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Ausbau der Windkraft in SH : Neue Regionalpläne: Zwei Prozent der Landesfläche sollen genutzt werden

Mit größeren Abständen will die Regierung Bürger entlasten. 2025 sollen im Norden 3600 Windräder stehen.


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21. August 2018, 17:37 Uhr

Kiel | Auf nicht ganz zwei Prozent der Landesfläche will Schleswig-Holstein 2025 rund zehn Gigawatt Windkraftleistung produzieren. Am Dienstag beschloss das Kabinett neue Regionalpläne zum Ausbau der Windkraft. „98 Prozent des Landes werden auch weiterhin von Windenergieanlagen freigehalten“, sagte Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) bei der Vorstellung der neuen Pläne. Exakt 1,95 Prozent der Landesfläche wollen CDU, Grüne und FDP künftig als Vorranggebiete für Windgebiete ausweisen. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sprach von einer „sehr klugen Lösung“.

Der zweite Entwurf der Koalition enthält gegenüber der ersten Fassung von Dezember 2016 ein Fünftel neue Vorrangflächen. Im gleichen Umfang wurden ehemals geplante Gebiete gestrichen. „Die 6500 Einwendungen haben zu erheblichen Änderungen geführt“, sagte Grote. Die Auswertung umfasse rund 21.000 Seiten. Am 4. September startet im Internet ein neues öffentliches Beteiligungsverfahren.

Von den aktuell 3100 Windrädern befinden sich gut 1000 außerhalb der 361 künftigen Vorrangflächen. Sie haben nur noch technischen Bestandsschutz. Nur auf Vorrangflächen ist weiterer Zubau und der Austausch alter durch neue, leistungsstärkere Windräder – das sogenannte Repowering – möglich.

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Naturschutzbeschränkungen werden gelockert

Grote und Habeck rechnen damit, die Regierungsziele bei den erneuerbaren Energien mit den neuen Plänen zu erreichen. Sie hätten mit 3,2 Megawatt einen konservativen Durchschnittswert für neue Windräder berücksichtigt, sagte Habeck. „Schleswig-Holstein hat eine abgewogene Flächenplanung vorgelegt und gleichsam seine akut anstehenden klimapolitischen Hausaufgaben gemacht.“

Grote geht davon aus, dass sich 2025 im Norden 3600 Windräder drehen werden. Die Mindestabstände der Anlagen zu Siedlungen wollen CDU, Grüne und FDP auf mindestens 1000 Meter anheben, in jedem Fall aber so weit wie die fünffache Höhe der Räder. In dünn besiedelten Gebieten müssen Anlagen die dreifache Anlagenhöhe, mindestens aber 400 Meter Abstand zu Wohnhäusern haben.

Im Gegenzug werden Beschränkungen etwa im Naturschutz gelockert. Habeck kann mit den geplanten Einschnitten leben, auch weil der Greifvogelbestand im Norden wächst. „Mir tut nichts weh“, sagte der Grünen-Politiker. Beispielsweise werden die Mindestabstände von Windrädern zu Horsten von Rotmilanen und Weißstörchen gesenkt.

Schleswig-Holsteiner können Stellung nehmen

Bis Anfang 2019 haben die Schleswig-Holsteiner Zeit, zu den im Internet veröffentlichten neuen Plänen Stellung zu nehmen. Derzeit gilt im Norden grundsätzlich ein Genehmigungsstopp für neue Anlagen. Das Oberverwaltungsgericht in Schleswig hatte vor rund drei Jahren die bis dato geltenden Pläne zum Windkraft-Ausbau gekippt. Die Landesregierung will aber weiter Ausnahmegenehmigungen für Windräder erteilen. „210 Anträge sind bereits in Bearbeitung“, sagte Habeck.

Laut des Landesvorsitzenden des Bundesverbandes Windenergie, Reinhard Christiansen, geht es dabei um 600 Megawatt Leistung und ein Investitionsvolumen in Höhe von einer Milliarde Euro. „Wir sind als Verband sehr zufrieden, dass die Landesregierung ihr Ziel nicht aus dem Auge verloren hat“, zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft bereitzustellen, sagte er. „Insgesamt kann man damit wahrscheinlich leben.“ Er rechnet mit einer dritten Anhörung für die Pläne.

