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„Beamtenbagger“ im Landeshaus : Nostalgie und das letzte Abenteuer: Das Ende des Paternosters

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das ewige Auf und Ab, der Einfluss einer 40-Sekunden-Fahrt im „Beamten“-Bagger auf die Karriere sowie der Paternoster als Kulturgut – eine Betrachtung von Erich Maletzke.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2015 | 09:54 Uhr

Kiel | Der letzte schwere Unfall liegt schon einige Zeit zurück: Ein Musiker hatte bei einer Festlichkeit im dritten Stock des Kieler Landeshauses aufgespielt und wagte sich mit dem Kontrabass in den Paternoster. Dort passierte, was passieren musste. Der lange Hals des Klangkörpers verhakte sich in einem Vorsprung der Außenwelt, die offene Kabine jedoch setzte unbeirrbar ihren Abstieg fort, und mit einem hässlichen hellen Missklang verkleinerte sich der Bass auf Cello-Größe.

Schon damals forderte der TÜV die sofortige Stilllegung, doch in selten gewordener Einigkeit sprachen sich Regierung und Opposition für die Rettung aus. Seit dieser Fürsprache wandern die zwölf Kabinen wie eh und je aus dem Keller durchs Parterre vom ersten in den zweiten und den dritten Stock, von dort über den Boden zurück in den Keller. So wie ein Gläubiger beim Vaterunser die Kugeln des Rosenkranzes über die Finger gleiten lässt.

Paternoster wurden nur für Behörden gebaut, versichert das Lexikon. Wohl deshalb, weil hier der Arbeitsrhythmus ähnlich monoton läuft wie der „Beamtenbagger“. Die Akten kreisen, die Gespräche wiederholen sich und die Entscheidungen auch. Der Paternoster zeigt im Kleinen den Lauf der Welt, und der mitfahrende Mensch liefert jedem Verhaltensforscher Material für umfangreiche Studien.

Da ist der Dynamisch-Mutige, der, aus einer Amtsstube kommende, die Kabine eigentlich schon verpasst hat. Er müsste zwei Sekunden warten bis er bequem in die nächste steigen könnte. Doch stattdessen wagt er den Sprung in die Tiefe oder zieht sich kraftvoll in den schon einen halben Meter aufgestiegenen Beförderungskorb. „Sportlich, sportlich“ oder auch „das hat ja gerade noch geklappt“, begrüßt der bereits Fahrende den Neuankömmling. Vorausgesetzt natürlich, es ist ein kommunikativer Typ. Der Zugestiegene kann den Gesprächsfaden mit der Erklärung aufnehmen, dass diese Art von Zustieg schließlich eines der wenigen Abenteuer sei, die man in diesem Hause noch erleben könne.

Den krassen Gegensatz zu dem wagemutigen Dynamiker bildet der Zauderer. Er lässt die ersten drei Kabinen an sich vorbeifahren, weil er nicht entscheiden mag, ob er die Treppe oder den Paternoster benutzen soll, findet dann einen Kompromiss, indem er zu Fuß in den ersten Stock steigt und erst dort die mechanische Weiterreise antritt. Mit dem Zauderer nicht zu verwechseln ist der Individualist. Er ist einwandfrei dadurch zu identifizieren, dass er grundsätzlich nur eine leere Kabine betritt. Diese Abneigung gegen zu engen körperlichen Kontakt kann zu peinlichen Situationen führen. Denn erreicht der bereits mit einer Person besetzte Korb eine Station, an der ein potenzieller Passagier ganz offensichtlich auf die Mitfahrt wartet, dann tritt der bis dahin Alleinreisende einen Schritt zurück, macht vielleicht auch schon eine Geste des Willkommens und muss dann doch solo weiterreisen, weil der Wartende nicht zusteigt. Mancher, der fröhlich den Fahrkorb bestiegen hat, beendet somit die Dienstreise deprimiert. Wie soll er auch ahnen, dass nicht er die Schuld an dem gescheiterten Doppel trägt, sondern der seelisch gestörte Nichtzusteiger.

