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Kranke Angehörige : Pflege-Stress in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

47.000 Menschen in SH werden von ihren Angehörigen gepflegt - doch denen wächst die Aufgabe zunehmend über den Kopf. Sozialministerin Ahlheit will helfen.

Nichts war mehr so wie früher. Nach dem Schlaganfall der Schwiegermutter glaubte Sarah Weigmann* zunächst, die Pflege der 82-Jährigen ohne Fremde Hilfe hinzubekommen. „Bei uns wird Familie noch groß geschrieben. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass einer für den anderen einsteht“, erzählt die schmale, resolute Frau. Doch schon bald zeigte sich, auf die regelmäßige Unterstützung durch ihre drei Kinder – alle wohnen im 50-Kilometer Umkreis von Neumünster – konnte sie sich nicht verlassen. „Mal kam dieses, mal jenes dazwischen. Eigentlich war schon nach drei Monaten klar: die Sache bleibt an mir hängen“. Ihr Ehemann Jochen war zwar bemüht, aber nach seinem acht Stunden-Tag als Lkw-Fahrer abends groggy. „Ständig war ich in Hetze und dann dieses ewig schlechte Gewissen“, umschreibt sie ihren Zustand.

So wie Sarah Weigmann geht es vielen Schleswig-Holsteinern. 47.000 der insgesamt 80.000 pflegebedürftigen Nordlichter werden zu Hause versorgt, in der Regel von ihren Angehörigen. Wie belastend und kräftezehrend diese Aufgabe ist, zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) in Kiel: Mehr als jeder dritte Betroffene (39 Prozent) fühlt sich durch die Pflegetätigkeit körperlich erschöpft, mehr als jeder Vierte (27 Prozent) ist überzeugt, dass seine eigene Gesundheit durch diese Verpflichtung angegriffen wird.

Das war auch bei Weigmann der Fall. Nach einem halben Jahr war sie am Ende. „Ausgelaugt, Rückenschmerzen durch das viele Heben, ständig müde, weil ich nachts oft hoch musste.“ Dabei hatte sie ihren 30-Stunden-Bürojob schon gleich zu Anfang im Einvernehmen mit ihrem Arbeitgeber reduziert. „Doch auch das war ständig ein Himmelfahrtskommando, weil ich für die drei Stunden am Morgen jemanden organisieren musste der bei Schwiegermutter bleibt. Allein lassen konnte ich sie doch nicht.“

Diese Mehrfachbelastung durch Beruf, Pflege und Familie setzt vielen zu. In der TK-Umfrage gaben 33 Prozent der Befragten an, hin- und hergerissen zwischen den Anforderungen ihrer persönlichen Umgebung und der Pflege zu sein. Viele fühlen sich zudem in ihrer Lebensplanung eingeschränkt: Jeder Dritte gab an, seine Zukunftspläne wegen der Pflege aufgegeben zu haben. „Nachdem die Kinder aus dem Gröbsten raus waren und uns nicht mehr auf der Tasche lagen, sind wir viel gereist, ans Nordkap, nach Italien und Griechenland. Daran war gar nicht mehr zu denken“, erzählt Weigmann. Im Nachhinein hält sie es für eine „gute Fügung“, dass sie kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr zusammengebrochen ist. „Von heute auf morgen ging nichts mehr, Kreislaufkollaps, Verdacht auf Bournout.“

Inzwischen ist die 53-Jährige wieder auf den Beinen. Als die Familie erkannte, dass es so nicht weitergeht, wurde endlich Hilfe gesucht. Heute kommt morgens eine Frau zum Pflegen ins Haus; bezahlt wird sie aus dem Geld, das die Pflegekasse für die Schwiegermutter überweist. Abends kommt der Pflegedienst. In diesem Sommer war Sarah Weigmann mit Ehemann Jochen sogar im Urlaub. „Drei Wochen. acht Tage hat die Tochter eingehütet, zwei Wochen war Schwiegermutter in einer Kurzzeitpflege.“

Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein, hält es für unverzichtbar, ein träger- und sektorenübergreifendes Betreuungsnetzwerk zu schaffen, das unter anderem auch die Angehörigen bei der Pflege zu Hause unterstützt und entlastet. „Im Fokus steht dabei der Gedanke, dass chronisch Kranke und Pflegebedürftige auch künftig möglichst lange in ihrem unmittelbaren Umfeld leben können.“

Auch Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) weiß, dass Angehörige von Pflegebedürftigen häufig einen wertvollen und unschätzbaren Dienst leisten. „Das betrifft insbesondere Frauen. Dabei müssen sie Unterstützung erfahren, um sich nicht selbst zu überfordern.“ Gute Anlaufstellen sind laut Alheit dabei die Pflegestützpunkte, die über Hilfsangebote und Möglichkeiten kompetent, kostenlos und vor allem neutral informieren. „Ich kann nur ermutigen, die Angebote zu nutzen. Das Land hat die Finanzierung der Pflegestützpunkte langfristig abgesichert.“

Die Ministerin hat offenbar die Zeichen der Zeit richtig erkannt: Noch ist die Pflege von Angehörigen für viele Betroffene eine Selbstverständlichkeit sind. „Etwa jeder Zweite begründet seinen Einsatz mit Familienzusammenhalt und Pflichtgefühl“, berichtet Brunkhorst. Mit zunehmendem Alter scheint die familiäre Verbundenheit jedoch abzunehmen: Während heute noch 61 Prozent der über 65-Jährigen bundesweit familiäres Pflichtgefühl als Hauptgrund angeben, sind es unter den 18- bis 49-Jährigen nur noch 38 Prozent. Nur wenn hier praktikable Hilfe angeboten wird, wird der Wunsch der Alten, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben, auch künftig in Erfüllung gehen.

 

*Name geändert

 

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erstellt am 19.Okt.2014 | 09:17 Uhr

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