Wichtig sei, dass in der Zwischenzeit neue Anlagen gebaut werden könnten, sagte Christiansen. „Wir haben ja totalen Stillstand gehabt.“ Hersteller hätten bereits Mitarbeiter entlassen. In Schleswig-Holstein wurden im 1. Halbjahr 22 Windkraftanlagen mit einer Leistung von 62,6 Megawatt neu gebaut. Das waren lediglich 3,8 Prozent der bundesweiten Ausbauleistung; acht Bundesländer schafften mehr. Bei der gesamten installierten Windkraft-Leistung fiel das Land auf den dritten Platz zurück hinter Niedersachsen und Brandenburg.

Opposition übt Kritik an den Plänen der Landesregierung

„Robert Habeck und der Rest der Jamaika-Regierung haben es zugelassen, dass ein Jahr damit vergeudet wurde, neue Ausbaupläne zu erstellen, nach denen sich für über 90 Prozent der Menschen ohnehin nichts ändern wird“, sagte der SPD-Energiepolitiker Thomas Hölck. Die Änderungen gingen hauptsächlich zulasten des Natur- und Artenschutzes. Das sei „der Gipfel der Heuchelei grüner Umweltpolitik“. Die Koalition habe die Windenergiebranche unnötig in Schieflage gebracht. „Mittlerweile sind Tausende von Jobs in Gefahr.“

Enttäuscht zeigte sich auch der Verein Gegenwind. Von der Erhöhung des Mindestabstands zu Wohnhäusern profitiere „in Wahrheit nur ein minimaler Anteil der Betroffenen“. Zwei Drittel der Windvorrangflächen seien bereits bebaut. Deshalb komme nur ein Drittel der Flächen für größere Abstände in Frage. „Die meisten Menschen werden weiterhin mit Windkraftanlagen, die über 200 Meter hoch sind, in weniger als 700 Meter Entfernung leben müssen.“

Kommentare

  • 23.08.2018 | 11:41 Uhr
    Helmut Thomsen

    Eiskalt und rücksichtslos

    "Mir tut nichts weh". Das dürfte nicht nur ehrlich gemeint sein und einen Einblick in die Denkstrukturen der Grünen Seele sowie der Typen die per EEG nur abzocken wollen geben sondern es ist zudem ein Verhöhnung der Menschen, die ihr Lebensumfeld und -qualität schützen möchten oder und für den Arten- und Landschaftsschutz kämpfen.
    Diese Verbrecher zerstören unter dem Deckmantel Klimaschutz unser Land.

  • 22.08.2018 | 19:18 Uhr
    Helmut Erb

    Dreist. Dreister. Landesregierung.

    Seinerzeit hat der Kandidat versprochen, den Ausbau der Windenergie mit dem Ausbau der Netze zu synchronisieren, um so den Wegwerfstrom binnen fünf Jahren auf Null zu bringen. Heute ist er Ministerpräsident, weiß, daß Südlink nicht vor 2025 fertig sein kann, und induziert mit dem nun beschlossenen Ausbau einen steilen Anstieg des Einspeisemanagements zu Lasten der Stromkunden.

    Zu keinem Zeitpunkt des Planungsprozesses hat die Landesregierung erwogen, vom doppelten Ziel zwei Prozent und zehn Gigawatt abzurücken. Kein Wunder, denn nach den Bekundungen des Innenministers hat der Ausbau der Windenergie absolut oberste Priorität, ohne Wenn und Aber. Vor diesem Hintergrund ist es wirklich eine Frechheit, daß der Innenminister in seiner Pressemitteilung den Menschenschutz hervorhebt, als hätte der irgend eine Rolle gespielt.

    Die Landesregierung opfert für das Phantom „Klimaschutz“ prägende Merkmale Schleswig-Holsteins, statt Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie Erholungswert von Natur und Landschaft zu schützen und zu sichern.

    Zufrieden, sogar sehr zufrieden, ist der Bundesverband Windenergie. Ein ganz schlechtes Zeichen.

  • 21.08.2018 | 20:35 Uhr
    Rupert Rompel

    Hauptsache 2%: Lasst endlich einen Naturwissenschaftler ins Umweltministerium!

