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Mehr Unfälle : Senioren am Steuer in SH: Die Gefahr wächst

vom

Zahlen bestätigen: Ältere Autofahrer verursachen mehr Unfälle - und zwei Drittel der tödlichen in SH.

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2015 | 06:40 Uhr

Senioren am Steuer werden zu einer immer größeren Gefahr für die Sicherheit im Straßenverkehr. 2015 hat sich die seit Jahren wachsende Zahl der von ihnen verursachten Unfälle in Schleswig-Holstein weiter erhöht: 2833 Zusammenstöße gingen bis Ende November auf das Konto der Über-65-Jährigen. Im selben Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 2714. Das ergab eine Sonderauswertung des Landespolizeiamts für shz.de.

Viele Autofahrer empfinden Senioren am Steuer als Verkehrshindernisse: langsam, reaktionsschwach, überfordert. Ein Beispiel: Kurz vor Weihnachten verlor in Husum ein 94-Jähriger die Kontrolle über seinen Wagen, fuhr über die Gegenfahrbahn auf einen Radweg und verletzte zwei syrische Flüchtlinge, einen davon schwer. Aber bestätigt die Statistik dieses Gefühl aus der Wahrnehmung von Einzelfällen? Die Zahlen des Landespolizeiamts zeigen: Der Eindruck ist richtig - nicht nur bei Blech-, sondern auch bei Personenschäden.

Bei den Unfällen in diesem Jahr gab es 22 Tote, 332 Schwer- und 1852 Leichtverletzte. 1390 Unfälle lösten  Fahrer über 75 Jahren aus. Einen überdurchschnittlich hohen Anteil hat diese Gruppe an den tödlichen Crashs – mit 15 von 22 Fällen. „Mit zunehmendem Alter erhöht sich das Risiko der Senioren, selbst verletzt zu werden, aber auch Hauptunfallverursacher zu sein“, beobachtet Ove Fallesen, Sprecher des Landespolizeiamts.

Zwar liegt die Zahl der von den jüngsten  Fahrern verursachten Unfällen noch leicht über derjenigen der Senioren: 2915 waren es bis Ende November. Jedoch sinkt die Fallzahl der 18- bis 25-Jährigen gegenläufig zu der der Älteren seit Jahren.

Die meisten Zwischenfälle mit Senioren ereignen sich  in Innenstädten. „Dort herrschen komplexe Verkehrssituationen, die ein erhöhtes Reaktionsvermögen erfordern“, erklärt Fallesen. „Außerdem werden außerörtliche Strecken von Senioren weniger wahrgenommen. Ihre Mobilität beschränkt sich meist auf kurze Strecken.“

Die steigenden Unfallzahlen der Generation Silberhaar führt die Polizei auf deren ebenso steigenden Anteil  an der Bevölkerung zurück. Hinzu kommt laut Fallesen: „Senioren sind heute mobiler denn je.“ Das liege auch daran, dass die erste Generation ins Rentenalter komme, bei der standardmäßig auch die Frauen einen Führerschein haben.  

„Der demographische Wandel nimmt auch vor dem Straßenverkehr keine Rücksicht“, fasst Verkehrsminister Reinhard Meyer die Entwicklung zusammen. Der SPD-Politiker sieht keinen Anlass zu verpflichtenden Untersuchungen von Senioren auf Fahrtauglichkeit wie etwa in der Schweiz, Frankreich, Großbritannien oder Dänemark. „In Schleswig-Holstein setzen wir auf Information, Aufklärung, freiwillige Angebote und auf die Stärkung der Eigenverantwortung“ sagt Meyer.

Er verweist auf  Kurse und Veranstaltungen von  Landesverkehrswacht, Fahrschulen und  TÜV dazu. Die Polizei will ihr im letzten Jahr begonnenes Konzept „Sicherheitsberater für Senioren“ (SfS) ausbauen. Bisher wurden dabei 70 Rentner ausgebildet. Sie geben bei Altenveranstaltungen Tipps zur Kriminalitätsverhütung und zum Umgang mit nachlassendem Fahrvermögen. Mehr als 250 Vorträge haben die SfS inzwischen landesweit gehalten.

ADAC-Sprecher Ulf Evert sieht Kinder, Bekannte und Ärzte in der Pflicht, Senioren zur Zurückhaltung beim Autofahren zu sensibilisieren, wenn sie nachlassende Seh-, Hör- oder Reaktionsfähigkeiten bemerken. Die Entwicklung dabei verlaufe individuell.

Kommentar von Frank Jung: Nicht mehr tatenlos zusehen:

Eines vorweg: Wenn immer mehr Autofahrer über 65 Jahren Unfälle verursachen, heißt  das nicht, dass die Fahrtauglichkeit ihrer Altersgruppe grundsätzlich abgenommen hat. Schließlich steigt auch der Anteil der Senioren an der Bevölkerung – und damit an der Menge aller Autofahrer. Man kann deshalb nicht behaupten: Der Rentner an sich fährt heute schlechter als vor zehn Jahren.

Trotzdem ist die Entwicklung ein Problem. Nicht nur die Quote der von Senioren herbeigeführten Unfälle an allen Unfällen wächst, sondern auch die absolute Zahl der von der Generation Silberhaar herbeigeführten Crashs. Risiko bis hin zur Todesfolge inklusive.

Politiker dürfen dieser zunehmenden Gefahr für Leib und Leben nicht mehr tatenlos zusehen. Das Thema bietet Gelegenheit zu zeigen, was ihnen wichtiger ist: auf die größere Zahl älterer Wähler zu schielen – oder  die  erantwortung, das Leben für alle Verkehrsteilnehmer sicherer zu machen?

Wie bisher nur auf Freiwilligkeit zu setzen und Ältere zur Abgabe des Führerscheins aufzurufen, reicht nicht. Die Unfallstatistik zeigt es. Alleingelassen werden auch Angehörige, wenn sie an der Fahrtüchtigkeit eines betagten Familienmitglieds zweifeln, aber außer gutem Zureden keine Handhabe haben, den  Betroffenen  zum Testen seiner Reaktionsfähigkeit anzuhalten. Wer kümmert sich um die Gewissenskonflikte all dieser Kinder, Neffen oder Geschwister? Keiner.

Schon der Blick auf die europäischen Nachbarn macht den Handlungsbedarf deutlich. Nicht nur etwa einige wenige Staaten haben regelmäßige Untersuchungen auf Fahrtauglichkeit im fortgeschrittenen Alter zur Pflicht gemacht, sondern die meisten. Deutschland bildet die Ausnahme.

Vielleicht liegt es an der an dieser Stelle unseligen Tradition „Freie Fahrt für freie Bürger“. Ob man Tests dann ab 70 oder erst 75 einführt und wie oft, lässt sich diskutieren. Eine enorme Hilfe für eine politische Kehrtwende wäre es, hätte der ADAC den Mut zu einer solchen Forderung. Neues Jahr, neue Chance.

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