"Turbo-Plan" : Nord-Grüne wollen Atomausstieg bis 2017

Auch ohne Kohlekraftwerke kann Schleswig-Holstein nach Ansicht der Grünen Strom exportieren - aber nur mit besseren Netzen. Foto: dpa
Auch ohne Kohlekraftwerke kann Schleswig-Holstein nach Ansicht der Grünen Strom exportieren - aber nur mit besseren Netzen. Foto: dpa

Der "Turbo-Plan" der schleswig-holsteinischen Grünen sieht eine Versechsfachung des Windenergie-Anteils in den nächsten sechs Jahren vor. Kritik kommt von CDU und FDP.

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14. April 2011, 08:12 Uhr

Kiel | Schleswig-Holsteins Grüne wollen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien den "Turbo" anwerfen. Schon 2017 soll die letzte Kilowattstunde Strom aus einem Atomkraft geholt werden. Bis dahin sei es möglich, ein Vielfaches des Stromverbrauchs im Land zwischen den Meeren aus Wind, Photovoltaik oder Biomasse zu erzeugen. Schleswig-Holstein könne Stromexportland bleiben - auch ohne den Neubau von Kohlekraftwerken.
Fraktionschef Robert Habeck legte dazu gestern in Kiel den "Grünen Stromplan" vor. Kernstück des Energiewende-Papiers ist eine Versechsfachung des Windenergie-Anteils auf 39 Terawattstunden (39 Milliarden Kilowattstunden) in den nächsten sechs Jahren. Dieses Ziel sei bereits auf der Grundlage der vorhandenen Planungen zum Ausbau der Windkraft an Land und auf See möglich.
Netze müssen schneller ausgebaut werden
Damit der Windstrom zum Verbraucher transportiert werden kann, müssten die Netze beschleunigt ausgebaut und modernisiert werden. Ohne Proteste werde das nicht gehen, ist Habeck sicher. Vor allem Planungen für neue Freileitungen sind hoch umstritten, Erdkabelleitungen seien jedoch nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich ein Problem; sie sind je nach Untergrund drei- bis achtmal teurer als die Masten-Lösung.
Deshalb plädierten Habeck sowie die Energiepolitiker Ingrid Nestle (Bundestag) und Detlef Matthiesen (Landtag) dafür, 110 KV-Leitungen "grundsätzlich als Erdkabel" zu verlegen. Während die Westküste zudem eine neue 380-KV-Leitung brauche, bestehe ein solcher Bedarf zwischen Kiel nach Göhl (Kreis Ostholstein) nicht. Hinter den Planungen vermuten die Grünen die Absicht von Eon, in Kiel ein neues Kohlekraftwerk zu bauen.
Um den Ausbau des Stromnetzes möglichst geräuschlos hinzubekommen, setzen die Grünen auf frühzeitige, intensive und "demokratische" Beteiligungsverfahren der betroffenen Bevölkerung. Damit würden "langwierige Gerichtsverfahren seltener", glaubt die Energieexpertin Nestle. Trassen dürften nicht autoritär durchgedrückt werden, sagte Habeck, der seine Partei als erste Adresse für die Moderation möglicher Konflikte sieht. Auch der Umstand, dass über die neuen Stromleitungen kein Atom- oder Kohlestrom verteilt werden soll, sondern Windstrom, könne bei der Überzeugungsarbeit helfen.
CDU: "Zahlen völlig realitätsfern"
Das Papier soll Ende Mai einem Landesparteitag der Grünen vorlegt und beschlossen werden. Ein Selbstgänger wird die Debatte nach Einschätzung von Habeck auch parteiintern nicht: "Wenn es für uns dumm läuft, gehen wir damit unter."
CDU und FDP nannten die vorgelegten Zahlen zur künftigen Windenergie-Erzeugung "völlig realitätsfern" und warfen den Grünen Rechentricks vor. Als glaubwürdiges Konzept für einen von sicherer Energieversorgung abhängigen Industriestandort eigne sich die Hochrechnung nicht. Zudem seien die Ziele angesichts der weit reichenden Vorstellungen der Grünen zur Bürgerbeteiligung nicht bis 2017 zu erreichen. Die SPD-Landtagsfraktion dagegen nannte das Papier "richtig". Es entspreche in weiten Teilen den Konzepten der SPD.

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