Nicht selten kann man Alleinreisende beobachten, die sofort nach dem Einstieg beginnen, in den mitgebrachten Akten zu lesen. Zwei Erklärungen sind für dieses Verhalten möglich: Es kann sich um einen Streber handeln, der auf der kurzen Fahrt zwar so gut wie nichts schafft, aber den erhofften Zuschauern zeigen will: Seht her, ich, der Oberregierungsrat Knotte, bin überfällig für eine Beförderung, nutze ich doch sogar den Weg zur Kantine zum Aktenstudium. Weniger ehrenvoll ist die zweite Erklärung: Schlichte Neugierde könnte das Motiv sein. Ein interessanter Vorgang, vielleicht sogar eine Personalie, soll von einer Abteilung in die nächsthöhere gebracht werden, und der Bote nutzt den dämmrigen Fahrstuhlschacht zu einem unerlaubten Einblick.

Nur der Vollständigkeit halber sei in der Paternoster-Typologie noch der Träumer erwähnt, der, in Gedanken versunken, zweimal über den Boden fährt. Dann gibt es außerdem den Pedanten, der grundsätzlich nur die Kabinen vier und sechs benutzt. Oder da ist der Verklemmte, der vor dem Mitfahrer nicht nur bis in die hinterste Ecke zurückweicht, sondern zusätzlich den vermeintlich gefährdeten Körperteil schützend mit übergeschlagenen Händen abdeckt. Vorsichtsmaßnahmen dieser oder anderer Art sind jedoch wirklich nicht nötig, denn weder im Petitionsausschuss des Landtages noch bei der Gleichstellungsbeauftragten sind bisher moralische Verfehlungen aus dem Paternoster gemeldet worden. Es mag an der frommen Bezeichnung des Gefährts liegen oder vielleicht an der Geschwindigkeit von 0,2 Metern pro Sekunde.

Die allerdings fördert nicht nur die Moral, sondern hat auch einen pädagogischen Effekt, nämlich die Konzentration auf das Wesentliche. Da fährt etwa der in einem abseitig gelegenen Büro seit 20 Jahren fast unbemerkt tätige Amtsrat Lindemann am ersten Stock vorbei, und dort steigt plötzlich ein Minister zu. Als erfahrener Benutzer des Fahrstuhls weiß Lindemann, dass die bevorstehenden 40 Sekunden seine Karriere verändern können. In dieser Zeit muss er alles vortragen, was er der hohen politischen Instanz schon immer sagen wollte. Er muss seine Person und seine Tätigkeit erklären, muss schildern, was dringend verbesserungswürdig ist. Kurzum, er muss sich beim Gesprächspartner derart nachdrücklich einprägen, dass der nach Rückkehr an den Schreibtisch sofort Order gibt: Der Amtsrat Lindemann soll an meinem Wohlwollen teilhaben. Und er hat es verdient, denn wer innerhalb von 40 Sekunden überzeugende Argumente liefern kann, der ist zu Höherem berufen.

Ganz unten im Keller des Landeshauses, wohin der Paternoster schon nicht mehr fährt, dort sitzen die Menschen, die seinen beständigen Lauf garantieren und überwachen. Im roten Stammbuch mit der Geburtsurkunde vom 21. Juni 1950 ist festgelegt, dass der Aufzug morgens um 6 Uhr gereinigt und um 7.30 Uhr „für den öffentlichen Verkehr“ freigegeben werden muss. Alle Krankheiten und ihre Heilung sind ebenso verbucht wie die maximale Belastbarkeit der Zugkette. Die Bescheinigung „über die Prüfung zur Bestellung als Aufzugswärter“ liegt gestempelt und von den beiden erfolgreich geprüften Kandidaten persönlich unterschrieben vor.

Die letzte TÜV-Prüfung gibt keinerlei Anlass zur Besorgnis, nur „der Puffer unter dem Gegengewicht“ wird als erneuerungsbedürftig angemahnt, und natürlich ist der geringe Mangel inzwischen behoben. So kann das Musterbeispiel unverdrossenen Leerlaufs auch in Zukunft dezent ächzend seine Bahn ziehen, beladen mit Kontrabass und Zauderer, Dynamiker und Träumer, und ganz gewiss befindet sich unter den Reisenden auch immer wieder ein Nachkomme von Heinrich Bölls literarisch berühmt gewordenen WDR-Redakteurs Murke. Der bestieg jeden Morgen auf dem Weg ins Büro den Paternoster, hätte im zweiten Stock aussteigen müssen, fuhr aber weiter bis auf den Boden, wo „geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schob“. Diese Sekunden der Angst inmitten knarrender Technik brauchte Murke wie andere ihren Kaffee. Danach war er hellwach für den Tag gewappnet.

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