    Auf den physikalisch nachweisbaren Blödsinn der „2%“ angesprochen, antwortete der CDU-Fraktionsvorsitzende im schleswig-holsteinischen Landtag, Tobias Koch, noch am 15.5.2018 schriftlich folgendermaßen:

    „Vollkommen zu Recht stellen Sie in Ihrem Schreiben in diesem Zusammenhang die Ausrichtung auf 2% der Landesfläche in Frage. Wir sind uns in der Koalition darüber einig, dass die Energiemenge von 10 Gigawatt die entscheidende Zielmarke ist und es nicht vorrangig darum geht, unbedingt 2% der Landesfläche mit Windenergieanlagen auszustatten. Die Angabe von ca. 2% der Landesfläche ist deshalb lediglich als Hilfskriterium für das Erreichen des eigentlichen Energiemengenziels zu betrachten.“

    Verfolgt man jetzt die Berichterstattung in der shz und im NDR, so wird in dem 2. Entwurf des Regionalplans wieder diese Zahl (jetzt 1,95 %) genannt, von der doch zumindest die CDU mittlerweile einzusehen schien, dass sie physikalischer Nonsens ist. Die beiden anderen Regierungsparteien hielten sich seinerzeit auf Anfrage bedeckt, weil ihnen das Thema wohl zu komplex ist.

    Übrigens sind auch die genannten 10 GW bis 2025 genauso aus der Luft gegriffen wie seinerzeit Albig’s obskure 12 GW. Die Bundesnetzagentur kommt nach sorgfältiger Prüfung und unter Berücksichtigung aller Klimaschutzziele auf 8,5 GW für Schleswig-Holstein bis 2035!

    Man fragt sich nach 7 Jahren Energiewende und einer Fülle vorliegender Zahlen aus der Bundesnetzagentur und anderen Veröffentlichungen sowie Milliarden nutzlos verschwendeter Gelder für EinsMan- und Redispatchmaßnahmen, wie lange hiesige Politiker brauchen, um die Energiewende endlich als physikalische Aufgabenstellung und nicht als eine philosophische Seminarübung zu begreifen.

  • 21.08.2018 | 18:30 Uhr
    Mathias Werner

    Hauptsache 2%

    Man kann es nicht mehr hören: "2% der Landesfläche sind erforderlich, um die gesteckten Klimaziele in Schleswig-Holstein zu erreichen". Und: "98% der Landesfläche wird von Windkraft freigehalten." Man wähnt sich in einer verbalen Endlosschleife der grün dominierten Landespolitik. Einerseits wird dem uninformierten Bürger weiter suggeriert, dass mit 98% (!) "windkraftfreier" Landesfläche doch nur ein verschwindend geringer Teil Schleswig-Holsteins betroffen wäre. Was angesichts der enormen Fernwirkung fernsehturmhoher WKAs natürlich ein bitterer Witz ist. Andererseits hält man dogmatisch an dem von den Grünen geforderten 2%-Flächenanspruch fest. Wider besseren Wissens, denn: Man braucht angesichts des technischen Fortschritts bei neuen WKAs bei weitem nicht so viel Fläche wie berechnet. Von 2015 bis heute hat sich die Effizienz moderner WKAs nach Herstellerangaben um bis zu 40% (!) gesteigert. Also 40% mehr Strom aus gleich hohen 150m-Anlagen. Die Flächenberechnung der Regionalplanung berücksichtigt dies und die immer stärkere Rolle von Offshore-Windkraft allerdings nicht. Mit Abstrichen wären im Umkehrschluss wahrscheinlich nicht mal 1,5% der Landesfläche nötig, um die hohen grünen Ziele zu erreichen. Von dem mangelnden Abtransport des Windstroms und den munter weiter steigenden Milliardenkosten der Energiewende mal ganz zu schweigen. Lieber erstmal weiter Geisterturbinen verbauen und die subventionsbedürftige Windindustrie stützen. Herrn Habeck tut dies nicht weh. Ist ja auch wichtig.

  • 21.08.2018 | 15:14 Uhr
    Godehard Schmidt-Goertz

    "Mir tut nichts weh", sagt Robert Habeck

    Zitat: "Im Gegenzug werden Beschränkungen etwa im Naturschutz gelockert. Zufrieden mit dem Ergebnis zeigte sich auch Umweltminister Robert Habeck. „Mir tut nichts weh“, sagte der Grünen-Politiker." (Zitat Ende)

    Das war schon vorher klar. Wenn es um die Durchsetzung ihrer Energiewende geht, juckt die Grünen weder der Natur- und Umweltschutz, noch das Wohl der betroffenen Menschen. Dabei verhält es sich mit der grünen Energiewende genau so, wie mit der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit: es bringt alles nichts! Das Klima ändert sich trotzdem. Aber das ist den Grünen einfach egal:"Wenn die Wirklichkeit nicht zur Theorie passt, umso schlimmer für die Wirklichkeit" (Karl Marx).

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