Bildungsbericht : Schulstunden: Norden hält den Minusrekord

Gähnende Leere: An den weiterführenden Schulen in SH fällt besonders viel Unterricht aus.
Foto:
Gähnende Leere: An den weiterführenden Schulen in SH fällt besonders viel Unterricht aus.

Schlechte Noten für weiterführende Schulen im Land: Aus dem Bildungsbericht geht hervor, dass weniger Unterricht stattfindet als in jedem anderen Bundesland.

shz.de von
14. Juni 2014, 07:30 Uhr

Kiel | In Schleswig-Holstein erhalten die Klassen an weiterführenden Schulen weniger Unterricht als in jedem anderen Bundesland. Zudem muss ein Lehrer hier mehr Schüler betreuen als im Bundesmittel. Das geht aus dem nationalen Bildungsbericht hervor, der alle zwei Jahre erstellt wird und am Freitag in Berlin vorgelegt wurde. „Insgesamt ergibt sich für den Sekundarbereich an Schleswig-Holsteins Schulen ein unterdurchschnittliches Bild“, sagte Projektkoordinator Stefan Kühne vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung dem sh:z.

Laut Bildungsbericht bekommen die Schüler in Schleswig-Holstein von der fünften bis zur zehnten Klasse im Schnitt 35,5 Stunden Unterricht pro Woche – darin sind auch Förder- und Differenzierungsmaßnahmen sowie freiwilliger Unterricht und Wahlfächer enthalten. Im Bundesschnitt liegt die Stundenzahl dagegen bei 38, beim Spitzenreiter Berlin sogar bei 44. Beim Betreuungsschlüssel kommen bundesweit auf einen Lehrer 14 Schüler, im Norden 15. Noch mehr sind es nur in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Die parteilose Kieler Kultusministerin Waltraud Wende bedauert die schlechten Zahlen: „Auch ich würde mir wünschen, dass wir mehr Planstellen zur Verfügung stellen können.“ Aber wegen der Schuldenbremse müsse sie Personal abbauen. Weil der Bund aber ab 2015 den Länderanteil am Bafög übernehme, könne sie dann „daran gehen, die Unterrichtssituation zu verbessern“. Zudem hänge die Unterrichtsqualität „nicht allein an statischen Größen“ wie erteilten Stunden oder der Schüler-Lehrer-Relation: „Entscheidender ist die Kompetenz der Lehrkräfte.“

CDU-Landtagsfraktionschef Johannes Callsen sieht sich in seiner Kritik an der Unterrichtsversorgung bestätigt. Er fürchtet gar, dass das Land weiter zurückfällt, weil Wende die jährlich frei werdenden 36 Millionen Euro aus dem Bafög für neue Kleinstoberstufen an Gemeinschaftsschulen nutzen wolle: „Andere Länder können mit den Bafög-Millionen für mehr Unterricht sorgen – SPD, Grüne und SSW müssen sie aufbrauchen, um ihre verkorksten Reformen zu bezahlen.“

Auch für einen anderen Negativausreißer im Land macht Callsen die häufigen Reformen verantwortlich: Die Lehrer im Norden sind besonders fortbildungsscheu. Mehr als ein Drittel – 37 Prozent – macht keine einzige Fortbildung im Schuljahr. Angesichts immer neuer Schulstrukturen sei das kein Wunder, meint Callsen: „Das kostet viel Zeit und Energie – ich bin überzeugt, dass die Lehrer sich lieber damit auseinandergesetzt hätten, wie sie ihren Unterricht verbessern können.“ Wende will sie dazu jetzt zwingen: „Mit unserem neuen Lehrkräftebildungsgesetz formulieren wir eine Fortbildungspflicht.“

Wegen des Unterrichtsausfalls fordert unterdessen der CDU-Wirtschaftsrat im Norden Schadenersatz vom Land.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen