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Flüchtlinge in Neumünster : Polizei schickt mehr Beamte in überfüllte Erstaufnahme

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Zustrom von Asylsuchenden hält an. Die Polizei setzt auf Prävention. Bislang gibt es nur kleine Konflikte in den Unterkünften. Aufgeräumt wird mit einem Gerücht.

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2015 | 20:37 Uhr

Die Polizei verstärkt ihre Präsenz in der völlig überfüllten Erstaufnahme für Flüchtlinge in Neumünster. Die auf 2000 Menschen ausgelegte Einrichtung ist aktuell mit 4719 Personen belegt. Statt bisher regulär nur mit sieben Beamten wird die Polizei dort ab Anfang Oktober mit 22 Beamten tätig sein. Das bestätigte das Landespolizeiamt unserer Zeitung. Die Aufstockung erfolge, um weiter präventiv auf die Sicherheitslage einzuwirken, teilte ein Sprecher der Behörde mit. Die Überbelegung habe in Einzelfällen zu Spannungen zwischen Flüchtlingen geführt.

Zu Gunsten der Erstaufnahme zieht die Polizeidirektion Neumünster elf Kräfte aus dem Verkehrsüberwachungsdienst ab. Zudem werden vier Stellen aus der Erstaufnahme Boostedt zurück nach Neumünster verlegt, die die dortige Direktion Bad Segeberg jetzt selbst stemmen muss. Darüber hinaus bleibt zur Verstärkung der regulären Kräfte ein Zug der 1. Einsatzhundertschaft aus Eutin als Reserve in Bereitschaft.

In den letzten zwei Wochen erfasste die Polizei in allen 14 Erstaufnahmen des Landes 17 Körperverletzungsdelikte und neun Diebstähle. Im Umfeld sämtlicher 14 Einrichtungen gingen laut Polizei ebenfalls in den vergangenen 14 Tagen 68 Eigentumsdelikte – in der Regel Diebstähle – auf Flüchtlinge zurück. Dies stellt laut Einschätzung des Landespolizeiamt-Sprechers „keine besonders auffällige Häufung“ dar. „Insgesamt ist die Sicherheitslage mit Blick auf die Vielzahl der dort untergebrachten Menschen ruhig.“ Ob die Fallzahlen steigen oder sinken, lässt sich nicht sagen – die Statistik wird erst seit zwei Wochen geführt.

Im nordhessischen Calden war es am Wochenende in einer Asylbewerberunterkunft zu einer Massenschlägerei zwischen über 300 Albanern und Pakistanern gekommen. Dass es ähnlich dramatische Zuspitzungen bisher in Schleswig-Holstein noch nicht gegeben habe, bestätigt die Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Reibereien hingegen bleiben hin und wieder auch hier nicht aus, wenn verschiedene Gruppen, die sich untereinander nicht mögen, auf derart engem Raum untergebracht sind“, schildert Ulrich Bahr, Vorsitzender der GdP-Regionalgruppe Schleswig-Holstein Mitte.

Nach Beobachtung der GdP beschränken sich Spannungen im Norden bisher auf gelegentliches Drängeln und Schubsen. Insbesondere komme das beim Schlangestehen an der Essensausgabe oder der Verteilung von Taschengeld vor. Teils sei es schlicht Wartezeiten von bis zu drei Stunden geschuldet, teils der – unbegründeten – Angst mancher Flüchtlinge, dass die letzten nichts mehr abbekämen. „Da ist die Polizei dann als Schlichter gefragt“, sagt Bahr. „Viele Konflikte konnten von Beamten im Keim erstickt werden.“

Haupt-Ursache von Spannungen sei „unabhängig von verschiedenen Kulturen schlicht und einfach, dass viele Menschen nicht verstehen, was gesagt wird“, berichtet GdP-Landesgeschäftsführer Karl-Hermann Rehr. „Denn das gibt immer zu irgendwelchen Mutmaßungen und Verunsicherungen Anlass.“ Ein noch stärkerer Einsatz von Übersetzern sei deshalb notwendig, ebenso wie das Bemühen, die Personenzahl pro Erstaufnahmeeinrichtung zu begrenzen. Rehr: „Die dürfen einfach nicht mit vierstelligen Personenzahlen belegt sein, das geht überhaupt nicht.“

Noch am brisantesten ging es am 16. August zu: Da kam es in Neumünster zu Tumulten, weil mehr Flüchtlinge als vorgesehen in die neue Erstaufnahme in Rendsburg umquartiert werden wollten. Ein Großaufgebot der Polizei, unterstützt von Kräften sogar aus Lübeck und Itzehoe, musste die Ruhe wieder herstellen.

Gelassenheit signalisiert der Lebensmitteleinzelhandel. „Die Fakten sprechen klar gegen eine besondere Häufung von Diebstählen in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften“, sagt Markus Jablonski, Unternehmenssprecher von Real in Deutschland. Dies habe eine Abfrage bei den gut 300 Märkten in Deutschland ergeben, von denen 90 in der Nähe von Asylbewerber-Quartieren stehen.

Der Marktleiter eines Lebensmittelhandels in Flensburg, der nicht mit Namen genannt werden will, kennt die „Diebstahlsgeschichten“ nur vom Hörensagen. „Bevor ich das nicht selber erlebt und erfühlt habe, kann ich darüber nichts erzählen – und solange ist das Problem für mich nicht existent.“ Zudem handele es sich bei vielen Neuankömmlingen „um Leute mit Bildung, die studiert haben“. Denen jetzt massenhaft Diebstähle zu unterstellen, diene nur der Befeuerung des rechtsradikalen Lagers in Deutschland. Einzelfälle von Ladendiebstählen würden in gleichem Maße auch von Deutschen begangen.

Es sei bekannt, dass insbesondere beim Entstehen neuer Flüchtlingsunterkünfte immer wieder Diebstahls-Gerüchte kolportiert werden, sagt Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein. Der Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, Ulf Döhring, habe stets betont, eine Zunahme der Kriminalität im Umfeld „seiner“ Erstaufnahme in Neumünster sei über die vielen Jahre nicht festzustellen.

Im sächsischen Heidenau und in Erfurt hat die Real-Kette bereits mittels einer Plakataktion die „hetzerischen und böswillige Gerüchte“, die in den Sozialen Medien kursieren, „aufs Schärfste“ verurteilt. „Die Vielfalt unserer Kunden spiegelt sich auch bei unseren Mitarbeitern wider. Wir beschäftigen aktuell Mitarbeiter aus rund 100 Nationen“, so das Unternehmen.

Wie sich das Klima im Umfeld einer provisorischen Erstaufnahme sogar positiv entwickelt, könne in Seeth in Nordfriesland beobachtet werden, sagt Rainer Rahn, Bürgermeister im Nachbarort Norderstapel im Kreis Schleswig-Flensburg. So habe ein Lebensmittelhändler aus Süderstapel kurzerhand eine Dependance direkt in der ehemaligen Kaserne in Seeth eröffnet, wo die Neuankömmlinge Dinge des täglichen Bedarfs gleich vor Ort einkaufen können. Fazit: „Das Geschäft läuft – es gibt keine Probleme.“

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