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Der Fall der Heide Simonis : „Schweinebande“: Zehn Jahre nach dem „Heide-Mord“

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Vor zehn Jahren brachte ein Abweichler die Kieler Ministerpräsidentin Simonis zu Fall. Heute hat sie mit einem „freundlichen Herrn“ ganz anderer Art zu tun.

Kiel | Der Sekt stand schon bereit - zur Feier des Tages. Doch dann spülte Heide Simonis damit ihren Frust herunter, gemeinsam mit ebenso bedröppelten Genossen. Der 17. März 2005 ging als schwarzer Tag in die Geschichte der Nord-SPD ein und markierte für Rot-Grün im Bund den Anfang vom Ende. Ungläubig wie Millionen zu Hause sahen SPD-Kanzler Gerhard Schröder und Parteichef Franz Müntefering im Fernsehen, wie Simonis an der Kieler Förde in vier Durchgängen nicht wieder zur Ministerpräsidentin gewählt wurde. Es fehlte immer eine Stimme. Jemand aus den eigenen Reihen stürzte in der geheimen Wahl eine Frau, die als Deutschlands erste Regierungschefin Geschichte geschrieben hatte.

„Schweinebande, habe ich leise zu mir gesagt“, sagt Simonis (71) zehn Jahre danach. Sie wollte eine rot-grüne Minderheitsregierung bilden, toleriert vom SSW (Südschleswigscher Wählerverband). Nur eine Stimme Mehrheit hatte das Trio. Mit seiner Verweigerung sprengte der bis heute unerkannte „Heide-Mörder“ aber den Plan. Nach zwölf Jahren an der Regierungsspitze war es das Aus für die Politikerin Simonis. „Mit so etwas hatte ich überhaupt nicht gerechnet; ich fühlte mich reingelegt und hatte keinen Plan B.“ Und etwas sarkastisch fügt sie hinzu: „Eines habe ich immerhin gewonnen - so etwas wie politische Unsterblichkeit.“

Bis zur letzten Minute wollte die um die NRW-Wahl zwei Monate später bangende Berliner Parteiführung das drohende Desaster verhindern. „Die haben auf mich eingeredet wie auf eine kranke Kuh“, sagt Simonis in ihrer von Büchern und Flohmarkt-Eroberungen vollen Altbauwohnung. „Dann hat mich meine Fraktion per Beschluss aufgefordert, noch in einem vierten Wahlgang anzutreten - und ich Idiot habe es dann auch gemacht.“ Statt Rot-Grün plus SSW kam eine große Koalition mit Peter Harry Carstensen (CDU) als Regierungschef ans Ruder - ein Bündnis, das 2009 völlig zerrüttet platzte. Im Mai 2005 verlor die SPD dann die NRW-Wahl und im September die vorgezogene Bundestagswahl.

Ihr spektakuläres Aus als Politikerin sieht Simonis in einer Reihe von Merkwürdigkeiten, mit denen das nördlichste Bundesland oft Schlagzeilen macht: „Was an komischen Sachen in der Bundesrepublik passiert, geschieht zu 90 Prozent in Schleswig-Holstein.“ Über den Wegbereiter für den Niedergang von SPD und Rot-Grün wurde viel spekuliert. In Verdacht kam auch der damalige Finanzminister Ralf Stegner, heute SPD-Landeschef und Bundesvize. „Dass er es war, habe ich nie gedacht“, sagt Simonis. Beide sagen heute übereinstimmend, dass sie im Laufe der damaligen Wahlperiode ihr Amt Stegner überlassen wollte. Er spricht von einem extrem hinterhältigen Vorgang und dem schwärzesten Tag in seinem Berufsleben: „Ich war schockiert. Das fuhr wie ein Blitz in Fraktion und Partei und hat uns gelähmt.“

Dass über ihn als Abweichler spekuliert wurde, sei eine boshafte Intrige gewesen, sagt Stegner. „Ich bin damals zu Unrecht verdächtigt worden; das hat mich und meine Familie sehr belastet.“ Er habe eng mit Simonis zusammengearbeitet und führe den politischen Wettbewerb mit offenem Visier. „Wenn ich gewusst hätte, dass jemand plant, sie nicht zu wählen, hätte ich ihn mir persönlich vorgeknöpft.“

Auf die Frage nach dem „Heide-Mörder“ hält sich Simonis wie Stegner zurück. „Ich weiß bis heute nicht, wer es war, aber ich habe ein Gefühl“, sagt sie. „Ich glaube, derjenige wollte mir was sagen, aber ich habe keine Ahnung, was für ein Hühnchen er mit mir zu rupfen hatte.“ Simonis will anders als früher nicht ausschließen, dass es auch eine Frau gewesen sein könnte. „Wir sind gar nicht so viel netter.“ Stegner ist sich in einem ziemlich sicher: „Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass diese Person noch dem Landtag angehört“.

