Lehrer-Umfrage : Schlechtes Zeugnis für Kiels Schulpolitik

So schätzen die befragten Lehrer ihren Beruf ein.
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So schätzen die befragten Lehrer ihren Beruf ein.

Deutschlands Lehrer setzen Minister Klug und seine Arbeit auf den vorletzten Platz: Eine Umfrage zeigt, was Lehrer vom Bildungssystem halten.

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21. April 2011, 11:02 Uhr

KIEL/BERLIN | Die Schulen in Deutschland haben nach Ansicht von Bürgern und Lehrern einen umfassenden Bildungsauftrag, der weit über die Vermittlung von Unterrichtsstoff hinausgeht. Das geht aus einer repräsentativen Studie hervor, die das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) am Dienstag in Berlin vorstellte.
"Der Bevölkerung ist wichtig, dass die Schulen einen Erziehungsauftrag wahrnehmen und die Persönlichkeitsbildung der Kinder fördern", sagte IfD-Chefin Renate Köcher. Ihr Institut hat im März im Auftrag der Vodafone-Stiftung für zwei Umfragen zur Schulpolitik zum einen bundesweit 536 Lehrer und zum anderen 2227 weitere Bürger interviewt. Die Ergebnisse der Bürgerbefragung wurden anschließend auch nach Bundesländern differenziert.
Werte sind wichtig
So ergibt sich ein umfangreiches Stimmungs- und Meinungsbild der Schleswig-Holsteiner zum Thema Bildung, das sich allerdings in etwa mit dem der Republik deckt. Die große Mehrheit im Land findet, dass die Schulen den Kindern nicht nur Fachwissen beibringen sollen, sondern auch eine gute Allgemeinbildung und Tugenden wie Rücksichtnahme, Disziplin oder Leistungsbereitschaft. Kenntnisse in Wirtschaft oder Naturwissenschaften halten die Befragten dagegen für weniger wichtig.
Obwohl auch die Lehrer die Vermittlung von Werten und Schlüsselkompetenzen als ihre Aufgabe akzeptieren, sehen die Bürger im Norden hier Defizite an den Schulen. So finden zum Beispiel 57 Prozent Konzentrationsfähigkeit wichtig - doch nur 29 Prozent glauben, dass die Schulen hier Erfolg bei den Kindern haben. Ähnlich sieht die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit in puncto Teamfähigkeit aus. "Die Lehrer sagen: Wir möchten, aber wir schaffen es oft nicht", berichtete Köcher.
Bildungsföderalismus abgeschaffen
Erfreulich für Schleswig-Holsteins Bildungsstätten ist immerhin: Jeder Zweite attestiert ihnen, dass sie zu Hilfsbereitschaft erziehen. Bundesweit glaubt das nur jeder Dritte von den Lehranstalten. Die größten Defizite an den Schulen aus Sicht der Schleswig-Holsteiner sind oft beklagte Probleme: Die Klassen sind zu groß, der Unterricht fällt zu oft aus, die Schüler werden zu wenig individuell betreut. Gerade den letzten Punkt halten auch die Lehrer für besonders wichtig und vernachlässigt: Drei Viertel der befragten Pädagogen finden eine Förderung nach Begabung "unbedingt" notwendig - aber nur ein Viertel sieht das an der eigenen Schule verwirklicht.
Auffällig ist, dass sich sowohl Eltern als auch Lehrer mehr Zentralismus im Schulsystem wünschen. So plädieren sechs von zehn Lehrern in Deutschland dafür, dass der Bildungsföderalismus abgeschafft wird und der Bund die Zuständigkeit für die Schulpolitik übernimmt. "Es gibt ein weit verbreitetes Unbehagen über das starke Gefälle zwischen den Ländern", analysierte Meinungsforscherin Köcher.
Zentralabitur gefordert
72 Prozent der Schleswig-Holsteiner fordern außerdem bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen, also auch ein deutsches Zentralabitur. In diese Richtung hat der Kieler Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) einen ersten Schritt gemacht: "In der Frage der besseren bundesweiten Vergleichbarkeit von Abiturprüfungen ist Schleswig-Holstein bereits an der Entwicklung eines länderübergreifenden Pools für Abitur aufgaben beteiligt", erklärte am Dienstag seine Sprecherin.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht über die deutschen Lehrer: Obwohl sie das Unterrichten anstrengender als vor zehn Jahren finden, sich wachsendem Druck der Eltern ausgesetzt fühlen und nur wenig Einfluss auf die Schüler zu haben glauben, würden 76 Prozent ihren Beruf immer wieder ergreifen. "Einen so guten Wert", resümierte Köcher, "gibt es selten in den Akademikerberufen."
(bg, shz)

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