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Windeln statt Wahlkampf : Politiker entdecken die Familie

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von wegen nur karrierebesessen und erfolgsorientiert: Immer mehr Politiker im Norden verzichten auf den steilen Aufstieg und nehmen zumindest eine Auszeit für die Familie.

Kiel | Sie lacht viel in diesem Gespräch. Ingrid Nestle freut sich auf ihren zweiten Sohn, der im März zur Welt kommt – und sie freut sich auf die gemeinsame Zeit, die sie in den anschließenden zwölf Monaten mit ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder verbingen kann. Für ein Jahr wird die Staatssekretärin im Energiewendeministerium aus ihrem Job in Kiel aussteigen – und nur Mama sein. „Wir haben es nicht genau überprüft, aber das ist wohl einzigartig in Deutschland“, sagt die 36-Jährige.

Denn kaum ein Spitzenpolitiker nimmt sich Zeit für die Erziehung der eigenen Kinder – jedenfalls nicht so viel, dass er oder sie dafür für längere Zeit aus dem Job aussteigt. Dabei wollen Mütter und zunehmend Väter mehr Zeit mit dem eigenen Nachwuchs verbringen. Fast ein Viertel der Väter in Schleswig-Holstein nimmt bereits Elterngeld in Anspruch, im Bund ist es sogar ein Drittel – Tendenz steigend. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, wie die Kleinen das erste Mal den Löffel zum Mund führen, den ersten Schritt gehen oder das erste Mal sicher auf dem Fahrrad unterwegs sind. Und jetzt eben auch mal der eine oder andere Spitzenpolitiker. „Die Verwaltung ist aber nicht genügend darauf vorbereitet“, sagt Nestles Chef, Robert Habeck. Elternzeit für eine Staatssekretärin sei gar nicht vorgesehen gewesen in seinem Haus, da hätten viele umdenken müssen. Für ihn sei es aber „Ehrensache“ gewesen, seiner grünen Parteikollegin das zu ermöglichen, was sie sich wünscht.

Weil das offenbar nicht immer geht, wählen viele Politiker den Ausstieg. Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hat jetzt mehr Zeit sich um Töchterchen Lotte zu kümmern. Deren Vater, der Pinneberger CDU-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium Ole Schröder, bleibt derweil in der Politik. Der noch bis vor Kurzem als Kanzleramtschef fungierende CDU-Politiker Ronald Pofalla, ist jetzt nur noch einfacher Abgeordneter – „aus privaten Gründen“. Bislang hatte der 54-Jährige, der in den vergangenen Jahren viel gearbeitet hat, signalisiert, dass er eine Familie gründen und mehr Zeit mit seiner 20 Jahre jüngeren Freundin verbringen wolle. Doch offenbar brachte ihn ein lukrativer Posten bei der Deutschen Bahn von diesen Plänen wieder ab.

Einen anderen Weg hat der in Flensburg geborene neue Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Jörg Asmussen (SPD), gewählt. Der 47-Jährige zog sich von dem Top-Job als Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank „aus familiären Gründen“ zurück. Offenbar war er das viele Reisen leid und will mehr Zeit mit seinen beiden jungen Töchtern verbringen. Ob ihm das gelingt, bleibt abzuwarten.

Doch auch sein Beispiel zeigt, dass immer mehr Top-Politiker dem Wunsch nach Zeit für die Familie nachgeben. Die Grünen haben das schon 2008 gemerkt, als sich niemand fand, der Reinhard Bütikofer als Parteichef beerben wollte. Einer, der auch in der Verlosung war, war Robert Habeck. „Man kann nicht vier Kinder zeugen und sich danach aus dem Staub machen, um Bundesvorsitzender zu werden“, sagte er damals – und steht dazu noch heute. Als er zu den Grünen kam, war sein jüngster Sohn noch gar nicht geboren. Mit seiner Frau wollte Habeck die Kinder gemeinsam erziehen, dazu wollten sie beide als Schriftsteller arbeiten. „Mit dem Älterwerden der Kinder ist die Politik für mich immer mehr zum Beruf geworden“, sagt Habeck heute. Seine Söhne seien ein Stück unabhängiger geworden, die Probleme andere geworden. „Früher musste immer jemand da sein zum Windeln wechseln. Wenn es jetzt mal um Liebeskummer geht, kann man den auch am Abend um 21 Uhr besprechen“, sagt der 43-Jährige. Mittlerweile ist sein jüngster Sohn elf, der älteste 17 Jahre alt „Ich habe nach wie vor Heimweh nach der Familie, weil ich selten zu Hause bin“, sagt Habeck. „Manchmal hoffe ich, wenn ich mal früher nach Hause komme, dass alle wie früher auf mich warten – und bin dann enttäuscht wenn gar keiner da ist, oder die, die da sind, sich lieber mit anderem beschäftigen“, sagt Habeck.