Erster Profiteur war 2005 der spätere Ministerpräsident Carstensen. „Selbstverständlich war nach dem ersten und zweiten Wahlgang Triumph da, später aber nicht mehr“, sagt er. „Das war so was von schäbig, das ist kaum zu überbieten. Da gab es auch ein starkes Gefühl für sie.“ Beide kannten einander gut aus gemeinsamen Bundestagszeiten.

Simonis wird ihre Gefühle nie vergessen: „Man fühlt sich wie ein Oberdepp.“ Als politische und persönliche Niederlage habe sie die Sache empfunden. Heute ist Simonis von der Politik ein gutes Stück weg. „Ich lese jeden Morgen brav meine Zeitung, bin politisch weiter interessiert“, sagt die Ehrenbürgerin Schleswig-Holsteins. Ihr Terminkalender sei noch ziemlich voll. Und sie will nach anderen Büchern bald einen Krimi herausbringen.

Aber einige Ehrenämter hat sie aufgegeben. Simonis hat Parkinson.„Der freundliche Herr ist bei mir eingezogen“, sagt sie in ihrer typischen Art. „Diese Krankheit, die meine Mutter auch hatte, ist überflüssig wie ein Kropf. Ich kann deshalb nicht mehr ordentlich laufen.“

 

So haben vier Menschen, in dem grausamen Spiel eher Randfiguren, den „Heide-Mord“ ganz hautnah erlebt:

 

Der Landtagspräsident

Für Martin Kayenburg war es der erste Tag im Amt. Nach dem ersten Wahlgang habe er noch eine gewisse Zufriedenheit empfunden, sagt der CDU-Politiker. „Aber je weiter das Abstimmungsverfahren fortschritt, desto mehr habe ich gedacht, wie kann man das nur jemandem antun?“ Simonis habe ihm leid getan, weil sie „so schlecht von ihren eigenen Leuten behandelt und vorgeführt wurde“.

Betont ruhig gab Kayenburg die Ergebnisse bekannt. So habe er ein bewusstes Zeichen gegen die Aufgeregtheit im Plenum und „die manchmal etwas überbordende Freude bei den eigenen Leuten“ setzen wollen, schildert der 75-Jährige. „Am Ende war ich ein bisschen froh, dass ich das alles ohne große Pannen überstanden hatte.“

Die Auszählerin Nummer eins

Heike Franzen war gerade frisch als neue Abgeordnete vereidigt, da wurde die CDU-Frau schon zur Schriftführerin bestellt - inklusive Auszählen der Stimmen. „Es gibt so Tage, die vergisst man einfach nie. Dieser gehört dazu“, sagt die heute 51-Jährige. „Das war einer der aufregendsten Tage in meinem Leben.“ Unvergessen ist der Bildungspolitikerin der Moment nach dem gescheiterten vierten Wahlgang. Sie sah sofort zu Simonis hinüber, die den Blick nicht erwiderte. „Ihr war ihre Fassungslosigkeit auch anzusehen. Diesen Gesichtsausdruck werde ich nicht mehr vergessen. Sie kämpfte mit sich selbst um Fassung“, sagt Franzen.

Auch sie selbst sei etwas ins Grübeln gekommen. „Ich fragte mich schon: Was tust Du Dir an, wie geht man hier eigentlich menschlich miteinander um?“

Die Auszählerin Nummer zwei

Auch Regina Poersch war gerade erst als neue Abgeordnete vereidigt worden. „Meine Eltern waren da. Ich habe so lange dafür gearbeitet und dann geht das so gründlich schief“, sagt die SPD-Politikerin (45). „Der feixende Herr Carstensen und diese dröhnende Schadenfreude - das Bild ist immer noch da.“

Mit Kayenburg und Franzen zählte sie die Stimmen aus. „Das erste Mal denkt man noch: Das ist ein Dämpfer.“ Alle drei hätten jedes Mal gründlich geschaut, „ob wir uns nicht vertan haben“. Vor dem vierten Wahlgang gab es eine Pause, die von der SPD für eine geheime Probeabstimmung genutzt wurde, in der Simonis die erforderlichen 35 Stimmen erhielt. „Ich persönlich war zuversichtlich, dass es klappt.“ Aus Mitgefühl habe sie Simonis im Plenum gar nicht ansehen können.„Meine Kollegen haben mir hinterher gesagt: Man konnte an meinem Gesicht ablesen, dass es wieder schiefgegangen ist.“

Die Stenografin

Dörte Schönfelder hatte schon reichlich Berufserfahrung. „Meine Arbeit begann damals mit dem zweiten Wahlgang“, sagt die 39-Jährige. Im Plenum habe eine ganz besondere Stimmung geherrscht. „Das war schon spürbar, als ich den Saal betrat.“ Ihr Job fiel Schönfelder an dem Tag nicht besonders schwer.„Das war wegen der langen Auszählungen eigentlich nicht besonders anspruchsvoll“, sagt sie. Die spezielle Stimmung im Plenarsaal habe das Protokoll ohnehin nicht einfangen können.

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erstellt am 11.Mär.2015 | 07:23 Uhr

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