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Energiewendeminister im Interview : Robert Habeck: „Ich habe Freunde verloren“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) erzählt, wie er mit der Kritik an seiner Person umgeht - und warum er in Sporthallen nicht mehr brüllt.

Kiel | Herr Habeck – Jäger, Bauern, Fischer, ja selbst Fracking-Gegner haben Sie in zuletzt stark kritisiert. Haben Sie so massive Angriffe zu Beginn ihrer Amtszeit erwartet?
Mir war klar, dass viele schwelende Konflikte in der Vergangenheit nicht angegangen wurden, etwa der Rückgang an Fischerei und gleichzeitig ein besserer Schutz der Schweinswale. Ich wollte, dass Fischer und Naturschützer darüber ins Gespräch kommen, und um das hinzukriegen, darf ich mich selbst nicht wegducken. Dass da mal Leute pfeifen, ist nicht überraschend.

Sie haben viele Interessen in ihrem Haus gebündelt, ziehen die Konflikte so auch auf sich. Ist Ihr Haus zu groß?
Nein, obwohl die Zahl der Bälle, mit denen ich jonglieren muss, extrem hoch ist. Zu Anfang habe ich mit noch mehr Themenfelder geliebäugelt, weil es systematischen Sinn gemacht hätte, sie einzubinden – jetzt bin ich froh, dass ich diese Bereiche nicht noch mit verantworten muss.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie wie auf dem Landesbauerntag ausgepfiffen werden?

Erstmal finde ich es voll in Ordnung, dass Menschen ihren Protest äußern, pfeifen und auf die Straße gehen. Aber es stimmt, die Stimmung auf dem Bauerntag war extrem feindselig. Obwohl er oft sehr persönlich ist, richtet sich der Protest aber ja nicht gegen meine Person, sondern gegen die Sachen, die ich angehe. Und so bin ich da ohne Angst hingegangen.

Klappt das, solche Kritik nicht persönlich zu nehmen?

Nee, sonst wäre ich eine Maschine. Manchmal braucht es mehr als eine Stunde Joggen, um das aus dem Kopf zu kriegen. Aber die Alternative wäre, Konflikte nicht anzugehen, und dann könnte ich es gleich ganz lassen.

Wie gehen Sie mit dem Stress um? Nur joggen?
Geht ja nicht immer. Natürlich kann man auch noch nach 22 Uhr laufen, aber dafür bin ich zu sehr Familienmensch.

Was ärgert Sie an persönlicher Kritik am meisten?
Wenn die Leute sagen, dass ich etwas nur mache, um wiedergewählt zu wählen. Oder noch elender, wenn sie mich auffordern, etwas nicht zu tun, um meine Wahlchancen zu erhöhen. Dann fühle ich mich als Politiker im schlechtesten Sinne behandelt. Was ich entscheide, mögen einige falsch finden. Dann müssen wir uns darüber auseinander setzen. Aber Wahltaktik ist es garantiert nicht. Und manchmal werden solche Vorwürfe auch mit Ausdrücken wie Schwein oder Arschloch garniert. Nehme ich hin, aber es gibt Schöneres.

Stumpfen Sie bei Kritik ab?

Abstumpfen nicht. Aber früher habe ich auf Parteitagen oder im Landtag emotional und manchmal polemisch reagiert. Ich habe diese Veränderung erst gar nicht bemerkt. Aber inzwischen gelingt es mir, auch in aufgeheizten Situationen auf Argumente zu hören und zu argumentieren, statt zurückzupfeifen.

Sie haben mit Vorurteilen zu kämpfen: grün, großstädtisch, philosophisch – wie versuchen Sie damit umzugehen?
Kein Mensch ist gezwungen mich gut zu finden und wenn jemand das sagt, dann ist das sein gutes Recht. Aber mein Ansatz ist nicht der bessere Bauer, Fischer oder Ingenieur zu sein. Mein Job ist es, gesellschaftliche Konflikte anhand eines Wertekompasses, für den ich gewählt worden bin, zu Lösungen zu führen.

Und wie wollen Sie Konflikte lösen – etwa mit den Bauern?
Natürlich sichern Landwirte unsere Nahrungsgrundlage, aber deswegen kann es keine Lebensmittelproduktion auf Kosten anderer Lebensgrundlagen geben. Insofern streiten wir nicht über Grundsätzliches, sondern um neue Grenzen. Und inzwischen kommen wir auch zu gemeinsamen Antworten: beim Gewässerschutz wie bei der Tierhaltung. Und mit dem Grünlandschutzgesetz können die Bauern auch leben, so höre ich.

