Gratis-Fahrdienst und weitere Angebote : „Ruinöser Wettbewerb“ um Grundschüler in SH

Unter den Schulen tobt ein Konkurrenzkampf um geburtenschwache Jahrgänge. Der Gemeindetag will die freie Schulwahl abschaffen.

shz.de von
10. Mai 2015, 20:02 Uhr

Kiel | Gremersdorf im Norden des Kreises Ostholstein ist nur ein Beispiel von vielen: Um die Kinderzahlen ihrer Grundschule zu stabilisieren, bietet die Gemeinde einen kostenlosen Fahrdienst auch für Heranwachsende aus dem benachbarten Heiligenhafen an. Für Jörg Bülow, den Geschäftsführer des Gemeindetags Schleswig-Holstein, macht ein solches Fischen in fremden Gewässern das Maß voll. Er warnt vor einem „zunehmend ruinösen Wettbewerb“ zwischen Schulstandorten.

Hol- und Bringdienste sind nicht das einzige Mittel in der Konkurrenz um Schüler aus geburtenschwachen Jahrgängen. Bülow weiß von Schulträgern, die Unterrichtsausfall vermeiden, indem sie auf eigene Kosten Kräfte zum Einspringen einstellen. Eigentlich wäre dies Aufgabe des Landes, und nur reiche Gemeinden können sich das leisten.

Bülow fordert deshalb, den Auslöser des Wettstreits wieder abzuschaffen: die freie Schulwahl durch die Eltern, erst 2007 vom Landtag eingeführt. Sie passe nicht zur demografischen Entwicklung. Zudem lasse sich die Schullandschaft so nicht mehr langfristig planen. Kommunen liefen Gefahr, große Summen in den Sand zu setzen. Wer Geld in moderne Räume, Ganztagsangebote oder Mensen stecke, habe angesichts des schwankenden Elternwillens trotzdem keine Gewähr, dass sich der Standort behaupte.

„So prima der Modernisierungsschub der letzten Jahre für die Schüler auch ist – mittel- und langfristig werden sich viele Ausgaben als Fehlinvestition erweisen müssen“, meint Professor Holger Jahnke von der Universität Flensburg. Die Schüler seien einfach nicht da. Der Forscher hat gerade im Auftrag der Akademie für Ländliche Räume die Grundschullandschaft durchleuchtet.

Abwerbemittel wie Gratis-Fahrdienste hält er für „brisant“. Nicht zuletzt, weil die Gemeinde, der Schüler abspenstig gemacht werden, verpflichtet ist, der Konkurrenten-Gemeinde die Kosten für den Unterricht der Betroffenen zu erstatten. Jahnke beobachtet, dass der Wettbewerb „das Gefälle zwischen starken und schwachen Anbietern verschärft und letztlich Schließungsprozesse beschleunigt“.

Anne Dube, Schulrätin im Kreis Rendsburg-Eckernförde, stellt fest: „Nicht jeder Standort kann auf Grund der Geburtenzahl durch ein auch noch so attraktives Profil gegen die Konkurrenz anarbeiten.“ Selbst beim Landeselternbeirat der Grundschulen – grundsätzlich nach wie vor Verfechter der Wahlfreiheit – erkennt Vorsitzende Katrin Engeln an: „Elternwille und Planbarkeit stehen in einem Dilemma.“ Unvorhersehbare Schülerströme „machen das System insgesamt instabil. Das beeinträchtigt am Ende auch die Qualität“. Außerdem hemme die Wahlfreiheit den sozialen Mix. Eröffnet sie doch bildungsnäheren Eltern die Möglichkeit, Schulen in vermeintlichen Problemstadtteilen zu umgehen.

Die Sprecherin des Bildungsministeriums, Beate Hinse, appelliert an die örtlichen Schulträger: „An einem Wettbewerb einzelner Standorte um Schülerzahlen haben wir kein Interesse, und auch die Schulen sollen sich daran nicht beteiligen.“ Aber: „Wieder feste Schuleinzugsbereiche einzuführen, steht nicht zur Debatte.“

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