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Kommentar : Rader Hochbrücke wird zum Mahnmal

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Deutschland lebte über seine Verhältnisse und versäumte Investitionen in die Zukunft. Ein Kommentar von Stephan Richter.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2014 | 08:17 Uhr

Deutschland ist zum „Bröckelstaat“ verkommen, wie der „Spiegel“ in seiner aktuellen Titelgeschichte schreibt. Notdürftig zusammengehaltene Brückenbauten aus den Sechziger und Siebziger Jahren, desaströse Straßen, veraltete Schienennetze, marode Schifffahrtswege. Die Republik hat über ihre Verhältnisse gelebt und das Geld, das dringend in die Verkehrsinfrastruktur hätte fließen müssen, verfrühstückt. Für Schleswig-Holstein, das sich als Drehscheibe nach Skandinavien versteht, kommt dieser Befund einem Abstieg in die Kreisliga gleich. Die Rader Hochbrücke ist zum Mahnmal versäumter Investitionen in die Zukunft geworden.

Dass die wichtigste Nord-Süd-Verkehrsachse über den Nord-Ostsee-Kanal nur noch zwölf Jahre halten wird, ist seit der Entdeckung der maroden Pfeiler vor gut einem Jahr bekannt. Die damalige dreimonatige Totalsperrung für den Lkw-Verkehr und die Einschränkungen für Pkw stecken der Wirtschaft ebenso wie Hunderttausenden von Autofahrern, die stundenlang im Stau standen, immer noch in den Knochen. Mit dem jetzt verhängten Lkw-Tempolimit beginnt endgültig die Uhr zu ticken: Jeder Tag zählt, bis ein Ersatz-Bauwerk errichtet ist. Und jeden Tag, an dem Lastwagen über die Brücke schleichen, wird der Politik als Menetekel vor Augen geführt, wie Deutschland seine Chancen verspielt.

Es passt nichts mehr zusammen. Da wird ein 18 Kilometer langer Tunnel unterm Fehmarnbelt geplant, aber die anschließende Brücke über den Fehmarnsund steht vor dem Kollaps.

Da brüstet sich Schleswig-Holstein als Vorreiter der Energiewende, und täglich werden neue Windräder in die Landschaft gesetzt. Nur über die Rader Brücke dürfen die Schwertransporter mit den Bauteilen nicht mehr fahren, weil die Pfeiler sonst zusammenbrechen.

Da wird laut und mit wachsenden Umweltauflagen Energiesparen propagiert. Aber selbst kümmert sich der Staat weder rechtzeitig um einen Ersatz für die über 100 Jahre alte Eisenbahnbrücke bei Rendsburg noch um die Modernisierung des Nord-Ostsee-Kanals, obwohl der Transport auf der Schiene und zu Wasser ökologisch sinnvoll ist.

Nein, es ist zu spät für faule Kompromisse. Als Ersatz für die Rader Hochbrücke, die nun endgültig am Tropf hängt, muss ein kombinierter Straßen- und Schienentunnel her. Und zwar binnen zwölf Jahren. Der Bund muss in die Pflicht genommen werden. Alles andere ist Schmalspur-Politik ohne Zukunft.

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