Er glaubt nicht, dass vor zehn Jahren eine Staatssekretärin oder ein Minister eine längere Erziehungszeit bekommen hätte. „Leute, die das machen, galten als Weicheier.“ Denn immer wieder vermuteten Medien und konkurrierende Politiker, dass jemand für den harten und entbehrungsreichen Job in der Berufspolitik nicht geeignet sei. „Ich finde das aber gerade cool, wenn jemand das macht. Denn was zählt denn auf dem Sterbebett? Dass ich mehr Titel in der Politik gesammelt oder so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbracht habe?“

Für Ingrid Nestle jedenfalls gibt es mehr als Politik. Sie habe sich gar keine Gedanken gemacht, ob ihr Kinderwunsch mit dem Job als Staatssekretärin vereinbar sei – und sie eben dort ein Jahr lang entbehrlich ist. Für Habeck selbst ist der von Nestle verantwortete Bereich der Energiewende ein zentrales Politikfeld seines Hauses, von dem auch sein persönlicher Erfolg als Minister abhängt. Damit das auch in Nestles Abwesenheit nicht vernachlässigt wird, hat Habeck eine Stabsstelle gegründet. „Die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt, wir werden alle ein bisschen mehr arbeiten.“

Überhaupt geht das Ministerium bei der Arbeitsgestaltung neue Wege. Schon jetzt ist es, wie in anderen Häusern möglich, dass die Mitarbeiter außerhalb der Kernzeit von zu Hause aus arbeiten. Weg von dem „Anwesenheitswahn“ will auch etwa die neue Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die angekündigt hat, viel von ihrem Wohnort Schwerin aus zu arbeiten, in dem ihr sechsjähriger Sohn Schule und Hort besucht.

Ingrid Nestle ist es wichtig, dass sie sich intensiv um ihr zweites Kind kümmern kann. Beim ersten Sohn habe ihr Mann weitgehend die Erziehungsarbeit übernommen, jetzt wolle der beruflich wieder stärker als energiepolitischer Berater tätig werden. Sie sieht es nicht als Karriereknick, wenn sie sich für ein Jahr mehr mit Windeln statt mit Windenergie befasst. „Ich würde es beunruhigend finden, wenn nur Menschen politische Macht haben, die sich auch nur darum kümmern wollen.“ Und Robert Habeck sagt: „Menschen, die sich anders entscheiden, machen auch andere Politik.“

Ingrid Nestle ist jedenfalls dankbar, dass ihre Vorgesetzten so kooperativ reagiert haben. „Es war sicher von Vorteil, dass wir nur Parteien in der Regierung haben, die den Unternehmen immer vorhalten, sie sollen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen.“ In der Wirtschaft haben sich viele Unternehmen schon auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingestellt. Doch immer noch gibt es nur wenige Betriebskindergärten in Schleswig-Holstein, und manch ein Unternehmer zuckt nur ratlos die Schultern, wenn ein Vater plötzlich um flexiblere Arbeitszeiten bittet, um auch mal das Kind zum Sport bringen zu können. Laut Umfragen bemängeln 85 Prozent aller Männer, dass familienfreundliche Maßnahmen in Firmen vor allem Frauen betreffen. Und die Industrie- und Handelskammern Schleswig-Holstein können auf Nachfrage nicht einmal einen Ansprechpartner nennen, der etwas Qualifiziertes zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Unternehmen des Landes sagen kann.

Dabei haben selbst kleinere Unternehmen erkannt, was für ein Erfolgsfaktor das sein kann. „In Handwerksbetrieben galt es früher als unmöglich, dass Arbeitszeiten flexibler gestaltet werden“, sagt Christian Maack Geschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck. Dabei steige der Wunsch bei vielen Mitarbeitern. „Da es immer schwieriger wird, Fachkräfte zu bekommen, suchen und finden immer mehr Firmen individuelle Lösungen, um das hinzukriegen.“

Dass das zunimmt, glaubt Marlies Rümke von der Zen-Leadership-School in Barnitz (Kreis Stormarn). Sie schult Führungskräfte in Meditation, bietet Personaltrainings an. „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Unternehmen.“ Mitarbeiter, die Auszeiten nehmen, hätten einen anderen Blick auf die Gesellschaft. Zudem gelten Väter, die sich auch um die Familie kümmern, als sozial kompetent und belastbar – und sie verfügen oft über eine gute Arbeitseffizienz. Marlies Rümke sieht auch bei Führungsfiguren immer mehr Bedarf für berufliche Auszeiten. „Allerdings nur für längstens drei Monate, dann geht langsam der rote Faden verloren, den eine Führungskraft auslegt und verfolgt.“ Aber auch das könne sich in der Zukunft ändern. Immer mehr Unternehmer würden jedenfalls, neue Wege suchen, nicht nur in der Meditation. Fast alle Berufsgruppen hätten schon Schulungen bei ihr nachgefragt, sagt Rümke, nur eine nicht: „Politiker.“

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erstellt am 05.01.2014 | 09:00 Uhr

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