Grünen-Chef in Berlin : Robert Habecks Abschied aus SH „tut wirklich weh“

<p>Robert Habeck nimmt sich in die Pflicht. Der in Flensburg wohnhafte Bundesvorsitzende der Grünen beendet seine Karenzzeit als Landesminister und geht nach Berlin.</p>

Robert Habeck nimmt sich in die Pflicht. Der in Flensburg wohnhafte Bundesvorsitzende der Grünen beendet seine Karenzzeit als Landesminister und geht nach Berlin.

Habeck mag es gern schwierig – und so wird er vor seinen stärksten Widersachern sein Amt als Minister abwickeln.

shz.de von
21. August 2018, 15:47 Uhr

Kiel/Berlin | Die ersten Abschiedstränen sind längst verdrückt, weitere werden folgen. Robert Habeck will die Bundespolitik aufmischen, die Grünen in eine neue Dimension führen. Ein Mediendarling ist der 48-Jährige schon. Doch Schleswig-Holsteins scheidender Umweltminister hadert. Weil er weg muss. Weg von einem geliebten Job, widerborstigen Bauern, unbeugsamen Windkraftgegnern, störrischen Fischern. Ganz auf das glatte Berliner Parkett, als Bundesvorsitzender einer Partei, der er und Annalena Baerbock seit ihrer Wahl vor sieben Monaten neuen Schwung verpasst haben.

Lust und Schmerz prägen Habecks Gefühlswelt in diesen Tagen und Wochen. „Das tut wirklich weh“, sagt er nach sechs Jahren „Draußenminister“, zuständig für Landwirtschaft, Energiewende, Atomaufsicht, Fischerei, Umwelt, Küstenschutz, Jagd und so weiter. Seine Übergangszeit als Parteichef mit Ministeramt läuft am Freitag nächster Woche aus. „Ich habe wirklich alles, was ich konnte, dafür getan, dass es gut läuft“, sagt Habeck. Er gehe nicht, weil er mit dem Amt nicht mehr zufrieden sei. Und er gehe mit dem Gefühl, dass es mit Nachfolger Jan Philipp Albrecht (35) sehr gut weitergehen wird. „Aber wenn man wissen will, wie es Robert geht: Dann ist das Herz schon zerrissen.“

Wider den Rechtsruck

Ihn habe natürlich keiner gezwungen, Bundesvorsitzender zu werden, sagt Habeck. „Ich mache das Ganze, weil ich glaube: Unter dem Druck von Rechtsnationalisten, Antieuropäern und 'Mein Land-First-Politik' muss sich die liberale Demokratie beweisen. Wenn ich jetzt nicht versuche, mein ganzes Engagement beizusteuern, dann würde ich mich fragen: 'Hättest du dich nicht einbringen müssen?'“

<p>Inzwischen bundesweit unterwegs: Der umtriebige „Draußenminister“.</p>
imago/teutopress

Inzwischen bundesweit unterwegs: Der umtriebige „Draußenminister“.

Ministerpräsident Daniel Günther lässt nur ungern den Mann ziehen, der so maßgeblich am Zustandekommen und Funktionieren des Kieler Jamaika-Bündnisses aus CDU, Grünen und FDP beteiligt war. „Ich bin schon traurig, dass Robert Habeck geht – er passte zu uns als Typ“, sagt der CDU-Politiker. „Ich glaube, er wird in Berlin auch schnell merken, was er an Schleswig-Holstein hatte.“ Beide hatten nach der Bundestagswahl mit FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki letztlich erfolglos versucht, nach Kieler Vorbild auch im Bund ein Jamaika-Bündnis zu schmieden. Die Troika von der Förde dürfte auch künftig an der Spree einiges gemeinsam anpacken.

Rückblende Habeck

Vor seinem Einstieg in die Politik, danach etwas weniger, schrieb er gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch diverse Bücher. In den letzten anderthalb Jahrzehnten dann prägte der Vater von vier Söhnen die Nord-Grünen wie kein anderer. 2002 wurde er als Neumitglied gleich Kreisvorsitzender in Schleswig-Flensburg, 2004 Landesvorsitzender. 2009 Fraktionschef im Landtag, 2012 Minister.

Habeck trimmte die Grünen auf Eigenständigkeit. Bis 2017 regierten sie mit SPD und SSW (Südschleswigscher Wählerverband), seitdem mit CDU und FDP. Den schnellen Wechsel zu Jamaika nahm ihm SPD-Landeschef Ralf Stegner äußerst übel. 2015 machte Habeck klar, dass es ihn zu Höherem drängt und verkündete seine Bewerbung um die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl 2017. Der Außenseiter unterlag hauchdünn dem damaligen Parteichef Cem Özdemir, den er dann vor sieben Monaten auf diesem Posten ablöste.

Mit den Kritikern per Du

Habecks letzter offizieller Termin im Norden ist ausgerechnet der für grüne und rote Minister oft heikle Landesbauerntag. Er trifft auf eine Klientel, die ihm nach Amtsantritt vor sechs Jahren feindselig begegnet war. Protestplakate an der Autobahn begrüßten ihn auf dem Heimweg von Kiel nach Flensburg. Heute duzt sich der Grüne mit schwarzen Bauernfunktionären. Er hat mit ihnen gestritten, sie nicht überzeugt und trotzdem Respekt geerntet. Weil der Literat und Doktor der Philosophie zugehört und sich in jede Materie hineingearbeitet hat. Wenn Habeck über seine Arbeit im Land spricht, dann oft mit leuchtenden Augen; geht es um Bundespolitik, wirkt er viel ernster.

Das politische „Abschiedsgeschenk“ der Bauern war ziemlich böse. In der Dürrekrise warf Verbandspräsident Werner Schwarz Habeck mangelnde Präsenz, Versagen des Ministeriums und Populismus vor. „Der Minister ist hier sechs Jahre Fachminister in Kiel gewesen und hat überhaupt nichts gelernt“, sagte Schwarz.

Das war auch dem CDU-Regierungschef zu hart. „Die Kritik war nicht berechtigt“, sagte Günther der dpa. Sie passe auch nicht in das bisherige Bild. „Wenn der Bauernverband einmal formuliert hat, man müsste Robert Habeck eigentlich klonen, zeigt das ja, dass die Zufriedenheit in der Vergangenheit mit seiner Arbeit real war.“ Habeck sieht die Kritik gelassen. „Sie entspricht der Wirklichkeit – ich bin nicht deren Meinung, und sie sind nicht meiner Meinung.“

Mit den Bundesgrünen Großes vor

Habeck will die SPD als stärkste Kraft im Mitte/Links-Lager ablösen und seine Partei bald zur starken Regierungskraft machen. Die Bayern-Wahl im Oktober könnte dafür neuen Schub geben. Zweitstärkste Kraft hinter der CSU, die Umfragen geben das her.

Aber erst noch Bauerntag in Rendsburg. „Das ist ein spannender Termin“, sagt Habeck: „Da wurden in den vergangenen Jahren mal Trillerpfeifen ausgeteilt, da wurde aber auch geklatscht.“ Wie es diesmal auch sein mag - seine letzten Ministerstunden werden ihn berühren. „Dann gebe ich mein Handy ab, den Laptop und die Karte für den Landtag. Im Anschluss geht es mit dem Zug nach Köln, wo ich abends eine Veranstaltung als Parteivorsitzender habe.“ Es wird eine emotionale Bahnfahrt; mit Abschiedsschmerz als Begleiter.

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