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„Zukunftswerkstatt“ der Grünen in SH : Petra Pinzler: „Immer mehr“ ist nicht „immer besser“

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Keine Volkswirtschaft kann unendlich wachsen. Aber was folgt daraus? Ein Gastbeitrag von der Zeit-Journalistin Petra Pinzler.

In einer „Zukunftswerkstatt“ wollen Bündnis '90/Die Grünen in Schleswig-Holstein Visionen von Schleswig-Holsteins Zukunft entwerfen. Heute ein Gastbeitrag von Petra Pinzler. Am Dienstag veröffentlichten wir einen Beitrag von Umweltminister Robert Habeck, am Mittwoch von Wissenschaftler Konrad Ott. Am Freitag folgt Klimaexperte Mojib Latif vom Geomar-Helmholtz-Zentrum in Kiel.

Wir alle leben in einem großen Irrtum. Wir verwechseln „immer mehr“ mit „immer besser“, und zwar sowohl im Privaten als auch in der Ökonomie und der Politik. Privat zeigt sich das in den immer schnelleren Zyklen, in denen wir, um mithalten zu können, scheinbar neue Handys, neue Computer, neues Zeugs brauchen – und dann die kurze Freude des schnellen Konsums mit Lebensqualität verwechseln, ja sogar bereit sind, für diesen Konsum länger zu arbeiten, mehr Privatleben zu opfern und inzwischen gar den Wunsch nach Kindern einzufrieren. Und das in einer der reichsten Gesellschaften der Erde.

In der Politik dokumentiert sich der Irrtum in dem verzweifelten Versuch der Regierungen, die Probleme des Landes durch Wirtschaftswachstum zu lösen. Gebetsmühlenartig wiederholen Politiker aller Parteien, dass wir viel mehr zur Ankurbelung des Wachstums tun müssen. So als ob schon alles gut werde, wenn nur die Wirtschaft boomt. Das mag, kurzfristig gedacht, sogar stimmen: Die Steuereinnahmen sprudeln, Schulden lassen sich leichter zurückzahlen und der Sozialstaat kann weiter ausgebaut werden, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt. 

Doch keine Volkswirtschaft kann unendlich wachsen. Selbst wenn man die negativen Folgen des Wachstums für das Klima einfach ignoriert, werden irgendwann andere Grenzen erreicht sein. „Immer mehr“ ist in einer endlichen Welt schlicht unmöglich – egal wie sehr wir uns bemühen, den Umweltverbrauch durch bessere Technik zu reduzieren. Irgendwann werden wir die Bodenschätze ausgebeutet, die Meere leergefischt und die Äcker ausgelaugt haben.

Sicher macht es Sinn, in ökologische Produkte und Verfahren zu investieren. Doch selbst diejenigen, die fest daran glauben, dass wir fast alle Umweltprobleme eines Tages mit einer  besseren Technik werden lösen können, kommen an einem Fakt nicht vorbei: Bisher haben wir noch jeden ökologischen Fortschritt damit zunichte gemacht, dass wir mehr konsumieren. Oder anders formuliert: Wir haben zwar den energiesparenden Kühlschrank in der Küche stehen, doch der alte kühlt jetzt die Bierflaschen im Keller. Faktisch laufen zwei.

Wir werden also irgendwann einmal über das Weniger nachdenken müssen – privat, ökonomisch und politisch. Das macht erst einmal Angst. Auch Wirtschaftspolitiker fürchten sich davor. Dabei ignorieren sie gern folgenden Fakt: Alle reifen Industrienationen sind in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger gewachsen. Die Stagnationswirtschaft könnte trotz aller verzweifelten Ankurbelungsversuche also schon bald Realität werden. Doch was ist eigentlich schlimm daran – wenn wir das richtig organisieren? Dazu müssten wir allerdings aufhören „weniger“ mit „schlechter“ zu verwechseln. „Weniger haben“ müsste zur Chance werden, wir müssten unsere Gesellschaft so organisieren, dass es nicht als Verlust empfunden wird – sondern als Befreiung.

Felder, auf denen das Sinn machen würde, gibt es viele: Wäre es tatsächlich so fürchterlich, wenn es irgendwann weniger Autos gäbe? Ließe sich das nicht zumindest in den Städten durch andere Mobilitätskonzepte organisieren, die für viele angenehmer und billiger sind? Die neuen Platz schaffen für die  Anwohner, die Spaziergänger und sogar die Pendler.

Überhaupt sollten sich die, die für das Morgen planen, viel mehr mit dem Teilen beschäftigen:  Wie können wir öffentliche Räume, aber auch private Dinge anders und besser teilen als bisher? Oder anders gefragt: Braucht in Ihrer Straße wirklich jeder einen eigenen Rasenmäher?

Wenn eine Gesellschaft ihren Bürgern auch 2050 ein gutes Leben ermöglichen will, muss sie sich solche Fragen stellen. Ein erster Schritt wäre, Investitionen nicht per se gut zu finden, sondern genau zu überlegen, wo sie sinnvoll sind – in einer schrumpfenden Gesellschaft, die zudem weniger Ressourcen verbrauchen sollte. Ganz automatisch kommt man dann auf grüne Bereiche wie die energetische Sanierung des Landes. Aber auch auf die Bildung. Denn eine  alternde Gesellschaft wird mehr denn je auf die Köpfe ihrer jungen Leute angewiesen sein.

Ein Land wie Schleswig-Holstein, das in den ländlichen Gegenden schon bald weniger Einwohner haben wird, sollte das Schrumpfen noch früher als andere als Chance begreifen. Zudem fängt es ja nicht bei Null an. Vor drei Jahren wurde das „grüne BIP“ des Landes berechnet und das zeigte: Hier ist die Lebensqualität  im Vergleich mit anderen Bundesländern ziemlich hoch. Es geht also schlicht darum, das zu erhalten.

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erstellt am 06.Nov.2014 | 17:57 Uhr

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