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Terminservicestelle in SH : Schneller zum Facharzt - zu schlechteren Bedingungen?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die neue Terminservicestelle soll schnellere Arzttermine ermöglichen. Doch es gibt viel Kritik.

shz.de von
erstellt am 21.Jan.2016 | 20:42 Uhr

Kiel | Der Rücken schmerzt, der Patient kriecht mehr als er geht, und die Sprechstundenhilfe vertröstet auf einen Arzttermin in sechs Wochen. Das ist unzumutbar – finden nicht nur die Versicherten, sondern auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CSU). Er verspricht, dass vom kommenden Montag an alles besser wird: Eine Servicestelle, eingerichtet bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Bad Segeberg, soll dafür sorgen, dass Patienten mit dringenden Überweisungen nicht länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten müssen – ansonsten dürfen sie sich in einer Klinikambulanz behandeln lassen.

Dass Patienten lange auf Arzttermine warten müssen, wird immer wieder diskutiert - besonders die Unterschiede zwischen Privat- und Kassenpatieten. Immer wieder wird kritisiert, dass Erstgenannte wesentlich länger warten müssen.

Begeistert sind die Ärzte über die neuen bürokratischen Vorgaben nicht. „Selbstverständlich setzen wir die gesetzliche Vorgabe um. Wir glauben aber, dass die Terminservicestelle die Probleme nicht lösen wird“, betont KV-Chefin Monika Schliffke. Längere Wartezeiten hätten selten etwas mit schlechter Praxisorganisation zu tun, sondern seien Ausdruck eines Mangels: „Wir haben schon jetzt zu wenig Nervenärzte, Schmerztherapeuten, Rheumatologen und Augenärzte, um der Patientennachfrage gerecht zu werden.“ Daran ändere auch eine Termingarantie nichts. Durch die „Gröhe-Sprechstunde“ gebe es keinen Arzt mehr, schimpfen die Mediziner.

Selbst die Kassen geben zu, dass die Rahmenbedingungen – kein „Wunschtermin“ beim „Wunscharzt“ und zumutbare Entfernungen von bis zu 60 Minuten Fahrtzeit – „nicht gerade sexy sind“, wie der Sprecher des Ersatzkassenverbandes Schleswig-Holstein, Florian Unger, einräumt. So, wie die KV ihre Terminservicestelle nach außen verkaufe, erscheint das Modell „undurchsichtig, umständlich und kompliziert – und es wird für viele Patienten vermutlich deutlich längere Wege zum Facharzt bedeuten“.

Das sieht der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ganz anders. Die Wartezeiten entstünden, weil es zu viele Patienten gebe, die wegen derselben Beschwerden zu zwei, drei oder sogar noch mehr Fachärzten gehen, kritisiert KBV-Chef Andreas Gassen. Man könne diesen „ungehinderten und beliebigen Zugang zum Arzt auf Dauer nicht aufrechterhalten“. Immerhin: Die Deutschen gehen durchschnittlich 17 Mal pro Jahr zum Arzt – Weltrekord.

Nötig sind laut KBV ganz andere Steuerungsinstrumente als die unbeliebte und vor allem teure Terminservicestelle. Laut Gassen sollte es einen Arzt geben, der für den Patienten immer der erste Ansprechpartner ist und der ihn dann weiterleitet. „Das kann der Hausarzt sein, aber auch der Frauenarzt oder bei chronisch Kranken der behandelnde Facharzt.“ Beifall kommt von der KV in Bad Segeberg. „Wir müssen die vorhandenen Kapazitäten optimal nutzen, weil wir es uns nicht leisten können, Ressourcen an der falschen Stelle zu verschwenden.“ 

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„Die Gröhe-Sprechstunden sind ein Placebo“, kommentiert sh:z-Mitarbeiterin Magret Kiosz:

Schon wieder eine Phantomdiskussion. Da  wird übermonatelange Wartezeiten auf einer Facharztbehandlung lamentiert, obwohl die OECD Deutschland  erst  kürzlich für   die  im Ländervergleich schnelle Terminvergabe lobte. Wohl wahr: Viele Dänen fahren nach Flensburg, Schweden und Norweger nehmen die Fähren nach Kiel, um sich im gelobten Medizinwunderland zeitnah behandeln zu lassen. Wir meckern also – wie so oft – auf hohem Niveau.  Vergessen  wird,  dass  Hausärzte  in wirklich dringenden Fällen zum  Hörer greifen und Termine beim  Facharztkollegen von einem Tag auf  den anderen möglich machen.   Dabei  nutzen sie ihre Netzwerke nicht nur  für Privatversicherte, sondern genauso für Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen. Dass letztere für Routineuntersuchungen länger warten müssen, ist zumutbar. 

Die Klagen  der  Mediziner  über ein neues  bürokratisches und vor allem teures  Monster sind berechtigt. Bis zu 50 Euro für Personal   und Infrastruktur    kostet  sie   jeder  vermittelte  Termin. Das  ist mehr, als Hausärzte  pro Quartal für die Behandlung eines Kranken bekommen. Das Geld  könnte  sinnvoller  eingesetzt werden.

Zumal einige Kassen bereits gut funktionierende Terminbörsen aufgebaut haben. Die sogenannten  Gröhe-Sprechstunden sind ein Placebo. Sie sollen  bei  Kassenpatienten ab Montag den Eindruck vermitteln: Wir kümmern uns.  In Wirklichkeit wird weiter nur Mangel  verwaltet. Schon heute behandeln  Fachärzte mehr als 40 Patienten pro Tag. Die Kassenfunktionäre liegen mit ihrer Diagnose, das System  kranke  an einer Übernachfrage   der Bürger,  die   im Schnitt 17 Mal pro Jahr zum Arzt gehen,   wohl  richtig. Den Mut,  Hausärzten  eine echte   Lenkungsrolle zu übertragen,  hat Gröhe nicht aufgebracht. Bedauerlich, denn die Kliniken werden  sich   bedanken, wenn  künftig in ihren ohnehin überfüllten Ambulanzen auch noch Patienten sitzen, die beim Niedergelassenen keinen Termin bekommen haben.

 

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