Und wie sieht es bei Krabbenfischern und Naturschützern aus?
Hier haben wir einen Riesenschritt gemacht. Im Sommer haben wir uns nach einem Jahr Diskussion und Protesten geeinigt, zu prüfen, ob über das Nachhaltigkeitssiegel MSC für Fischer und Nationalpark etwas bringt. Der entscheidende Punkt ist, dass dieses verfluchte Misstrauen überwunden wird, dass immer die eine Seite die andere übervorteilen will.

Was wird der härteste Konflikt Ihrer Amtszeit?
Irgendwann wird es vielleicht einen Castor-Transport nach Schleswig-Holstein geben. Das war für mich schon in der bisherigen Debatte ein Riesenkonflikt. Viele aufrechte Leute, mit denen ich demonstriert habe, die den Atomausstieg erst möglich gemacht haben, halten jeden Castor für falsch. Ich glaube, wir müssen bereit sein, welche zu nehmen, um das Kapitel Atomenergie endlich zu beenden. Weil ich dafür gestritten habe, habe ich Freunde verloren. Für die war ich auf dem Grünen-Parteitag im April einer von den Bösen – das war für mich sehr belastend.

Bei einer Demo gegen Castor-Transporte nach Brunsbüttel würden Sie den ehemaligen Freunden gegenüber stehen?
Das kann sein.

Wie verarbeiten Sie solche Situationen?

Reden und immer wieder überlegen. Ich habe das Glück, mit vielen tollen Menschen zusammenzuarbeiten. Das ist sehr professionell aber auch sehr persönlich, fast familiär. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht erwartetet habe, dass das möglich ist. Ich brauche das und wenn ich meinen Ärger oder meine Sorgen offen angesprochen habe, bin ich nie enttäuscht worden.

Kommt der Atommüll bei Ihnen auch auf den Frühstückstisch?
Klar rede ich auch zuhause darüber. Es wäre ja komisch, wenn ich die Probleme, die mich beschäftigen, nicht mit dem Menschen teilen würde, der mir am nächsten ist. Aber andererseits versuche ich schon, wenn ich zuhause bin, auch ganz da zu sein.

Wie haben Sie sich verändert?

Ich hoffe nicht zu sehr. Ich bin ja kein anderer Mensch, weil ich ein Amt habe. Aber weil ich manchmal mit anderen Ansätzen komme, hatten es die Leute, die mit mir arbeiten, vermutlich schon mal leichter. Ich bin kein grenzenlos professionalisierter Minister, und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es werden will. Aber auch dafür zahlt man einen Preis.

Sieht das Ihre Familie auch so?
Ich sehe, dass meine Kinder sich gerade mehr verändern als ich. Aber ich schleppe durch das mehr an Arbeit ein permanentes Heimweh nach Familie mit mir rum. Wenn ich es mal schaffe, um 18 Uhr zu Hause zu sein und mein Vaterherz doll klopft – dann ist manchmal gar keiner da, weil alle ihr Leben irgendwo führen, Handball spielen oder mit Kumpels unterwegs sind. Oder die Kumpels sind da, aber die Playstation ist gerade wichtiger als ich. Ich glaub, mein Job und die Familie, das passt gerade einigermaßen gut zusammen.

Ihr Lebensentwurf war mal ein anderer: Sie wollten mit ihrer Frau zusammen leben, schreiben, arbeiten und die Kinder erziehen...
Stimmt. Aber ich bin den Schritt in die professionelle Politik gegangen, als die Kinder sich frei geschwommen hatten. Die sind sehr selbstständig. Und so kann meine Frau auch arbeiten und unterwegs sein. Na klar, sieht die Küche manchmal aus wie Sau, aber das kann ich auch nach 23 Uhr wegräumen.

Was hat sich sonst verändert?
Ich muss mehr darauf achten, wie ich wirke. Immer werde ich erkannt. In zerrissenen Jogginghosen Brötchen kaufen, war früher einfacher. Und wenn meine Jungs Handball spielen, kann ich nicht mehr so emotional wie früher den Schiedsrichter anbrüllen.

Also haben Sie im Konflikt mit den Landwirten auch fürs Leben gelernt?

In der Tat, da war der Landesbauerntag wohl eine gute Schule.

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erstellt am 12.10.2013 | 14:00 Uhr

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