen aus“. Die Folge: „Kinder geraten in einen Konflikt zwischen Anforderungen der Schule und der Solidarität ihren Eltern gegenüber.“ Auch Scham spiele häufig eine Rolle. Dies könne durchaus negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Lernmotivation haben.

Ob und wann es zu Korrekturen bei der Lernmittelfreiheit kommt, ist noch offen. Die Landesregierung soll auf Betreiben von Koalition und Piraten zunächst präzise Daten über die tatsächlichen Kosten bei kommunalen Schulträgern und Eltern erheben. 10.000 Euro wollen die vier Fraktionen 2015 für die Elternbefragung bereitstellen.

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