Bildungspolitik : Nirgendwo in Deutschland gibt es weniger Grundschul-Unterricht als in SH

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Eine Grundschülerin übt Schönschrift an der Tafel.

In den ersten vier Klassen geizen die Schulen in Schleswig-Holstein mit Unterrichtsstunden.

fju_maj_0203 von
29. Januar 2018, 11:57 Uhr

Kiel | Die ersten Klassen sollen die Basis für die gesamte Bildungskarriere legen – doch nirgendwo in Deutschland erhalten Grundschüler weniger Unterricht als in Schleswig-Holstein. Der Negativ-Rekord geht aus einer Auflistung der Kultusministerkonferenz (KMK) hervor. Demnach gibt es im nördlichsten Bundesland in Klasse 1 und 2 jeweils 20 Stunden pro Woche und in Klasse 3 und 4 jeweils 26 – macht in der Summe 92. Spitzenreiter Hamburg kommt dagegen auf 108, Bayern auf 104, Baden-Württemberg auf 102 und selbst das vergleichsweise arme Thüringen auf 100. Genau so wenige Stunden wie im „echten Norden“ gibt es sonst nur noch in Berlin und Hessen.

 

„Bildungsgerechtigkeit ist damit nicht gegeben“, sagt Beate Blaseio, Vorsitzende des Grundschulverbands Schleswig-Holstein und Professorin in der Lehrer-Ausbildung an der Flensburger Europa-Universität. Sie hat für shz.de die Lehrpläne zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg verglichen und festgestellt: Zwischen Nord- und Ostsee kommen vor allem Sachkunde, Englisch und Sport kürzer weg.

„Wir haben schon länger den Eindruck, dass die Dauer des Unterrichts nicht dem Bedarf angepasst ist, sondern dem, was das System an Ressourcen hergibt“, moniert der Vorsitzende des Landeselternbeirats Grundschulen, Volker Nötzold. Im Prinzip befürwortet er mehr Stunden, schränkt jedoch ein: „Qualität geht für mich vor Quantität.“ Deshalb müsse zunächst der Nachwuchsmangel bei den Lehrern gelöst werden. Bereits jetzt seien an den Grundschulen zu viele Lehrkräfte ohne abgeschlossene didaktische Ausbildung tätig. „Das wird immer abenteuerlicher“, meint auch Blaseio. Sie kennt Fälle im Hamburger Umland, in denen etwa Modedesigner oder Juristen ohne jegliche pädagogische Vorkenntnisse an Grundschulen unterrichten – oder in Nordfriesland einen Sozialpädagogen, der auch kein Schulfach studiert habe.

Aus Sicht des Geschäftsführers der Gewerkschaft Erziehung & Wissenschaft (GEW), Bernd Schauer, ist die Rote Laterne „eine logische Folge daraus, dass Schleswig-Holstein insgesamt die niedrigsten Bildungsausgaben pro Kopf hat“. Das ergibt sich Jahr für Jahr aus Berechnungen des Statistischen Bundesamts. „Es gibt nach wie vor viel zu viele Kinder ohne schulischen Erfolg“, warnt Schauer.

Bildungsministerin Karin Prien (CDU) verweist darauf, dass Schleswig-Holsteins Viertklässler bei einem bundesweiten Vergleichstest im Oktober noch „recht ordentliche Ergebnisse erreicht“ hätten. Dennoch erkennt die Politikerin „Handlungsbedarf“ an den Grundschulen. Dazu zähle die Wiedereinführung der Pflicht zur Schreibschrift, das Ziel eines Mindest-Wortschatzes und in der Tat mehr Unterricht. Deshalb habe die Jamaika-Koalition bereits beschlossen, in den kommenden zwei Jahren jeweils eine Stunde in Klasse 1 und 2 draufzusatteln.

Mit mehr Zeit noch besser werden
ein Kommentar von Frank Jung

Wird über Flickenteppiche im Schulwesen geklagt – dann stehen meist die von Land zu Land variierenden Anforderungen an die Abschlüsse in der Kritik. Dass aber die Unterschiede selbst schon am Anfang des Bildungswegs so groß sind, überrascht dann doch. Das provoziert die Frage, wie man begründen will, dass ein Erstklässler, der etwa in Hamburg-Stellingen lebt, pro Woche sieben Stunden mehr Unterricht erhält als jemand nebenan im schleswig-holsteinischen Rellingen. Die Differenz ist grotesk.

Sicher macht es die Zahl der Stunden nicht alleine: Schleswig-Holstein hat erst im Herbst beim bundesweiten Leistungsvergleich von Grundschülern deutlich besser abgeschnitten als manche Länder mit mehr Stunden. Das zeigt, dass es auch darauf ankommt, was man aus der zur Verfügung stehenden Zeit macht – und da brauchen sich die Grundschullehrer im „echten Norden“, wie der Test zeigt, nicht zu verstecken. Dennoch reichen die Defizite vieler Schüler für die Erkenntnis, dass es mit mehr Unterrichtszeit durchaus noch besser werden kann und muss. Daher ist die Absicht der neuen Landesregierung überfällig, bei den Grundschulstunden draufzusatteln. Wie das beim  leergefegten Markt für Grundschullehrer zügig gehen soll, bleibt ihr Geheimnis. Die Pflichtstundenzahl pro Lehrer liegt hier im Bundesvergleich bereits am Maximum.

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