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25 Jahre in der Politik : Ralf Stegner – Weggefährten halten SPD-Vize den Spiegel vor

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

27 Weggefährten des SPD-Politikers beurteilen die Arbeit des Mannes aus Bordesholm. Auf 300 Seiten sind sie gekommen.

Kiel | Bei einem Arbeitsjubiläum gibt es eine Urkunde, einen warmen Händedruck vom Chef, manchmal eine finanzielle Belohnung. Man stelle sich die Aufregung vor, dem Jubilar würde von seinen Kollegen ein Spiegel vorgehalten. Nicht nur mündlich, sondern als eine Art Festschrift, und nicht nur die Freunde kämen dort zu Wort, sondern auch die Gegner, die im wahrsten Sinn des Wortes kein Blatt vor den Mund nehmen.

Der SPD-Politiker Ralf Stegner begann vor 25 Jahren seine Karriere, und aus diesem Anlass haben 27 Wegbegleiter aufgeschrieben, wie sie den derzeitigen Landesvorsitzenden und früheren Oppositionsführer im Landtag beurteilen. Das Ergebnis ist ein Spiegelbild, das es in sich hat und das es in dieser Form zumindest hierzulande noch nicht gegeben hat.

Die Würdigung ist von Stegner nicht in Auftrag gegeben worden, und wer weiß, ob er die Texte gebilligt hätte, wären sie ihm vor der Veröffentlichung von „Spiegelbilder – Stegner in Schleswig-Holstein“ gezeigt worden. Nun liegen sie schwarz auf weiß vor, und wer Einblick in den Menschen und den Politiker Stegner erhalten will, der wird bestens bedient. Vom ehemaligen SPD-Vorsitzenden und Sozialminister Günther Jansen, der ihn 1990 nach einem Bewerbungsgespräch auf einem Autobahnrastplatz als Pressereferent einstellte und als blitzgescheiten und jederzeit zuverlässigen Mitarbeiter geschätzt hat. Holger Astrup, viele Jahre parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, wagt eine aktuelle Prognose. Er erwartet, dass die politische Zukunft Stegners in der Bundespolitik liegen werde.

 

Immer wieder wird über das Verhältnis zwischen Torsten Albig und Ralf Stegner diskutiert. Wer ist eigentlich Herr im Hause SPD? In seinem sehr ausgewogenen Beitrag hat der Regierungschef die Arbeitsteilung geschildert und erstmals überzeugend dargelegt, warum es sinnvoll war, Stegner trotz seiner deutlichen Niederlage beim Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidatur für die Wahl 2012 den Parteivorsitz zu überlassen. Albig räumt ein, dass seine Verankerung in der Partei nicht so stark ist wie die des „Jubilars“. Dafür sei sein öffentliches Image besser. Bei allem Bemühen, das gegenseitige Verhältnis nicht zu belasten, spricht aber auch Albig deutliche Worte. Etwa mit dem Satz, Stegners „ruppiges öffentliches Erscheinungsbild“ überlagere „andere, sympathischere Seiten seiner Persönlichkeit massiv“.

Wie nicht anders zu erwarten ist, muss der FDP-Mann Wolfgang Kubicki diese Rücksicht nicht nehmen. Er zieht in seinem Beitrag kräftig vom Leder. Kein anderer Amtsinhaber habe in der Geschichte des Landes so viele Verfassungsbrüche begangen, Stegner lasse sich durch keine Selbstzweifel den Tag trüben, argumentiere holzschnittartig, liebe den Gegenwind. Und nach diesem vernichtenden Urteil zieht Kubicki das überraschende Fazit: Die politische Karriere Stegners sei noch nicht beendet, und er hätte sogar das Zeug zum Ministerpräsidenten.

Eine bemerkenswerte und in sich schlüssige Charakterisierung des „Jubilars“ liefert Oppositionsführer Daniel Günther. Er erinnert zu Recht daran, dass Stegner beim unfreiwilligen Wechsel vom Amt des Innenministers in der großen Koalition zum Fraktionsvorsitzenden von einem eher rechten zu einem linken Politiker geworden sei. Es ist in der Tat so gut wie vergessen, dass der Minister Stegner schärfere Sicherheitsgesetze mit mehr Videoüberwachung und mehr Personenkontrollen verlangte. Alles Positionen, von denen er als Repräsentant des linken Parteiflügels inzwischen abgerückt ist.

Stegner gefalle sich in der Rolle des „Unsympathen“ behauptet Günther, und als „heimlicher Ministerpräsident“ habe er die Fäden der Regierungsarbeit in der Hand, stellt der CDU-Mann pflichtbewusst fest und bemüht sich gleichzeitig um Wiedergutmachung: Außerhalb des Rampenlichts sei er „bisweilen im Umgang freundlich, manchmal sogar charmant und in Hochform richtig witzig“. Und es folgt der gute Rat: Wenn es ihm gelinge, diese „Charakterzüge zu konservieren“, könnte er noch höhere Stufen auf der Karriereleiter erklimmen.

Uli Wachholtz, Präsident der Vereinigung der Unternehmerverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein.
Uli Wachholtz, Präsident der Vereinigung der Unternehmerverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein. Foto: Axel Heimken, dpa

Der Präsident der Unternehmensverbände Hamburg und Schleswig-Holstein, Uli Wachholtz, sieht ebenfalls den zweigeteilten Stegner. In der Politik oft der angriffslustige „rote Ralf“, als Privatperson harmoniebedürftig, entspannt und selbstironisch, und mit dem Ablegen der Fliege lächle er auch viel mehr.

Schreiben Söhne über ihre Väter, ist Vorsicht angebracht. Aus dem Beitrag von Fabian S. ist eine Klage bemerkenswert: In der Schule habe man ihn nie beim Vornamen genannt, sondern stets nur „der Stegner“. Gedacht als Kritik am Vater.

Noch nie zuvor gab es im Plenarsaal des Kieler Landtags eine ähnlich profunde Personaldebatte wie beim Vorstellen der Schrift „Spiegelbilder“. In Gegenwart fast aller Autoren, zu denen leider nicht Stegners Hauptgegner Peter Harry Carstensen gehört. Der bei ähnlichen Präsentationen fast schon hauptamtliche Laudator Björn Engholm sprach in Anlehnung an den Titel und an eine chinesische Weisheit einen Satz, den sich Ralf Stegner hinter den Spiegel stecken kann: „Wer in den Spiegel schaut, der sieht, was ihm fehlt.“ In seiner Dankesrede gab sich Stegner demütig und gerührt und ließ erkennen, dass er alle Botschaften verstanden hatte.

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erstellt am 10.Sep.2015 | 10:27 Uhr

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